leviafan (andrey zvyagintsev,russland 2014)

Veröffentlicht: Dezember 18, 2016 in Film
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arton9513Während des Films habe ich tierisch Lust auf Vodka bekommen. Bei jeder Gelegenheit werden diese charakteristischen Weißglas-Flaschen hervorgezaubert, der Kartoffelschnaps in Männer- und Frauenschlünde gekippt, dass es nur so eine Art hat, in den Aschenbechern türmen sich  Kippenberge, die ein bisschen an die unwirtliche Landschaft erinnern, in der die Geschichte von LEVIAFAN angesiedelt ist. Wenn die Protagonisten ungefähr zur Mitte des Films einen Ausflug unternehmen, den Geburtstag einer Nebenfigur an einem einsamen, zwischen zerklüfteten Felsen liegenden See feiern, was bedeutet, dass sie flaschenweise Wodka saufen, mit Gewehren herumballern, rauchen und von den Frauen zubereitete Schschlikspieße grillen, hat man das Gefühl, dass LEVIAFAN ganz bei sich ist. Es geht natürlich um viel mehr in diesem 150-Minüter, aber diese freudig-depressive russische Art, mit der das eigene Leid und die Absurdität des Daseins umarmt wird, fast so, als suche man nur einen Grund, sich mal wieder volllaufen zu lassen, ist schon ein wichtiger Bestandteil des Films.

Nikolay (Aleksey Serebryakov) lebt mit seinem Sohn Romka und seiner Partnerin Lilya (Elena Lyadova) in einem selbst gebauten Haus auf einem attraktiven Grundstück über einer Bucht der Barentssee. Schon sein Großvater lebte auf der Halbinsel,  doch nun ist Nikolay durch einen Gerichtsbeschluss enteignet worden. Der korrupte Bürgermeister Schelewjat (Roman Madyanov) will das Grundstück für sich: Als Entschädigung soll Nikolay einen geradezu lächerlichen Geldbetrag erhalten, der in der Stadt nur für eine heruntergekommene Bruchbude reicht. Zur Hilfe holt er sich seinen alten Freund Dmitryi (Vladimir Vdovichenko) aus Moskau, einen Anwalt, der auf dem Rechtsweg allerdings auch nicht viel ausrichten kann. Aber er hat eine Akte mit kompromittierendem Material gegen den Bürgermeister, von der er sich einiges verspricht. Genauso wie von der Affäre mit Lilya …

Der erwähnte Ausflug ist auch eine Zäsur im Film. Schon vorher sind die Protagonisten, die ihn bevölkern, nicht unbedingt zu beneiden – ihr Leben ist karg, ihre Arbeit – Lilya verdient ihr Geld in einer traurigen Fischfabrik – schäbig, Zerstreuung gibt es eigentlich gar nicht, das Wetter ist mies und man erwartet nicht mehr viel vom Leben -, aber es wird für sie irgendwie weitergehen, zumindest glauben sie das. Aber von diesem Moment der Unbeschwertheit (die nicht lange anhält, wohlgemerkt) an geht es konsequent bergab, ohne Atempause, mit beängstigender, unausweichlicher Konsequenz und schockierender Banalität. Dmitryis Plan, vorgetragen mit der naseweisen Großkotzigkeit des Städters, der meint, alles geblickt zu haben, scheitert jämmerlich, seine Epressungsversuche prallen an dem brutalen Bürgermeister einfach ab, aber nicht ohne, dass er den Aufmüpfigen mit einem saftigen Denkzettel nach Hause schickt. Die Zukunft von Nikolays Haus ist besiegelt, aber auch sonst wird ihm nichts bleiben, denn die Ereignisse bei jenem Ausflug ziehen bittere Folgen nach sich, ein Dominosteinchen nach dem anderen fällt, bis nichts mehr bleibt. Alles, was in LEVIAFAN bestand hat, sind die Macht von Kirche und Politik sowie die kalte Gleichgültigkeit der grauen Berge und der schwarzen See.

Nicht gerade fun stuff und ich weiß auch nicht genau, ob solch eine finstere Weltsicht wirklich produktiv ist. Ich kenne das Leben nicht, das die Menschen da oben leben, weiß nicht ob das Bild, das Zvyagintsev zeichnet, der Realität entspricht. Denkbar ist es schon und schaut man sich die maroden Settings an, die Bilder sterbender, zerfallender Städte, im Schlick steckender Schiffswracks und wettergegerbter, stumpf dreinblickender  Arbeiter, dann deutet das schon darauf hin, dass es für die Menschen an der Barentssee nicht viel zu Lachen und noch weniger Grund zur Hoffnung gibt. LEVIAFAN ist ein Schwanengesang auf eine einst große Nation – hier oben besiegte Alexander Newskij einst die Schweden -, deren Randprovinzen in Willkür und Depression versinken. Es sind die Menschen, die daran Schuld sind, ja, auch der Staat, aber vor allem weckt Zvyagintsev den Eindruck, dass sich hier einfach natürlicher Wille vollzieht. All things fall apart.

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