la chiesa (michele soavi, italien 1989)

Veröffentlicht: Oktober 3, 2016 in Film
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LA CHIESA, Michele Soavis zweiten Spielfilm, mochte ich damals nicht besonders, heute hat er mit hingegen ausgezeichnet gefallen. Da sage noch einer, man schaue ältere Filme nur aus nostalgischer Verklärung. Ich hatte es anlässlich einiger anderer Filme schon einmal geschrieben: Die italienischen Horrorfilme aus jener Zeit, als der Niedergang schon nicht mehr aufzuhalten war, mögen weniger gut beleumundet sein als die allgemein geliebten und verehrten Klassiker aus den Siebziger- und den frühen Achtzigerjahren, aber sie haben im Idealfall eine einzigartige sinnliche und ästhetisch Qualität, die eng mit dem zusammenhängt, was an ihnen gemeinhin kritisiert wird. LA CHIESA, eigentlich ein kaum verhohlenes, ins Sujet des Okkultschockers verlegtes Remake von Argentos INFERNO, ist ein guter Beleg dafür. Der gemeine „Italofan“ mag die Anwesenheit lieb gewonnener Stars vermissen (lediglich Giovanni Lombardo Radice ist mit von der Partie), die geleckte Eighties-Optik, das Fehlen gammliger italienischer Straßenzüge und die hohe Zahl uncharismatischer, gestriegelter und gegelter Hackfressen bemängeln, aber diese Elemente begünstigen auf der anderen Seite auch die enigmatische Atmosphäre des Films. Soavi interessiert sich rein gar nicht für eine wie auch immer geartete Realität – besonders rätselhaft wird es bei ihm immer, wenn er zu erkennen gibt, dass er tatsächlich ein Erdenbürger ist, wie in einer Discoszene im letzten Drittel des Films -, schirmt seine Geschichten und Charaktere geradezu hermetisch von jeder alltäglichen Banalität ab und kreiert Welten, in denen nichts sicher, aber alles möglich ist.

Der Film beginnt mit einem Gemetzel, dass ein christlicher Ritterorden an vermeintlichen Satanisten anrichtet: Arme, wehrlose Dorfbewohner werden brutal absgeschlachtet und in einem Massengrab verscharrt, auf dem dann die Kathedrale errichtet wird, der LA CHIESA den Titel verdankt. Dort passieren dann in der Gegenwart des Films äußerst merkwürdige Dinge: Im Keller tut sich ein bodenloser Schlund auf, Menschen erliegen seltsamen Visionen und verwandeln sich in sabbernde Monstren, einige Touristen werden eingeschlossen und fallen dann nacheinander dem dämonischen Treiben zum Opfer, bis das gothische Bauwerk schließlich einstürzt und alles unter sich begräbt.

Zu Beginn stehen die Restaurateurin Lisa (Barbara Cupisti) und der Bibilothekar Evan (Thomas Arana) im Mittelpunkt des Geschehens, aber irgendwann werden sie von den immer chaotischer werdenden Vorgängen an den Rand gedrängt und der schwarze Priester Gus (Hugh Quarshie) und die kleine Lotte (Asia Argento) geraten in den Fokus. Der Versuch, einen geschlossenen Plot aus dem wilden Bilderreigen zu filtern, bleibt einigermaßen erfolglos und übersieht die Stärken von Soavis Film: Die große Kreativität, die er bei der Zeichnung albtraumhafter Bilder und der Schaffung jener schon erwähnten Atmosphäre an den Tag legt. Unterstützt wird er dabei von Keith Emerson und Goblins sakral-fiebrigem Score und den tollen Effekten, die deutlich über dem Standard liegen, den man zu dieser Zeit aus Italien gewohnt war. Wenn sich am Ende der Erdboden auftut, und eine Statue aus lebenden, nackten Leibern emporfährt, ist das schon ziemlich großes, bildgewaltiges Kino, das den Vergleich mit Meister Argento nicht zu scheuen braucht. Aber auch die kleineren Momente verfehlen ihre Wirkung nicht: Die alte Frau, die die Kirchenglocke läutet, indem sie mit einem abgehackten Kopf dagegenschlägt, vergisst man nicht so schnell, genauso wenig wie die Vergewaltigung durch den Leibhaftigen höchstselbst. Man muss es Soavi hoch anrechnen, dass er solche Szenen mit Stil über die Bühne bringt: Bei einem weniger begabten Filmemacher wäre da gewiss Schicht im Schacht gewesen, hier werden die Augen von Minute zu Minute größer und das Chargieren der überwiegend talentfreien Nebendarsteller verstärkt den Verfremdungseffekt den Soavi anstrebt. Wie traurig, dass dieser  große Genrefilmer dem Niedergang der italienischen Filmindustrie zum Opfer fallen musste. Andererseits hat er der Nachwelt vier nahezu makellose Filme hinterlassen.

 

 

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