escape from l.a. (john carpenter, usa 1996)

Veröffentlicht: Dezember 20, 2016 in Film
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large_edjzjali1v5ps7dcmylt8cpf3dgDamals im Kino hatte Snake Plisskens gehauchtes „Nennen Sie mich Snake!“ schon für Begeisterungsstürme gereicht. Es war für mich, der altersbedingt nicht das Glück hatte, ESCAPE FROM NEW YORK im Kino sehen zu können, eines der schönsten Kinoerlebnisse überhaupt: Die damalige Kritik an ESCAPE FROM L.A. konnte ich zwar irgendwie nachvollziehen, aber gefühlt habe ich etwas anderes. Die gestrige Sichtung des Films auf Blu-ray, auf der er in den schönsten Farben erstrahlt, die famose Kameraarbeit von Gary B. Kibbe und die tolle Setdesigns zum Leuchten bringt, schloss direkt an die Kinoerfahrung von einst an und machte mir schlagartig wieder klar, wie toll dieses Sequel tatsächlich ist. John Carpenter ist damit meines Erachtens etwas ganz Besonderes gelungen: Er hat eine Fortsetzung geschaffen, die der seit dem Original vergangenen Zeit unverkennbar Rechnung trägt, ein Update, das der neuen Epoche angemessen und kein schnödes Retrogedöns ist, aber dabei dennoch vom selben Schrot und Korn. ESCAPE FROM L.A. ist bunter, witziger, bescheuerter und überdrehter als der Vorgänger, aber darunter schlägt immer noch das Herz des liberalen Zynikers, der mit Western aufgewachsen ist und das Genrekino liebt, der Autoritäten gegenüber skeptisch ist und mit dem Underdog mitfiebert.

ESCAPE FROM L.A. stellt inhaltlich eher eine Variation des Vorgängers dar als eine Fortsetzung, aber das Gefühl des „Been there, done that“, das damit einhergeht, unterstreicht noch einmal Carpenters Skeptizismus und Snakes Müdigkeit. Der Antiheld hat einfach nur die Schnauze voll von den immer gleichen Täuschungsmanövern und leeren Politikervrsprechungen. Der angry young man aus dem ersten Teil ist nun ein mit allen Abwassern gewaschener Veteran, seine Mission ein going through the motions. Was ihn am Laufen hält, ist sein Überlebenswille, insofern haben ihn seine Auftraggeber – Stacey Keach in der Lee-van-Cleef-, Cliff Robertson in der Donald-Pleasence-Rolle – genau richtig eingeschätzt, als sie ihm ein tödliche Injektion als Druckmittel verpasst haben. Plissken macht mit, aber eigentlich nur, um zu überleben, und seinen Peinigern am Ende vielleicht doch gepflegt in den Arsch treten zu können. Das Kriegsgebiet ist kein düsteres Loch mehr, sondern ein durch ein Erdbeben vom Rest der USA abgekoppeltes L.A., das nun als Exil für all jene fungiert, die gegen die Moral der neuen Spießernation verstoßen. Was man schon zwischen den Zeilen von ESCAPE FROM NEW YORK herauslesen konnte, das es Drinnen nämlich vielleicht besser ist als Draußen, wird hier zur Gewissheit und von einer Figur, der unglücksseligen Taslima (Valeria Golino), sogar expliziert – kurz bevor sie in der bittersten Szene des Films – einer Schlüsselszene – wie aus dem Nichts erschossen wird. Das L.A. aus Carpenters Film setzt dem spießigen Gottesstaat zwar eine kunterbunte Utopie voller durchgeknallter Individualisten entgegen, unter denen sich auch Hippie-Gottvater Peter Fonda als Surfer auf der Suche nach der ultimativen Welle wohl fühlt, aber die Kehrseite ist eine anarchische Gesellschaft, in der es keinerlei Rücksichtnahme mehr gibt und jedem Impuls nachgegeben wird – zum Beispiel jenem sich chrirgisch bsi zur Unkenttlichkeit zu verstümmeln. Am Ende kommt Plissken zum einzig logischen Schluss, nämlich dem, dass die Menschheit insgesamt keine Rettung verdient hat. Nach den Ereignissen der letzten Monate und Wochen muss man anerkennen, dass Carpenters Film 20 Jahre nach seinem Erscheinen erstaunlich zeitgemäß anmutet. Und dass, wo man ihn damals eigentlich schon zum Start als instantly dated diffamiert hat.

