zûmu in: bôkô danchi (naosuke kurosawa, japan 1980)

Veröffentlicht: Oktober 20, 2016 in Film
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zoom-in-rape-apartmentsTristesse Royal. In einer noch nicht ganz fertig gestellten, irgendwo auf der grünen Wiese weit draußen vor der Stadt hochgezogenen Plattenbau-Neubausiedlung geht ein Serienvergewaltiger um, der seinen Opfern nach vollzogener Tat auch noch ein Feuer zwischen den Beinen legt und sie so umbringt. Die hübsche Saeko (Erina Miyai), die vor einiger Zeit selbst eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen musste, vermutet, dass der Täter ihr ehemaliger und neuer Liebhaber Sachi (Yôko Azusa) sein könnte: Er besitzt nämlich ein ungewöhnliches Werkzeug, mit dem auch Saeko einst bedroht worden war.

Ob Sachi nun der Täter ist oder nicht, spielt im Verlauf des Films nur eine untergeordnete Rolle. Mehr als einer Geschichte oder einer konventionellen Auflösung ist er einer speziellen Atmosphäre und Bildwelt verpflichtet, für die der Schauplatz repräsentativ ist. Die Neubausiedlung ist noch in der Fertigstellung begriffen, viel eher aber sieht sie aus, als seien die Betonskelette der Häuser von der Apokalypse verschont worden. Auf den Betonpisten, die sich durchs Ödland ziehen, den von Bauschutt und Schrott übersäten Plätzen versammeln sich die traurigen, gesichtslosen Menschen, die dort leben, wie die Zombies, die in DAWN OF THE DEAD den Parkplatz vor der Shopping Mall bevölkern (ich musste auch mehrfach an Manfred Stelzers freilich ganz anders gelagerten DIE PERLE DER KARIBIK denken, der aber ein sehr ähnliches Setting hat). Die Kremation einer Leiche wird etwa von einem geistig behinderten Mädchen beobachtet, das sich Essbares aus dem Müll in den Mund stopft. Nice.

Kurosawa – nicht verwandt oder veschwägert – lässt seinen Film immer weiter Richtung eines bleichen, der Welt fremd und unverwandt gegenüberstehendem Surrealismus entgleiten, der am Ende die Frage aufwirft, was von dem, was man da eben gesehen hat, überhaupt „real“ war: Heldin Saeko bemerkt am Ende, dass ihr Urin die Beine hinuntertropft. Ein Blick zurück zeigt, dass sie eine Feuerspur hinter sich herzieht. Eine Schwangere, die ihr entgegenkommt, geht ohne Vorwarnung in Flammen auf. Der Serienvergewaltiger und -mörder ist auch nur eine Ausprägung jener totalen Entffremdung, die das Individuum in einer Umwelt erfährt, die dazu gemacht wurde, ihn zu brechen. Ein faszinierender Film mit deutlichen Giallo-Anleihen (schwarze Handschuhe, schwarzer Mantel, fiese Stichwaffe), dessen erheiterndster Moment die Demütigung ist, die der Klavierstimmer Sachi von einer zickigen Kundin erfährt: „You lowly tuner!“ Da bedauert man fast, dass man kein Klavier zu Hause hat.

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