16. hofbauer kongress: der zynische körper (heinz emigholz, deutschland 1991)

Veröffentlicht: Januar 11, 2017 in Film
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der-zynische-koerper_coverEs ist wahrscheinlich logisch, dass gerade jene Filme die potenziell größten Überraschungen bereithalten, die man am wenigsten sehen wollte. Heinz Emigholz‘ DER ZYNISCHE KÖRPER wurde erst in letzter Sekunde aus dem bodenlosen Hut des Hofbauer-Kommandos gezogen, weil der eigentlich programmierte IMMER WENN ES NACHT WIRD einer Speditionspanne zum Opfer gefallen war und leider ersetzt werden musste. Drei Alternativen wurden vorgeschlagen und die Wahl fiel – angesichts des gewohnt experimentierfreudigen Publikums gar nicht so überraschend – auf die geheime „Suprise“ (Französisch ausgesprochen), hinter der sich dieser höchst seltsame Film des Experimental- und Architekturfilmers Emigholz verbarg. So enttäuscht ich zunächst darüber war, nicht den ebenfalls angebotenen Hofbauer zu Gesicht zu bekommen, so gut hat mir DER ZYNISCHE KÖRPER letzten Endes gefallen: Eben auch, weil ich nichts erwartet habe und mir den Film unter anderen Umständen wohl niemals im Leben angesehen hätte. Akademisch-avantgardistisches Kunstkino ist sonst ja so gar nicht meins und hat es, wenn es dann auch noch aus deutschen verkopften Landen stammt, gleich doppelt schwer. Es dauerte nach der Einblendung des Schlimmstes verheißenden Titels aber gar nicht lang, bis sich alle Vorurteile zerstreuten.

Es macht absolut keinen Sinn, hier eine Handlung wiedergeben zu wollen oder sich gar in Interpretation zu versuchen. Gut möglich, dass Emigholz irgendeine Message verkünden wollte, die mir entgangen ist, aber ich glaube aber viel eher daran, er hatte lediglich ein paar wilde Ideen und Bock darauf, sich über die oben umrissene Art von Film mitsamt deren kulturbeflissenem Publikum lustig zu machen. DER ZYNISCHE KÖRPER geht als Parodie durch und ist tatsächlich urkomisch, wenn man sich erst einmal an seine Haltung gewöhnt hat. Es gibt keine einzige gerade Kameraeinstellung, alles ist windschief und, wie es eine Fotografin im Film einmal ausdrückt, ohne Zentrum. Hauptfigur scheint ein Schriftsteller zu sein, der einen Zweiter-Weltkriegs-Roman schreiben will, dessen Protagonist plötzlich als Lederjackenträger mit Schnurrbart lebendig wird und ihn terrorisiert wie in den Stephen-King-Roman „The Dark Half“ (sowie der gleichnamigen Verfilmung). Aber von „Figuren“ oder gar „Charakteren“ und „Handlung“ zu sprechen, macht eigentlich überhaupt keinen Sinn. Irgendwo habe ich mal den Begriff „Sprachflächen“ aufgeschnappt und der passt hier viel eher: Alle auftretenden Menschen sind in erster Linie Sprechautomaten, denen Emigholz mal bedeutungsschwangere, dann wieder völlig hirnrissige Sätze in den Mund legt oder sie auch mal Witze reißen lässt, über die intradiegetisch aber nie jemand lachen mag. Farbe und Schwarzweiß wechseln sich ab, der Rhythmus ist enorm schnell, ebenso die Frequenz an Irritationsmomenten oder Lachern, trotzdem kann man nicht wirklich davon sprechen, dass sich DER ZYNISCHE KÖRPER irgendwohin bewegt. Seine „Figuren“ sind am Anfang immer noch dieselben wie am Ende und mit ihnen hat sich auch ihre kalt-mechanistische Welt kein Stück weiterentwickelt.

Es passt, dass ich erst einige Zeit nach dem Film geschnallt habe, dass ich nicht nur mal kurz für ein paar Sekunden eingenickt bin, sondern wohl doch mehr verschlafen hatte. Ich würde das Versäumte gern mal nachholen (der Film liegt auf DVD vor), obwohl ich glaube, gar nicht wirklich etwas verpasst zu haben. DER ZYNISCHE KÖRPER lädt zur Etappen- oder Best-of-Sichtung ein, zum wahllosen Reinspulen oder Von-hinten-nach-vorn-Gucken. Ein Film ohne Zentrum eben. Insgesamt ein würdiger Abschluss meines Kongresses (andere schauten danach noch die restlichen Teile der FWU-Serie DER LIEBE AUF DER SPUR), bei dem ich diesmal leider nicht so fit gewesen bin, wie ich mir das gewünscht hatte. So viel verschlafen wie diesmal habe ich bislang jedenfalls noch nie. Naja, man wird halt nicht jünger.

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