Archiv für Januar, 2017

26768_16Kurz vor dem Abschluss des viel zu frühen Endes des 16. Hofbauer-Kongresses beschwor Joe D’Amato noch einmal Urlaubsstimmung herauf und hielt mit seiner unnachahmlichen Regiekunst die Zeit an. In Hongkong, an der Seite der schönen Laura Gemser, ließ es sich wunderbar hindämmern und träumen. Auch das zwar nicht grafische, aber doch unangenehme Ende mit der „Ass Cobra“, brachte keine erhebliche Beschleunigung des müde und wohlig pochenden Ruhepulses. Ich bin mir sicher, sähe man Bilder des Publikums während der Vorführung, so fühlte man sich auch ein wenig an die Lieblingstiere von Eva (Laura Gemser) und Judas (Jack Palance) erinnert, die da fast bewegungslos in ihren Terrarien liegen, nur hin und wieder mit ihren gespaltenen Zungen schnalzend.

Der Plot des Filmes ist dabei sogar recht dramatisch: Die Schlangentänzerin Eva gerät in Hongkong zwischen die Brüder Jules (Gabriele Tinti) und Judas. Letzterer ist steinreich, aber auch ein Eigenbrötler und Sonderling, der sich viel lieber mit seinen Schlangen beschäftigt als mit Menschen. Das ändert sich, als er Eva kennen lernt und sie bei sich aufnimmt, sehr zum Missfallen seines Bruders. Wirklich hingezogen fühlt sich Eva aber zu Gerri (Michele Starck), einer kühlen Blonden, mit der sie manches sinnliche Schäferstündchen verbringt – bis der eifersüchtige Jules dazwischengrätscht …

D’Amato zerdehnt diese amour fou mithilfe von ausgedehnten Tanzeinlagen, Sightseeingtouren und Erotikszenen, die mitunter fast vergessen lassen, worum es eigentlich geht. Und wenn dann doch etwas passiert, wartet bereits die nächste Pause. Am Ende haben zwei Menschen ihr Leben gelassen, zwei sind zu Mördern geworden, eine Liebe ist zerbrochen. Trotzdem hat man das Gefühl, das sich eigentlich gar nichts verändert hat: Eva wird in die nächste Stadt reisen, um dort mit ihren Schlangen zu tanzen, und neue Verehrer und Verehrerinnen anlocken und Judas wird sie vergessen, weil er ja immer noch seine Tierchen hat und er sich mit seiner Einsamkeit bereits ganz gut arrangiert hat. Die Tragik besteht dann auch viel eher darin, dass es in dieser Filmwelt keinerlei Chance für die eine, anhaltende Liebe gibt, wie Sven Safarow in seiner Einleitung richtig zusammenfasste, nicht so sehr darin, dass dies anhand eines letztlich beliebigen Beispiels durchexerziert wird. Piero Umilianos einprägsames Titelthema scheint diesen Zustand schon zu betrauern, noch bevor man weiß, wohin die Reise für Eva und die anderen gehen wird. Was bleibt sind oberflächliche Reize und verblassende Erinnerungen an Ereignisse und geisterhafte Gesichter von gestern. Es gibt nur wenige Regisseure, die dieses Gefühl so wirkungsvoll in Film kleiden wie D’Amato: Schon beim Sehen entgleiten sie einem, während man verzweifelt versucht, irgendetwas von ihnen festzuhalten. Ja, manche Bilder bleiben bei einem, aber ohne ihren Kontext stehen sie wie verloren da. Auch der als Produzent fungierende britische Exploitation-Papst Harry Alan Towers, dem es sogar gelungen war, Jess Franco für einige Filme zu bändigen, kann EVA NERA diese spezielle Flüchtigkeit nicht austreiben, die D’Amatos Filme so unverwechselbar macht, es aber auch immens erschwert, anderen diesen Reiz in Worten mitzuteilen.

Der Appell kann daher nur lauten: Schaut mehr D’Amato, am besten im Kino.

