candyman (bernard rose, usa 1992)

Veröffentlicht: Oktober 26, 2016 in Film
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mpw-53180Nach THE AMITYVILLE HORROR ist das der nächste Horrorfilm, der nur bedingt als solcher funktioniert – aber trotzdem ungleich besser ist. Klar, Clive Barker hatte für die Vorlage und das Drehbuch gesorgt, es splattert hin und wieder recht heftig, mit der Titelfigur gibt es ein Monster, das die Macher wohl zu gern als nächsten Freddy, Jason oder Pinhead aufgebaut hätten, und Abonnenten des „Goldenen Blatts“, denen die Geschichte um das Ehepaar Lutz und ihr verwunschenes Häuschen noch ein wohliges Gruseln beschert hatte, wären hier wohl schreiend davon gelaufen. Dennoch meine ich, dass bei CANDYMAN andere Aspekte im Vordergrund stehen als das Bedürfnis, dem Zuschauer einen Schrecken einzujagen. Bleibt eine Sekunde bei mir.

Helen Lyle (Virginia Madsen) ist eine Wissenschaftlerin, die gemeinsam mit ihrer Freundin Bernadette (Kasi Lemmons) an einer Abhandlung über urbane Legenden arbeitet. Bei ihren Forschungen stoßen sie auf den Mythos des „Candyman“: ein Dämon, der angeblich erscheint, wenn man vor dem Spiegel fünf Mal seinen Namen ruft. Zu ihrem Erstaunen erfährt Helen, dass der Candyman (Tony Todd) im überwiegend von Schwarzen bewohnten Housing Project von Cabrini Green immer noch sein Unwesen treibt. Tatsächlich begegnet sie ihm – und ist bald die Hauptverdächtige in einer Reihe brutaler Morde …

Zentral für das (oder eher: mein) Verständnis von CANDYMAN sind zwei Dinge: Erstens die kurze Szene, die eine direkte Verbindung von Helens eigener Wohnung mit dem Plattenbau von Cabrini Green durch einen Wandspiegel suggeriert, zweitens die Tatsache, dass es das Housing Project, in dessen Umgebung weite Teile des Filmes spielen, wirklich existierte. In den 1942 errichteten Häuserblöcken lebten zur Spitze bis zu 15.000 Menschen in knapp über 3.000 Wohneinheiten. Obwohl in einer vergleichsweise guten Gegend angesiedelt, wurde Cabrini Green landesweit zum Synonym für die Probleme mit sozialen Wohnprojekten: Gangs formierten sich und lieferten sich blutige Auseinandersetzungen, die Verbrechensraten stiegen in ungeahnte Höhen, die Stadt überließ die Häuser und ihre Bewohner sich selbst, den stetigen Verfall noch forcierend. Im Jahr 2011 wurde schließlich das letzte Gebäude der Siedlung abgerissen.

Roses Film richtet seinen Fokus auf die Reise, die seine weiße intellektuelle Protagonistin in das für sie unbekannte Terrain unternimmt – die Parallelen zu „Alice in Wonderland“ sind dank des Spiegelmotivs unübersehbar. Nicht Helens Forschung steht im Mittelpunkt ihres Interesses, sondern das Eintauchen in eine fremde Welt, eine Welt, in der sie ein Eindringling ist, dessen Auftreten als Provokation oder gar Bedrohung angesehen wird (mehrfach sagt sie, dass sie nichts zu befürchten hätten, da sie für Cops gehalten würden). Es steckt eine gewisse Anmaßung und Arroganz in ihrem Eindringen, darin, wie sie in das Gebäude hineinspaziert und in Wohnungen herumschnüffelt, in denen unter ärmlichsten Verhältnissen lebende Menschen einen grausamen Tod gefunden haben. Aber Helen fühlt sich privilegiert dazu: Schließlich lebt sie in einem Haus, das selbst als Housing Project gedacht war, bevor man ein schniekes Apartementhaus mit teuren Wohnungen daraus machte. (Der reale Abriss von Cabrini Green erfolgte übrigens auch aus dem Grund, weil Grundstücksmakler viel Geld mit dem Grund und Boden, auf denen die Häuser standen, verdienen konnten.) Helen ist keine Rassistin: Aber sie hat die materielle und soziale Überlegenheit gegenüber ihren afroamerikanischen Mitbürgern total verinnerlicht.

Meiner Meinung nach handelt CANDYMAN nicht zuletzt von den Barrieren zwischen den „Rassen“ (im Sinne des englischen Wortes „race“ verstanden), von den Versuchen, sie zu von unterschiedlichen Seiten aus zu überschreiten und den jeweils gleich schmerzhaften, aber doch sehr unetrschiedlichen Resultaten. Auch der Candyman, Sohn eines Sklaven, der durch eine Erfindung zu Geld kam, übertrat einst diese Grenze. Er verliebte sich in eine weiße Frau, wurde mit ihr erwischt, von ihren aufgebrachten Verwandten brutal verstümmelt und schließlich ermordet. Nun kehr er zurück, nicht zuletzt, um sich mit Helen zu vermählen, zu der er eine rätselhafte Beziehung eingeht. Anstatt sie umzubringen, wie er es mit allen anderen tut, die ihm begegnen, macht er sie zu seiner Verbündeten, zwingt sie in die Rolle des Aggressors, macht sie aber gleichzeitig auch zum Opfer. Er zieht sie auf seine Seite und treibt sie immer weiter in den Wahnsinn – und schließlich, am Ende des Films, in den Tod.

