16. hofbauer kongress: verbotene spiele auf der schulbank (jürgen enz, deutschland 1980)

Veröffentlicht: Januar 9, 2017 in Film
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12919_230Es war schon vorher nicht unwahrscheinlich, dass VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK zu den denkwürdigeren Filmen des 16. Hofbauer-Kongresses zählen würde. Enz, der deutsche Sexfilm-Avatgardist, dessen Wiederentdeckung nur eine der vielen Errungenschaften der Nürnberger Kinoveranstaltung ist, hatte bisher eigentlich mit jedem Film, der im Rahmen der Kongresse vorgeführt worden war, für herunterklappende Kinnladen, zumindest aber für große Freude gesorgt, mit HERBSTROMANZE, seinem autistischen Heimatfilm, gar für einen absoluten Meilenstein. VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK, von Christoph als eines der „zärtlichsten“ Werke von Enz angekündigt, wurde in der Hardcore-Version namens HIGHSCHOOL GIRLS vorgeführt und hinterließ beim Publikum Spuren wie die Luftwaffe der Alliierten 1945 in Dresden. Von der versprochenen Zärtlichkeit war dank bestialisch unerotischer Fickszenen nicht mehr allzu viel zu spüren, aber dafür kam neben den typischen Enzianismen, die man nicht unbedingt gut, aber doch mindestens interessant finden muss, ein inszenatorischer Gestaltungswille zum Ausdruck, den ich in dieser Form bei ihm noch nicht gesehen habe.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK beginnt in einem Lehrerzimmer: In einem dunkelbraunen Regal stehen ein paar unsortierte, zerfledderte Bücher, ein alter Globus und ein Mikroskop, die Stühle um den ebenfalls braunen Holztisch wurden von mehreren Trödlern zusammengesucht, der Aschenbecher ist gut gefüllt, muss aber noch lange nicht geleert werden, die Lehrerschaft – sechs an der Zahl, fünf Männer, eine Frau – diskutieren die Probleme des Berufs, wachsende Klassengrößen, steigende Zahl an Feiertagen. Auffällig und dem Enzperten sofort vertraut ist der Duktus, in dem diese Gespräche geführt werden: Unpersönlich, steif, langsam, als würden die Sätze von Wesen geäußert, die die Sprache zwar akzent- und fehlerfrei beherrschen, aber die Bedeutung der Worte nicht verstehen. Im Klassenzimmer bereiten die Schüler derweil einen Streich vor, den Klassiker mit dem Wassereimer auf der Tür. Statt dem geilen Lehrer mit dem offenen Hemd und dem Brusthaartoupet bekommt aber die neue Schülerin Nora (Soraya Athigi) die Dusche ab und steht daraufhin mit nassem Kleid und sich darunter abzeichnenden Nippeln vor dem Lehrer, der sofort Stielaugen bekommt und sie zum „Abtrocknen“ mit ins Lehrerzimmer nimmt. „Du hast ein herrliches kleines Loch“, bemerkt der Lehrer beim folgenden unumgänglichen Fick. Liebe in den Zeiten der Cholera.

Die Affäre zwischen Lehrer und Schülerin geht weiter, aber wer erwartet, dass diese Beziehung in irgendeiner Form problematisiert würde, sieht sich getäuscht. Wenn der Direktor später an die Vernunft des Lehrers appelliert, zeigt dessen Blick völliges Unverständnis, mehr noch: Teilnahmslosigkeit – und das liegt gewiss nicht nur daran, dass die Standpauke jegliche Schärfe vermissen lässt. Inspiriert von der Beziehung von Nora und dem Lehrer kommt es erst bei einer Party zu einer wilden Orgie der Schüler, zu Lehrer-Lehrer-Sex im Lehrerzimmer (Kommentar des nachsichtigen Direktors, der die beiden erwischt: „Schwamm drüber.“), dann schließlich beim Schulausflug zum großen Rudelbums, bei dem sich nun auch die anderen Lehrer an den Schülerinnen versuchen. Die arme Nora wird am Ende vom Direktor auf ihre alte Schule zurückgeschickt, nicht aber ohne dass der ihren Kopf im Auto in seinen Schoß drückt.