 

Mit einer kurzen Lesung über „Die Sittengeschichte der Badewanne“, gehalten von Uwe in unnachahmlicher Ohrensessel-Onkeligkeit, wurden die Kongressteilnehmer auf DAS BAD AUF DER TENNE vorbereitet: Der Film war im Nazideutschland von 1943 ein großer Publikumserfolg, der demzufolge 1956 auch noch einmal neu aufbereitet wurde, mit Sonja Ziemann, Paul Klinger und Rudolf Platte. Joseph Goebbels war bei Erscheinen des Originals angeblich not amused über das Maß an undeutscher Anzüglichkeit, das Regisser Collande da auf die Leinwand gebracht hatte. Sogar Brüste gab es zu sehen, zwar nur als Schattenriss, aber immerhin. Da konnte einem, den Endsieg im Sinn, schon bange werden, ob der Volkskörper auch mitziehen würde, wenn ihm die Fleischeslust so schmackhaft als Alternative zum Gemetzel auf den Schlachtfeldern angeboten wurde. Und tatsächlich zieht sich milde Subversion durch den Film, wird der Ausbruch aus der Norm zumindest kurzzeitig als beglückender Lebensentwurf gezeichnet.

Der Wiener Kaufmann Sartorius (Richard Häussler) reist auf Handlungsreise durch Flandern und kehrt in Terbrügg im Haus des Bürgermeisters Hendrick (Will Dohm) und seiner hübschen Gattin Antje (Heli Finkenzeller) ein. Die lässt sich von seinem öligen Charme und den Geschichten von Kultur und Wohlstand sogleich um den Finger wickeln, sehr zum Ärger ihres bärbeißigen Ehemanns. Als Sartorius eine Badewanne im Haus des Ehepaars vergisst und Antje auf den Geschmack wohltuender und duftender Bäder kommt, ist das der Anfang eines Konflikts, der das ganze Dorf erfasst. Nicht nur gilt es dem einfachen Bauernvolk als höchst unschicklich, sich auf diese Art der Körperpflege zu widmen, die Vorstellung, einen Blick auf die nackte Bürgermeisterfrau zu erhaschen, lockt Nacht für Nacht die Mannsbilder zur Tenne, was deren Gattinnen natürlich gar nicht passt.

DAS BAD AUF DER TENNE ist mit viel Schwung erzählt und sein Witz funktioniert mit kleineren Abstrichen auch heute noch. Man muss lediglich mit dieser Extraportion Schmelz und Schmalz klarkommen und natürlich mit dem katastrophal überkommenen Rollenverständnis. Die ganze Geschichte funktioniert eigentlich nur, weil Männer so und Frauen angeblich so sind, und die Bereitschaft, mit der sich die Frauen damit abfinden, das brave Heimchen für ihre in der Pinte rumhängenden Kerle zu sein, ist schon erstaunlich. Sex ist etwas, mit dem man sich bestenfalls zur Fortpflanzung auseinandersetzt, auch wenn die Lust, mit der die Männer zur Tenne eilen, deutlich macht, dass es im Hinterkopf ziemlich präsent ist. Trotzdem: Die Lüsternheit muss in geordnete Bahnen gelenkt werden, sonst herrscht Anarchie und jeder will mit jedem. Antje darf ihr Bad am Ende behalten, nachdem sich beinahe ein Mob geformt hat, um dem Verfall der Sitten Einhalt zu gebieten, und die Lösung aller Probleme ist schließlich die Verlegung der Wanne in die eigenen vier Wände und das Versprechen Hendricks, fortan auch mal zusammen mit der auf den Geschmack gekommenen Antje zu baden. Na also.

