body of lies (ridley scott, usa/großbritannien 2008)

Veröffentlicht: November 5, 2016 in Film
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body-of-lies-posterIch kann es ja doch nicht lassen, irgendwie schaue ich mir dann ja doch jeden Film des von mir so gern diffamierten Ridley Scott an. Dieser hier hatte beim Start keine Chance bei mir: Dass sich so ein ergrauter Herr Marke Oberstudienrat in einem Kino, wo der Film damals plakatiert war, zungeschnalzend zu der kennerhaften Bemerkung hinreißen ließ, diesen Film „müsse“ man einfach sehen, bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass wirklich nur die allerfantasielosesten Leute Ridley Scott für einen Meister halten. Naja, heute sehe ich das etwas entspannter. Der Mann hat zu Beginn seiner Karriere unfassbares Glück gehabt, bei den bahnbrechenden ALIEN und BLADE RUNNER mitwirken zu können, und hat seitdem im Schnitt kaum mehr als solide Unterhaltungsware für den leicht gehobenen Anspruch fabriziert. Was man aber durchaus auch als Leistung anerkennen kann, anstatt darauf herumzureiten, denn richtigen Schrott habe ich von ihm bislang auch noch nicht gesehen (na gut, GLADIATOR musste ich beim letzten Versuch angeekelt abbrechen). Zum „Meister“ gehört für mich allerdings etwas mehr und das zeigt auch BODY OF LIES, ein großer, gewiss ambitionierter Agententhriller um US-amerikanische Anti-Terror-Aktivitäten in Nahost, der ganz gut reinläuft und kompetent gemacht ist, aber kaum eine einzige neue Idee aufweist.

Aber das ist beileibe nicht das einzige Problem dieses Terrorismus- und Politthrillers, der ein bisschen so wirkt, als habe ein zigfach verschlimmbessertes Drehbuch zugrunde gelegen oder als habe man ursprünglich einen Dreistünder geplant, dann aber mittendrin beschlossen, dass zwei auch reichen. Dafür, dass da tonal in jeder Sekunde allergrößte Wichtigkeit signalisiert wird, kommt am Ende reichlich wenig rum: Dass die amerikanischen Geheimdienste mitnichten edle und unschuldige Ritter im Einsatz für das Gute sind, sondern mit ihren dubiosen Methoden ein Teil des Problems, hat man ja auch vorher schon geahnt, wenn man nicht komplett verblendet oder aber lachhaft uninformiert ist. In BODY OF LIES wird der Name „Guantanamo“ in einer Art und Weise verwendet, als glaubten die Macher, man müsse ihn nur oft genug aussprechen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Der Film schließt mit der Folter des Protagonisten (Leonardo DiCaprio) unter den Händen grimmiger Dschihadisten, so richtig eklig im Stil der berüchtigten Internetvideos gedreht, in die immer wieder Bilder reinflashen, die den Amerikaner als Folterer zeigen. Und Russell Crowe spielt einen amerikanischen Geheimdienstmann und Familienpapa, der über Headset auch dann noch Mordaufträge gibt, wenn er am Sportplatz seiner Tochter steht oder einkaufen geht. Eigentlich ein schöner Einfall, doch Scott will damit nicht etwa die von Hanna Arendt beschworene „Banalität des Bösen“ bebildern, sondern die moralische Verfemtheit dieses Mannes betonen, der doch wenigstens so pietätvoll sein könnte, sich für seine Machenschaften ins Büro zu begeben.Wer das für deep hält, ist mit BODY OF LIES tatsächlich gut bedient. (Immerhin beweist Crowe mit Plauze und Meckischnitt, dass er am besten ist, wenn er Durchschnittstypen spielt)

Auch dramaturgisch funktioniert Scotts Film nicht, er hat einfach keinen Rhythmus: Die ersten rund 75 Minuten sind im Grunde genommen Exposition und dann bleibt für die eigentliche Geschichte, die „Erfindung“ eines neuen Terroristen, kaum noch Zeit. Der Protagonist darf um eines runden Schlusses wegen von einer Szene zur nächsten Gewissensbisse bekommen und aussteigen, seine Verbündeten noch einmal bsonders nachhaltig unter Beweis stellen, dass sie Schweine sind, die auch ihre Oma verrieten, wenn es ihren Interessen diente. Das ist alles so offensichtlich und flach, dass es wehtut. Ich habe gestern noch einmal einen alten Artikel von Armond White gelesen, der die These aufstellt, dass es mit der amerikanischen Filmkultur 2004 den Bach runterging. Am Beispiel der damals heiß diskutierten THE PASSION OF CHRIST und FAHRENHEIT 9/11 macht er fest, dass es seitdem im Kino nicht mehr um die Auseinandersetzung mit der conditio humana gehe, sondern nur noch um tendenziöse Gesinnungshuberei. Ich weiß nicht, ob ich diese These in dieser Schärfe unterschreiben würde, aber BODY OF LIES ist ein Film, der seinen Plan, amerikanische Sicherheitspolitik als unmenschlich bloßzustellen, mit solch blinder Vehemenz betreibt, dass er darüber selbst unmenschlich wird. Hmm, wenn ich es mir recht überlege, ist dieser Film schon ziemlich scheiße.

 

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