Diese Geschichte ist im Pornofilm nicht neu, aber der Blick den Enz auf diese Figurenkonstellation wirft, der ist es wohl: Das Schicksal Noras ist erschütternd und deprimierend und so inszeniert Enz das eigentlich auch, aber es stellt sich trotzdem die Frage, ob er das selbst auch so gesehen hat. Man kommt einfach nicht dahinter, warum seine Filme so sind wie sie sind. Der Sex ist bei ihm immer schmucklos, wild und triebhaft zwar, aber dabei frei von jeder Spiritualität oder sonstiger Glücksvorstellung. Die Menschen, die ihn haben, sind bestenfalls durchschnittlich, die Zimmer, in denen sie sich auf Bett, Sofa oder Teppich zerren, (klein-)bürgerliche Albträume in Kackbraun. Noch so ein Rätsel: Sehen seine Settings immer absichtlich so unvorteilhaft und scheiße aus oder war das doch nur Faulheit beim Dreh? Man kann sich letzteres kaum vorstellen, so konsequent wie da immer wieder irgendwelche Abscheulichkeit ins Bild ragen. Verstörend auch die Dialoge. Die „sweet nothings“, die sich die Menschen beim Sex in die Ohren säuseln, taugen nämlich zum Beweis, dass Sprache durchaus Gewalt antun kann: Als ein Mann seine Partnerin dazu auffordert, ihn rauszuziehen und sie ihn fragt, warum, bekommt sie als Antwort nur ein gebelltes „Weil ich es so will!“ zu hören. Die oralen Künste eines anderen Mädchens werden mit dem Satz „Nimm ihn auf Lunge!“ kommentiert und das Liebesspiel zweier Mädels wird von einem eben erst anderweitig fertig gewordenen Jungen mit den Worten unterbrochen: „Lasst das Gelesbel, hier kommt ein angefickter Schwanz!“ Alles ist vulgär und eklig, und wo eigentlich spielerische Freude oder Leidenschaft zum Ausdruck kommen sollte, wird stattdessen gekeucht, gestöhnt und geächzt wie beim Straßenbau. Da helfen auch die gemischten Paprikaschoten in der Holzschale auf dem Wohnzimmertisch neben der Flasche gutem Eierlikör nichts. Der Farbfleck bringt hier kein Leben rein.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK kulminiert dann in der langen, bereits erwähnten Schulausflug-Sequenz, bei der es die Schüler und ihre Lehrer an einen ruhig daliegenden kleinen Weiher verschlägt. Unglaublich, wie Enz das inszeniert, wie die typische Langsamkeit hier plötzlich zum spannungserzeugenden Mittel wird. Die sexuelle Anspannung ist greifbar: Die Mädchen machen sich einen Spaß daraus, ihre männlichen Lehrer zu reizen, die wiederum etwas verstockt im Gras sitzen und stumm auf die Mädchen starren, die sich auf einem Steg gegenüber platziert haben und ihre Blusen und Pullover lüpfen. Enz filmt dieses Lauerszenario mit Leonesker Ruhe und Ausdauer, in der das ganze Drohpotenzial der Situation zum Vorschein kommt: Ein anderer Regisseur hätte den Film hier vielleicht in einen Gewaltschocker umkippen lassen, in dem sich die Lüsternen gegenseitig umbringen. Die Szene, in der Nora sich im Bildvordergrund auf dem Rücken auf einer Waldlichtung liegend ihren Lehrern anbietet, die aus dem Bildhintergrund langsam auf den leblos anmutenden Körper zuschreiten, mutet wie ein Artefakt eines solchen nie entstandenen Enz-Gewaltpornos an, für den der Regisseur mit dem untrüglichen Blick, aber anscheinend ohne das Bewusstsein für das Hässliche, wahrscheinlich zu freundlich war. Eines der vielen, vielen Rätsel, die einem Enz aufgibt: Wie konnte man solche Filme drehen und die Menschen gleichzeitig lieben? Es ist ein Mysterium, das auch der nächste Film nicht lüften wird. Zum Glück.

 

 

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