Der Candyman-Mythos ist eigentlich kaum mehr als der McGuffin, der eine auf handfesten sozialen Realitäten fußende Geschichte lostritt. Auch wenn Tony Todds Dämon – dessen poetischen, sadomasochistischen Dialogzeilen mehr als einmal an Pinhead aus HELLRAISER erinnern – zum Ende hin immer häufiger in Erscheinung tritt, die blutigen Morde und Helens Schicksal reichlich horribel sind: Der Blick auf die Elendsviertel inmitten der Metropole Chicagos, die Existenz einer völlig vom Rest der Gesellschaft abgeschotteten community, die Unmöglichkeit, eine Einheit zu schaffen, verursachen eine tiefe Traurigkeit im Zuschauer, die den Schrecken, den ein paar Splattereffekte auslösen, völlig überlagert. Philip Glass‘ ätherischer Score unterstreicht diesen Aspekt noch, lässt das Abtauchen Helens in die Ghettos von Cabrini Green als fiebrige Odyssee erscheinen, obwohl die Frau doch lediglich einen anderen Stadtteil bereist. Wie bitter ist das?

Von Bernard Rose, der zuvor den hoch gelobten, mir aber immer noch unbekannten PAPER HOUSE gedreht hatte, hat man nach CANDYMAN erstaunlicherweise nicht mehr allzu viel gehört, obwohl er stetig weiter Filme drehte. Mit dem David-Garrett-Vehikel DER TEUFELSGEIGER kehrte er ja mehr als 20 Jahre nach seiner Clive-Barke-Verfilmung sogar zum Horrorfilm zurück. Spaß beiseite, CANDYMAN erfuhr einige Jahre später noch ein sehenswertes Sequel: Ich hatte anno 1996 das Vergnügen, CANDYMAN: FAREWELL TO THE FLESH beim Fantasy Filmfest zu sehen (den dritten Teil kenne ich nicht). Damals gefiel er mir sogar besser als das von mir als etwas behäbig empfundene Original, aber das sehe ich heute natürlich anders. CANDYMAN ist vielleicht kein wirklich erschreckender Film, aber er widmet sich einem Thema, das im Kino immer noch unterrepräsentiert ist, auf hoch ungewöhnliche, intelligente, bewegende und originelle Art und Weise.

 

 

 

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Ach ja, Candyman… – mit dem hab ich so meine Erinnerungen.

    Ich weiss noch wie sehr ich mich darüber geärgert habe, dass ich ihn nicht im Kino sehen konnte. Das Darmstädter Echo hatte eine überraschend wohlwollende, aber inhaltlich eher vage Kritik veröffentlicht – Horrorfilme wurden damals ja gerne entweder ignoriert oder verissen – und ich plante einen Besuch am Wochenende. Der Kinokomplex in Darmstadt namens „Helia“ – zwei große Säle und fünf Schachtelkinos – zeigte ihn nur in der Spätvorstellung. Sowohl Freitag als auch am Samstag wurde ich an der Kasse mit der Tatsache konfrontiert, dass die Vorstellung von „Candyman“ abgesetzt wurde. Es wurde ein weiterer Saal für den sehr gefragten „Bodyguard“ gebraucht und da fiel ein mässig gefragter Horrorfilm halt hinten runter. Und eine Woche später stand er garnicht mehr auf dem Spielplan. *grummel*

    Ich weiss wie sehr mich die eher distanzierte Erzählweise bei der späteren Videosichtung ansprach. Schon bei der Titelsequenz mit den von oben abgefilmten Strassen in Begleitung der Musik von Philip Glass hatte ich das Gefühl Insekten bei ihrem Treiben zuzuschauen – wuselig, aber in ihren Mustern eher rätselhaft. Ein wenig überträgt das dann wohl auch auf die urbanen Studien der Protagonistin. Ihr Schicksal bestimmt sich dadurch dass sie sich immer noch als Beobachterin fühlt, wo sie schon längst Teil des Geschehens ist. Die Vermischung von realistischer Umgebung und mythischen Erzählungen wurde filmisch effektiv umgesetzt und sorgte für einen Horrorfilm der den Kopf noch mehr ansprach als den Bauch.

    Zu Bernard Rose: seinen „Paper House“ hatte ich dann irgendwann später bei einer TV-Ausstrahlung gesehen. Ich kann mich nur nich daran erinnern, dass ich das Konzept interessanter fand als seine Ausführung. Und die Auflösung habe ich als süsslichen Kitsch abgespeichert. Da ich mittlerweile weitaus emotionaler auf Filme reagiere, wäre er durchaus eine Neusichtung wert.

    Letztes Jahr lief auf den Fantasy Filmfest eine Neuinterpretation von „Frankenstein“ von ihm. Konsequent aus der Sicht des Monsters gefilmt, hatte er interessante Ansätze – und eine schöne Gastrolle für Tony Todd – aber letztendlich liess mich das Geschehen eher kalt. Das Monster war eindeutig eine in die Welt geworfene Kreatur, die an dem Unverständnis auf das sie überall stösst leidet, aber dessen Reaktionen fielen immer dermassen gewaltätig aus, dass man kaum Empathie mit dem Geschöpf entwickeln konnte.

    So, dass war meine längere Auslassung zu Deinem Text der in mir den Wunsch erweckte die „Candyman“-DVD nach vielen Jahren mal wieder hervorzuholen – dafür nochmal vielen Dank.

    • Oliver sagt:

      Gern geschehen! Ich habe gestern mal geschaut, ob man DER TEUFELSGEIGER auf Amazon Prime schauen kann. Man kann, muss dafür aber 2,99 berappen. Das ist mir (noch) zu viel für den fragwürdigen Spaß.🙂

  2. […] Candyman, Candyman, Candyman, Candyman, Candym..! Oliver Nöding auf Remember It For Later mit einigen klugen Gedanken zu Bernhard Roses […]

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