Neben der zahmen Thematisierung von Begierde, Lust und Sexualität als Mittel zum Lustgewinn geht es in DAS BAD AUF DER TENNE auch auf den von Norbert Elias wenige Jahre zuvor im gleichnamigen Buch behandelten „Prozess der Zivilisation“, zu dem eben auch die Körperpflege und ein damit einhergehendes avanciertes Körperbewusstsein zählt. Das ist alles sehr dicht erzählt und durchaus clever geschrieben, erstrahlt zudem in wunderschönen Farben. Überwiegend im Studio gedreht, begeistern die artifiziellen Bühnensettings, und die Szene, in der Antje nach einem „Attentat“ der missgünstigen Dorfbewohner mitsamt ihrer Badewanne aus dem Schutz der Tenne einen Abhang auf den Dorpflatz hinunterrollt, eine Schar Gänse vor sich hertreibend, geht fast schon als Action durch (ich musste dabei schmunzelnd an die Lorenachterbahn aus Spielbergs TEMPLE OF DOOM denken). Schmerzhaft ist hingegen das wölfisch-lustmolchige Schmiererlächeln des eklen Sartorius, der auch noch einen kleinen „Mohren“ als Diener mit sich führt, der von den faszinierten Dörflern als „Affe in Menschenkleidern“ bezeichnet wird. Man erkennt hier, aus welcher Zeit der Film stammt – allerdings auch ohne dahinter zwingend eine Ideologie verorten zu müssen. Es kommt darin letztlich ein ganz „normaler“ Rassismus zum Ausdruck, auf den der Nationalsozialismus leider kein Exklusivrecht hatte. DAS BAD AUF DER TENNE zeigt letztlich, dass auch unter dem Regime des Dritten Reichs munteres Entertainment entstand, das keineswegs versteckt oder gar unter Verschluss gehalten werden muss.

 

VERFLIXT NOCHMAL – WER HAT? DER HAT! lautet der hübsche deutsche Titel, unter dem diese brasilianische Sekomödie hierzulande firmierte. Der Film sorgte für große Heiterkeit – sicher handelte es sich um die Stimmungskanone dieses Kongresses, was passt, weil sich auch seine Geschichte um eine solche „Stimmungskanone“ dreht.

Lírio (Nuno Leal Maia) ist ein klassischer Dorfdepp: Groß und kräftig zwar, mithin durchaus attraktiv, aber etwas einfältig und von dem Pfarrer, der als sein Vormund fungierte, leider in dem Bewusstsein erzogen, dass Sex pfui ist. Die Mädchen im Dorf mühen sich vergeblich, ihn zu entjungfern, aber alles ändert sich, als zwei wohlhabende Gesellschaftsdamen, Doña Nair (Consuelo Leandro) und Doña Zila (Maria Luíza Castelli) ihn auf der Suche nach einem Antiquitätengeschäft an der Straße aufgabeln. Sie stellen nämlich fest, dass er mit einem riesigen Gemächt ausgestattet ist: ein Fakt, der auch den anderen weiblichen Hausangestellten sowie dem Freundinnenkreis nicht verborgen bleibt und manche Begehrlichkeit weckt. Der zunächst so scheue Lirio kommt bald auf den Geschmack, während im zuvor so geordneten Leben seiner Gönnerinnen das totale Gefühlschaos ausbricht.

VERFLIXT NOCHMAL ist eine Meisterleistung der Effizienz: Die streng genommen zwei Gags, die Regisseur Miziara aufzubieten hat, werden immer und immer wieder verbraten, aber dem Erfolg der Unternehmung tut das keinen Abbruch. Eher im Gegenteil verstärkt sich der Effekt durch die Wiederholung noch. Der eine Witz besteht in einer Soundeffekt-Orgie, die die unkontrollierten Spontanerektionen des Protagonisten untermalt: ein Flötenton, ein Hupen und ein Gong gehören dazu, also der unverzichtbare Grundstock des Slapstick-Tonarchivs, und sie künden zusammen sehr anschaulich von den entgeisterten Blicken der weiblichen Belegschaft von den gigantischen Dimensionen des Geschlechtsteils, das da unsanft aus dem Dornröschenschlaf gerissen wurde. Der andere Witz schließt sich meist direkt an: Der Orgasmus, den Lírio seinen Verehrerinnen verschafft, sorgt nämlich für erdbebenartige Erschütterung, purzelnde Menschen und panisch im Zeitraffer fliehende Hunde. Man ahnt es schon: VERFLIXT NOCHMAL ist von comichafter Überzeichnung, dabei aber – anders als etwa die Commedia sexy all’Italiana, an die er teilweise erinnert – weniger konfus, überdreht und vollgestopft, sondern sehr konzentriert und reduziert auf seine zentrale Idee.

