trick or treat (charles martin smith, usa 1986)

Veröffentlicht: November 27, 2016 in Film
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trickortreatquadNach SHOCK ‚EM DEAD musste es einfach dieser Film sein: ein weiterer Vertreter des vor allem in den Achtzigerjahren reüssierenden Heavy-Metal-Horrorfilms, putzigerweise entstanden unter der Regie von Charles Martin Smith, der Brillenschlange aus DE Palmas THE UNTOUCHABLES, den man nun nicht unbedingt mit satanischen Lyrics und facemeltenden Gitarrensolos assoziiert. Der Film hinterließ keine echten Spuren, auch wenn er mit Gastauftritten von Gene Simmons (als Radio-DJ) und Ozzy Osbourne (als Fernsehprediger) sowie der Effektarbeit des späteren Chucky-Schöpfers Kevin Yagher aufwarten konnte. Den Soundtrack steuerte der ehemalige Motörhead-Gitarrist Fast Eddie Clarke mit seiner Combo Fastway im Verbund mit Christopher Young bei. Die Hauptrolle ging an den eher unbekannten Tony Fields, einen professionellen Tänzer (er starb 1995 im Alter von nur 36 Jahren), nachdem sowohl W.A.S.P.-Frontmann Blackie Lawless als auch Gene Simmons abgesagt hatten. Simmons gab an, dass ihm das Drehbuch nicht zugesagt habe, und das ist sofort nachvollziehbar.

TRICK OR TREAT verfolgt wie fast alle Vertreter des Subgenres eine Art Doppelagenda: Einerseits wird da mit der vor allem Jugendliche ansprechenden Musik auf die Zielgruppe geschielt, ihr rebellischer Gestus und ihre von gewalttätig über sexuell bis zu satanisch reichende Bildsprache als Inspiration für entsprechende erzählerische Winkelzüge und Effekte genutzt, die auf die Barrikaden gehende Elternschaft als scheinheiliger, bevormundender Haufen entlarvt. Andererseits bekommen diese Kritiker am Ende regelmäßig Recht, denn natürlich verbirgt sich in der übersteuerten Musik meist wirklich das Böse, dass die zunächst noch in ihrer Selbstentfaltung behinderten Kids an Leib und Leben bedroht. Protagonist von Smith‘ Film ist Eddie (Mark Price), aufgrund seines Geschmacks der Sonderling der Schule und den ständigen Übergriffen von Tim (Doug Savant) und seinen Jocks ausgesetzt. Eddies Idol ist der Metalsänger Sammi Curr (Tony Fields), der einst auf Eddies Schule ging und aufgrund seiner extravaganten Bühnenshow (man sieht ihn einmal, wie er eine Schlange durchbeißt und sich mit ihrem Blut besudelt) und suggestiven Texte Dorn im Auge des Establishments ist, und Eddie ist außer sich, als er von Currs Tod erfährt. Mithilfe einer raren Schallplatte von Currs letzter Aufnahme, die ihm der DJ Nuke (Gene Simmons) vermacht, erweckt Eddie den toten Rocker zu neuem Leben. Aber der hat dann nur Böses im Sinn und muss von seinem größten Fan gestoppt werden.

Die Story erinnert etwas an den putzigen BLACK ROSES, aber TRICK OR TREAT ist insgesamt ernsthafter: Gerade die erste Hälfte des Films, die sich der Darstellung von Eddies Einzelgängertum und der Befreiung widmet, die seine Musik für ihn bedeutet, ist eigentlich sehr einfühlsam und schön. Currs Musik spricht zu Eddie, er sieht sich in der Auflehnung des Musikers repräsentiert, sie macht sein eigenes Leben ein bisschen besser. Currs Tod trifft ihn daher besonders hart: Er fühlt sich um das einzige betrogen, was ihm noch einen gewissen Ausgleich zu den alltäglichen Frustrationen und Demütigungen verschaffte. Die Ablehnung, die „seine“ Musik bei anderen hervorruft ist auch nur die Dopplung der Ausgrenzung, die er täglich erfährt. In einer tollen Szene betrachtet seine Mutter angewidert die Plattencover in seinem Zimmer (u. a Megadeths „Killing is my Business“ und Exciters „Unveiling the Wicked“), bevor sie aus Versehen die Anlage einschaltet und ob des aus den Boxen dringenden Lärms in völlige Panik gerät, zunehmend hilflos und halb wahnsinnig vor Angst auf den Knöpfen herumhämmert: Ein schönes Bild für den unüberbrückbaren Graben zwischen der Elterngeneration und ihrem Nachwuchs. Wenn es dann im letzten Drittel ans Eingemachte geht, ist das zwar immer noch hübsch anzusehen – etwa Currs Auftritt in der Schulaula, bei dem er ein wahres Massaker anrichtet -, aber vor allem den Genrekonventionen statt einer über allem stehenden Idee verpflichtet. Was soll die Tatsache, das Curr als rachsüchtiger elektrischer Dämon aus dem Jenseits zurückkehr, uns sagen? Dass der vermeintlich kathartisch-therapeutische Effekt von Rockmusik ein Trugschluss ist, ein Mittel, um Opfer einzufangen, die es nicht besser wissen? Ich schätze, man darf diese Lesart ausschließen, aber TRICK OR TREAT bietet leider keine andere an.

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