macabro (lamberto bava, italien 1980)

Veröffentlicht: Oktober 19, 2016 in Film
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macabre7Der deutsche Titel MACABRO – DIE KÜSSE DER JANE BAXTER begleitet mich auch schon seit Jahrzehnten, dank des Horrorfilm-Lexikons aus dem Hause Hahn/Jansen. Die Inhaltsangabe empfand ich aber als ziemlich verstörend und malte mir den Film immer als kalten, handlungsarmen Kunstschocker aus. Dieses Bild verfing sich irgendwie durch Selbstsuggestion: Auch als ich längst wusste, wer dieser Bava ist und was für Filme er sonst so machte, traute ich mich an sein Regiedebüt nicht so recht heran. Wer weiß, wofür es gut war, denn immerhin kann ich heute verlautbaren, dass Bava mit MACABRO einen Einstand nach Maß feierte und gleich einen seiner besten Filme vorlegte (soweit ich das beurteilen kann, denn es gibt da noch viele Lücken, die ich zu schließen habe). Will sagen: MACABRO ist toll.

Ganz anders als man es bei einem Horrorfilm aus dem Jahr 1980 vielleicht erwartet, handelt es sich weder um einen Slasherfilm, noch um einen Zombie-, Kannibalen-, Alien- oder Okkultismusschocker, sondern um ein finsteres Psychogramm um Wahnsinn und – Obacht! – Nekrophilie. Bei seinem Pièce de resistance angelangt, steht MACABRO den blutigen Vertretern oben genannte Subgenres was puren Ekel angeht in nichts nach, der Effekt ist aber ungleich verstörender, gerade weil Bava seinen (u. a. von Pupi Avati gescripteten) Film so ruhig und bedacht inszeniert – und natürlich weil das Gezeigte deutlich näher an der Realität liegt als auferstandene Tote. Bavas Vorbilder waren also keine grellen Schocker, sondern wohl in erster Linie ein Film wie Polanskis REPULSION: ein Film, der den langsamen geistigen Verfall einer jungen Frau gewissermaßen aus der Innenperspektive zeigte. Wie Polanskis einflussreicher Thriller spielt auch MACABRO überwiegend in den abgeschlossenen Räumen eines Hauses, die handelnden Figuren sind im Wesentlichen die Protagonistin Jane Baxter (Bernice Stegers) sowie ihr Vermieter, der blinde Robert (Stanko Molnar), ein schüchterner junger Mann, der ein Faible für seine einzige Mieterin entwickelt – und ihrem dunklen Geheimnis auf die Schliche kommt, das sie in einem abgeschlossenen Gefrierschrank aufbewahrt.

Es passiert nicht viel, Bava lässt sich Zeit damit, langsam eine Ahnung aufzubauen. Bernice Stegers ist großartig als Jane Baxter, weil sie ganz normal scheint, dann aber wieder einen Blick auflegt, der an ihrem Verstand zweifeln lässt. Nur konkret wird lange Zeit nichts. Kritisieren könnte man, dass das an Terence Youngs WAIT UNTIL DARK angelehnte Spiel mit Roberts Blindheit dem Film nicht wirklich etwas bringt: Man sorgt sich etwas um den jungen Mann, aber um wirklich mit ihm mitzufiebern, ist er selbst viel zu seltsam. Außerdem: Eine wirklich konkrete Bedrohung gibt es ja gar nicht. Klar, man ahnt, dass bei Jane ein paar Schrauben nachgezogen werden müssten, aber sie zeigt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie zur blutrünstigen Mörderin würde. Dieser kleine Makel fällt aber nicht weiter ins Gewicht, weil Robert und Jane so ein schönes Paar sind, gerade das Mit- und Nebeneinander der beiden Freaks unter einem Dach sehenswert und ungewöhnlich ist. Es ist ein bisschen schade, dass es zwischen ihnen nicht funkt: Wohl auch, weil der Film dann engültig wie eine Genreversion eines D’Amato-Softsexers wirken würde. Nicht nur, dass MACABRO wie so viele Filme des Meisters aus den Achtziger- und Neunzigerjahren in Nw Orleans gedreht wurde, Jane Baxter könnte mit der Lust, die sich in ihren Augen abzeichnet, als sie sich auf den Weg zu ihrem Lover macht (dabei ihre Kinder sorglos der Obhut ihres Gärtners überlassend), auch gut eine D’Amato-Heldin sein. Sie wäre gewiss besser damit gefahren und hätte Sex mit Robert haben dürfen, statt mit einen fauligen Kopf. Hinterher ist man immer klüger.

 

 

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