Grund waren nicht zuletzt die mäßig überzeugenden CGI und der Rückgriff Carpenters auf Mittel, die er schon zwanzig Jahre zuvor für sich genutzt hatte. ESCAPE FROM L.A. hat eine geradezu unverschämt dilettantisch animierte U-Boot-Fahrt komplett mit hektisch ins Bild schnappenden Riesenhaien zu bieten, dazu die schon im Original erprobte Ausleuchtung, die jeden Originalschauplatz in eine wunderbar künstlich aussehende Theaterkulisse verwandelt, herrlich übertriebene Matte Paintings und einen Actionshowdown, in dem die Helden an Seilen ins Bild geschwebt kommen und Rabatz machen. Schon erstaunlich dass man das in den Neunzigern, dem Jahrzehnt der Ironie und der bequemen Flucht auf sichere Metaebenen, nicht verstand, dem Film einen billigen Look unterstellte und Carpenters künstlerische Instinkte in Zweifel zog. Natürlich passt das alles wie Arsch auf Eimer und unterscheidet sich vom weithin geliebten Vorgänger nur oberflächlich. Klar, der war das logische Resultat einer Zeit gewesen, in der man sich vor dem Dritte Weltkrieg fürchtete, das unaufhaltsame Ansteigen urbanen Verbrechens beklagte und „No Future“ deklamierte, und dementsprechend düster. Bei ESCAPE FROM L.A. amüsiert man sich hingegen zu Tode: Das sieht etwas bunter aus, aber das Resultat ist dasselbe. Meiner bescheidenen Meinung nach ist dies Carpenters bester Film seit THEY LIVE und damit noch deutlich stärker als der gemeinhin überschätzte IN THE MOUTH OF MADNESS.

 

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Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Danke für die persönlichen und interessanten Zeilen!

    Ich selbst verehre DIE KLAPPERSCHLANGE.
    Auch nach 20+ Sichtungen versetzt mich der Film geradezu in Extase ob seiner Perfektion. Insbesondere die Ernsthaftigkeit, die ich dem Film attestiere, schätze ich unendlich. Snake ist ein Getriebener, ein Außenseiter, ein Ausgegrenzter, ein Ausgenutzter. Eine ernste Sache ist er also, dieser Film. So mag ich es. In DIE KLAPPERSCHLANGE geht es – um ein Wort Kinskis zu bemühen – schlicht um „ALLES“.

    FLUCHT AUS L.A. ist nun überzeichnet, lustig, ironisch.
    Die eine oder andere dieser Zuschreibungen würde der ein oder andere Kritiker vielleicht auch schon bei DIE KLAPPERSCHLANGE anwenden wollen. Aber wie gesagt: Jener ist für mich eine Angelegenheit, die ernster nicht sein könnte. Aus meiner Sicht also nicht haltbar.

    FLUCHT AUS L.A. provoziert mich mit seiner Lust an der Ironisierung und der Anbiederung an das Kino der Neunzigerjahre. Die schlechten Effekte nerven mich. Gewollt oder nicht.

    Und dennoch… liebe ich den Film.

    Die Lust an der Übertreibung, der Spaß an der Sache und eines der coolsten Enden der Filmgeschichte ziehen mich schlussendlich immer wieder in seinen Bann.

  2. Der zweite Auftritt der mehr zischenden als klappernden Schlange mit Augenklappe passt so sehr in das Jahrzehnt seiner Entstehung wie es schon bei dessen Vorgänger der Fall war. Die Zeiten änderten sich und dennoch erwartete das Publikum das selbe, was es nur bei der Story, nicht aber der Atmosphäre des Films bekamen. Dabei wird zu gerne übersehen, dass der 2. Teil über einen fast größeren Unterhaltungswert verfügt. So schlecht die CGI auch sind, so viel feiner und ist der aufpolierte Soundtrack. Vor allem aber, da kann ich meiner Vorrednerin nur beipflichten, verfügt der Film über eines der lässigsten Enden der Filmgeschichte. Weltcode. Wie nur Snake es kann. Oder höchstens noch Plissken.

    P.S.: Ich freue mich immer wieder, wenn der Film irgendwo ein wenig Liebe bekommt. Vielen Dank dafür.

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