16. hofbauer kongress: das bad auf der tenne (volker von collande, deutschland 1943)

Veröffentlicht: Januar 10, 2017 in Film
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Mit einer kurzen Lesung über „Die Sittengeschichte der Badewanne“, gehalten von Uwe in unnachahmlicher Ohrensessel-Onkeligkeit, wurden die Kongressteilnehmer auf DAS BAD AUF DER TENNE vorbereitet: Der Film war im Nazideutschland von 1943 ein großer Publikumserfolg, der demzufolge 1956 auch noch einmal neu aufbereitet wurde, mit Sonja Ziemann, Paul Klinger und Rudolf Platte. Joseph Goebbels war bei Erscheinen des Originals angeblich not amused über das Maß an undeutscher Anzüglichkeit, das Regisser Collande da auf die Leinwand gebracht hatte. Sogar Brüste gab es zu sehen, zwar nur als Schattenriss, aber immerhin. Da konnte einem, den Endsieg im Sinn, schon bange werden, ob der Volkskörper auch mitziehen würde, wenn ihm die Fleischeslust so schmackhaft als Alternative zum Gemetzel auf den Schlachtfeldern angeboten wurde. Und tatsächlich zieht sich milde Subversion durch den Film, wird der Ausbruch aus der Norm zumindest kurzzeitig als beglückender Lebensentwurf gezeichnet.

Der Wiener Kaufmann Sartorius (Richard Häussler) reist auf Handlungsreise durch Flandern und kehrt in Terbrügg im Haus des Bürgermeisters Hendrick (Will Dohm) und seiner hübschen Gattin Antje (Heli Finkenzeller) ein. Die lässt sich von seinem öligen Charme und den Geschichten von Kultur und Wohlstand sogleich um den Finger wickeln, sehr zum Ärger ihres bärbeißigen Ehemanns. Als Sartorius eine Badewanne im Haus des Ehepaars vergisst und Antje auf den Geschmack wohltuender und duftender Bäder kommt, ist das der Anfang eines Konflikts, der das ganze Dorf erfasst. Nicht nur gilt es dem einfachen Bauernvolk als höchst unschicklich, sich auf diese Art der Körperpflege zu widmen, die Vorstellung, einen Blick auf die nackte Bürgermeisterfrau zu erhaschen, lockt Nacht für Nacht die Mannsbilder zur Tenne, was deren Gattinnen natürlich gar nicht passt.

DAS BAD AUF DER TENNE ist mit viel Schwung erzählt und sein Witz funktioniert mit kleineren Abstrichen auch heute noch. Man muss lediglich mit dieser Extraportion Schmelz und Schmalz klarkommen und natürlich mit dem katastrophal überkommenen Rollenverständnis. Die ganze Geschichte funktioniert eigentlich nur, weil Männer so und Frauen angeblich so sind, und die Bereitschaft, mit der sich die Frauen damit abfinden, das brave Heimchen für ihre in der Pinte rumhängenden Kerle zu sein, ist schon erstaunlich. Sex ist etwas, mit dem man sich bestenfalls zur Fortpflanzung auseinandersetzt, auch wenn die Lust, mit der die Männer zur Tenne eilen, deutlich macht, dass es im Hinterkopf ziemlich präsent ist. Trotzdem: Die Lüsternheit muss in geordnete Bahnen gelenkt werden, sonst herrscht Anarchie und jeder will mit jedem. Antje darf ihr Bad am Ende behalten, nachdem sich beinahe ein Mob geformt hat, um dem Verfall der Sitten Einhalt zu gebieten, und die Lösung aller Probleme ist schließlich die Verlegung der Wanne in die eigenen vier Wände und das Versprechen Hendricks, fortan auch mal zusammen mit der auf den Geschmack gekommenen Antje zu baden. Na also.

Neben der zahmen Thematisierung von Begierde, Lust und Sexualität als Mittel zum Lustgewinn geht es in DAS BAD AUF DER TENNE auch auf den von Norbert Elias wenige Jahre zuvor im gleichnamigen Buch behandelten „Prozess der Zivilisation“, zu dem eben auch die Körperpflege und ein damit einhergehendes avanciertes Körperbewusstsein zählt. Das ist alles sehr dicht erzählt und durchaus clever geschrieben, erstrahlt zudem in wunderschönen Farben. Überwiegend im Studio gedreht, begeistern die artifiziellen Bühnensettings, und die Szene, in der Antje nach einem „Attentat“ der missgünstigen Dorfbewohner mitsamt ihrer Badewanne aus dem Schutz der Tenne einen Abhang auf den Dorpflatz hinunterrollt, eine Schar Gänse vor sich hertreibend, geht fast schon als Action durch (ich musste dabei schmunzelnd an die Lorenachterbahn aus Spielbergs TEMPLE OF DOOM denken). Schmerzhaft ist hingegen das wölfisch-lustmolchige Schmiererlächeln des eklen Sartorius, der auch noch einen kleinen „Mohren“ als Diener mit sich führt, der von den faszinierten Dörflern als „Affe in Menschenkleidern“ bezeichnet wird. Man erkennt hier, aus welcher Zeit der Film stammt – allerdings auch ohne dahinter zwingend eine Ideologie verorten zu müssen. Es kommt darin letztlich ein ganz „normaler“ Rassismus zum Ausdruck, auf den der Nationalsozialismus leider kein Exklusivrecht hatte. DAS BAD AUF DER TENNE zeigt letztlich, dass auch unter dem Regime des Dritten Reichs munteres Entertainment entstand, das keineswegs versteckt oder gar unter Verschluss gehalten werden muss.

 

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