16. hofbauer kongress: to syrtaki tis amartias (giorgos papakostas, griechenland 1966)

Veröffentlicht: Januar 10, 2017 in Film
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Eines der tollsten, leider aber auch völlig vergessenen Genres der Welt ist das Sittenmelodram oder auch, weniger zurückhaltend ausgedrückt, der „Sittenreißer“ der Sechzigerjahre: Filme, in denen körperliche Lust, Ausschweifung und Lebensfreude zwar so weit das damals möglich war zur Schau gestellt werden, aber auch todsicher in den Untergang führen, wo mit viel Verve und Einsatz gelitten wird, bevor die Moralkeule jede menschliche Empathie mit beherzten Schlägen pulverisiert. Es handelt sich um ein internationales Genre, quasi den Vorläufer des Sex-, Report- und Mondofilms der Siebzigerjahre, und bildet eines der Kernthemen der Hofbauer-Kongresse. Fast alle dieser Filme zählten auf den jeweiligen Kongressen zu meinen Lieblingen und am tollsten sind sie natürlich, wenn sie aus Ländern kommen, dessen Einwohnern man ein heißblütiges Temperament nachsagt, weil dann noch heftiger geliebt und noch inbrünstiger gelitten wird und das fragwürdige Konzept von Schuld aus einem tief verwurzelten Katholizismus rührt. Der diesjährige Vertreter kam aus Griechenland, wo der Wein bekanntlich wie das Blut der Erde ist, und er markierte für mich zusammen mit Enzens VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK den Höhepunkt der Veranstaltung. In dunklem Schwarzweiß wird hier die bittere Geschichte vom Untergang einer jungen Frau erzählt, die das Pech hat, dass die Männer um sie herum allesamt egoistische Arschgeigen sind: Aber eigentlich, da ist sich zumindest der Voice-over relativ sicher, ist sie eigentlich selbst schuld; zumindest war sie schon zu Lebzeiten tot, wie es nach dem tragischen Ende wortwörtlich heißt, ihr Tod war letztlich nur „planmäßig“, nicht etwa dadurch begünstigt, weil sie in einem moralisch rigiden, zutiefst frauenfeindlichen Milieu aufgewachsen ist.

Maro (Eleni Prokopiou) ist ein hübsches Mädchen aus einfachen Verhältnissen, ein bisschen der Typ Brigitte Bardot, aber ohne deren unbekümmerte Souveränität, und weil sie so attraktiv ist, fühlen sich alle Männer aus ihrem Dorf dazu bemüßigt, sie als Freiwild anzusehen – unter anderem auch ihr Schwager, der miese Kostas (Tony-Curtis-Lookalike Yorgos Moutsios), der sie erst vor einem dahergelaufenen Vergewaltiger rettet, nur um sich das Mädchen dann als Belohnung selbst zu nehmen. Zuhause kann sie erst nichts sagen, aus falschem Mitgefühl mit der von ihrem Gatten hintergangenen Schwester und aus Schuldbewusstsein, das ihr die vorherrschende Moral eingeimpft hat, als deren Vertreter vor allem der strenge Vater auftritt. Auf der Suche nach Hilfe landet sie bei einem Anwalt, einem älteren Herren, der sie auf einer seiner Parties mit Alkohol abfüllt, bis sie sich vor den reichen Damen und Herren der Gesellschaft in einem ekstatischen Tanz zum Gespött macht und schließlich in seinem Schlafzimmer landet, in dem sie zwar nicht vergewaltigt, aber immerhin von ihm durch ein Guckloch bespannt wird. So geht das weiter: Kostas‘ schmierige Kumpels entführen Maro, verschleppen sie in eine Strandhütte und fallen über sie her, der Arzt Alexis (Byron Pallis), der sih ihrer später annimmt, scheint sehr nett, nutzt sie aber ebenfalls nur aus. Alles führt auf die unvermeidbare Katastrophe zu …

Das Wunderbare auch an diesem Vertreter des Sittenreißers ist diese Übersteuertheit der Emotionen: Es gibt keine Moderation, keine Kontrolle oder Zurückhaltung, alle Figuren sind ihren Gefühlen und Trieben geradezu hoffnungslos ausgeliefert, sie schlagen über ihnen zusammen wie riesige Wellenberge und reißen sie dann fort. Das gilt für Maro, die sich nach einem Glas Schnaps von der Musik und den anderen Gästen angefeuert in fiebrigen Wahn tanzt, aber auch für Kostas, der sich mit dem unbekannten Vergewaltiger eine Böschung hinunter in einen Fluss stürzt, im Wasser mit ihm weiter- und sich dann schließlich wieder ans Land zurückkämpft, nur um anschließend mit seiner Schwägerin auf den Boden zu sinken. Da tut sich dann auch diese Kluft auf zwischen der Hilflosigkeit aller, dem Kalkül des Drehbuchs und der Härte, mit der die Hauptfiguren dann trotzdem verurteilt werden. Psychologie wird natürlich immer wieder vorgegaukelt, aber alle benehmen sich ausschließlich so, wie es die perfide Dramaturgie stützt. Der Eifer, mit dem da die feine Moral gegen alle Widerstände verteidigt wird, ist mit der Ohnmacht der handelnden Lustmenschen durchaus gleichzusetzen. Dunkel und verlogen, gewiss, aber auch irgendwie sehr … schön.

 

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