don’t breathe (fede alvarez, usa 2016)

Veröffentlicht: Januar 29, 2017 in Film
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Detroit ist eine im Sterben liegende Stadt. Der Ort, wo „der American Way of Life erfunden“ wurde, wie ein Journalist angesichts der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Stadt sagt, in der die Massenproduktion der amerikanischen Automobilindustrie erfunden wurde, ist heruntergekommen, von Armut und Verfall gezeichnet. Angeblich stehen rund 60.000 Häuser leer, die Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahrzehnten halbiert, das einzige, was noch floriert, ist die Kriminalitätsrate. Derzeit wird zwar der Aufschwung beschworen, aber noch säumen ausgestorbene Vorstädte die Peripherie des Zentrums, darauf wartend, dass das Leben zurückkehrt. Der desolate Zustand von Industriestädten wie Detroit ist wahrscheinlich einer der vielen Gründe, die den Aufstieg eines Populisten wie Trump begünstigen konnten – und liefert insofern gleich in doppelter Hinsicht das ideale Setting für einen Horrorfilm. Dass seine von der Natur reklamierten Wohnviertel und brachliegenden Firmengrundstücke höchst fotogen sind, hat ja zuletzt der großartige IT FOLLOWS unter Beweis gestellt. Nun tritt also Fede Alvarez, Regisseur des damals viel beachteten EVIL DEAD-Remakes in die großen Fußstapfen.

Die Hoffnung auf Besserung haben seine drei Protagonisten, die Teenager Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) längst aufgegeben. Rocky will nicht nur wegen des miesen Wetters und der tristen Zukunftsaussichten weg, sondern auch, weil sie ihrer Schwester ein besseres Zuhause bieten möchte, als das, was sie derzeit bei ihrer versoffenen Mutter und ihrem mit Hakenkreuzen tätowierten Stecher vorfinden. Um den Umzug ins gelobte Land Kalifornien zu finanzieren, brechen die drei in Wohnhäuser ein und klauen alles, was auf dem Schwarzmarkt Geld verspricht. Weil die Gewinnspannen aber zunehmend kleiner werden, wird ein neuer Plan geschmiedet: Im Haus eine kriegsversehrten Irak-Veteranen (Stephen Lang) soll ein Vermögen versteckt sein, dass er einst bekam, als seine Tochter überfahren worden war. Der Einbruch gelingt, der blinde Soldat scheint ein besonders leichtes Opfer zu sein, doch dann kommt alles ganz anders: Das Opfer wird aufgeschreckt, wenig später liegt Money tot am Boden und Rocky und Alex sind in dem festungsartig verbarrikadierten Haus gefangen …

Wie sein Vorgänger lebt auch DON’T BREATHE von der Reduktion des Handlungsraumes. Das Haus des Veteranen bietet zunächst ausreichend Verstecke und Möglichkeiten, dem Blinden auszuweichen, doch die Fluchtoptionen werden mehr und mehr beschnitten. Als das Opfer bemerkt, dass es nicht allein ist, beginnt es Türen und Fenster zu verbarrikadieren; während einer an THE SILENCE OF THE LAMBS erinnernden Sequenz zwingt er den in einem Keller gefangenen Rocky und Alex durch Löschen jeglichen Lichts seine Perspektive auf; schließlich wacht der bissige Rottweiler aus seinem betäubungsmittelinduzierten Schlaf wieder auf und erscheint verlässlich überall da, wo sein Herrchen gerade nicht sein kann. Die Beschneidung von Handlungsspielräumen, das Festnageln in einer desolaten Situation: Es ist nicht zu weit hergeholt, in Alvarez‘ Spannungsstrategie eine drastisch gesteigerte Fortsetzung jener ökonomischen Zwänge zu sehen, die seine Figuren überhaupt in ihre missliche Lage getrieben haben. Was bittererweise auf beide Seiten zutrifft: Seine jugendlichen Protagonisten hängen in einer sterbenden Stadt und in dysfunktionalen Familien fest, die keinerlei Zukunftsperspektiven bieten, der Veteran hat zwar ein Vermögen im Geldschrank, aber dessen Wert ist rein symbolisch, denn er nimmt längst nicht mehr an einem normalen Leben teil, in dem ihm dieses Geld einen echten Nutzen brächte. Sein Haus ist ein Mausoleum, in das er sich – durch einen Granatsplitter zum Krüppel geworden, zerstört von der Trauer um seine mit Gewalt aus dem Leben gerissene Tochter, völlig vereinsamt – zum Sterben zurückgezogen hat. Oder vielmehr um einen noch finsteren Plan zu verwirklichen, die dem Film im letzten Drittel noch einmal eine hübsch geschmacklose Volte bringen.

Alvarez hat damals schon aus der wenig beneidenswerten Aufgabe, einen Film neu aufzulegen, dessen Update keiner wirklich haben wollte, das Beste gemacht. Hier erweist er sich als überaus geschickt darin, ein minimalistisches Szenario auszureizen und dem Publikum die Daumenschrauben anzulegen. DON’T BREATHE ist fies spannend, von zupackender Härte, ohne dabei in pubertäres Gore-Gematsche abzugleiten (ein Vorwurf, den sich der ganz ähnlich gelagerte THE GREEN ROOM gefallen lassen musste), und sehr effektiv inszeniert: Besonders hervorzuheben sind hier m. E. der Einsatz von Stille und das plötzliche Einbrechen von Soundeffekten, die jedesmal für den entsprechenden Schock sorgen. Aber DON’T BREATHE ist längst nich nur gut geölte Spannungsmaschine: Wie hier letztlich die Verlierer der sozio-ökonomischen Realität aufeinander losgehen, spiegelt den traurigen Zustand, in dem sich die westlichen Industrienationen derzeit befinden und diesen mit einem beunruhigenden Rechtsruck bezahlen.

 

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