Der Film bedient natürlich auch die Ressentiments des vermutlich eher ländlichen Publikums gegenüber den überkandidelten Bonzen aus der Großstadt, die über den „einfachen Bürger“ verfügen wie über einen Gegenstand. Zu Beginn gibt es ein Missverständnis zwischen Nair und Zila, als letztere über das „Stück“ redet, das sie beim Antiquitätenhändler erstanden hat, und erstere dies auf das Glied Lírios bezieht. Sex ist in der Stadt immer mit extremen Konfusionen, Heimlichkeit und Komplikationen verbunden, die Frauen sind unbefriedigt und geil, die Männer impotent, schlecht bestückt und eifersüchtig. Und dass Nair, Zila und ihre Freundinnen dann auch noch in einem Frauenverein engagiert sind, der sich für die Gleichberechtigung einsetzt, ist dem Film auch eher suspekt. Das Gegenstück zur urbanen Korrumpiertheit findet Lírio zurück in seiner Heimat bei der süßen Volga (Ana Maria Nascimento e Silva), mit der er sich einfach in der Natur nieder- und es krachen lässt. Vor Erlangung dieses romantischen Liebesidylls muss er aber noch einiges durchstehen: Er geht in der Großstadt verloren, wird von zwei Zivilpolizisten aufgegriffen (hier wird VERFLIXT NOCHMAL für Nicht-Brasilianer, die schon einmal von Todesschwadronen gehört haben, ganz kurz einmal ziemlich unheimlich), landet bei einer reichen Ehebrecherin, zieht den Zorn des japanischen Hausdieners Kimura auf sich, dessen Freundin Pedra sich an ihm vergeht, und wird schließlich von einer ganzen Horde geiler Weiber verfolgt.

Für großes Vergnügen sorgten nicht nur die schon erwähnten Soundeffekte, sondern gewiss auch das Backpfeifengesicht des Hauptdarstellers, eine schlaksige Mischung aus Belmondo und Celentano, Dialogpreziosen von geplatzten Hosen, die Idee, dass sämtliche von Lírio beglückten Damen zunächst ärztlicher Handlung oder zumindest eines Krückstocks bedürfen, und dessen Bemühungen, seine Erektionen im Zaum zu halten: Erst zieht er fünf Hosen übereinander an, dann hüllt er sich in eine Ritterrüstung, mit dem Ergebnis dass auch die Kollision von Schwanz und Metall ihren eigenen Soundeffekt bekommt. Pimmelwitze sind ein schwieriges Feld, José Miziara erweist sich mit VERFLIXT NOCHMAL – WER HAT? DER HAT! als Großmeister der Gattung.

 


Eines der tollsten, leider aber auch völlig vergessenen Genres der Welt ist das Sittenmelodram oder auch, weniger zurückhaltend ausgedrückt, der „Sittenreißer“ der Sechzigerjahre: Filme, in denen körperliche Lust, Ausschweifung und Lebensfreude zwar so weit das damals möglich war zur Schau gestellt werden, aber auch todsicher in den Untergang führen, wo mit viel Verve und Einsatz gelitten wird, bevor die Moralkeule jede menschliche Empathie mit beherzten Schlägen pulverisiert. Es handelt sich um ein internationales Genre, quasi den Vorläufer des Sex-, Report- und Mondofilms der Siebzigerjahre, und bildet eines der Kernthemen der Hofbauer-Kongresse. Fast alle dieser Filme zählten auf den jeweiligen Kongressen zu meinen Lieblingen und am tollsten sind sie natürlich, wenn sie aus Ländern kommen, dessen Einwohnern man ein heißblütiges Temperament nachsagt, weil dann noch heftiger geliebt und noch inbrünstiger gelitten wird und das fragwürdige Konzept von Schuld aus einem tief verwurzelten Katholizismus rührt. Der diesjährige Vertreter kam aus Griechenland, wo der Wein bekanntlich wie das Blut der Erde ist, und er markierte für mich zusammen mit Enzens VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK den Höhepunkt der Veranstaltung. In dunklem Schwarzweiß wird hier die bittere Geschichte vom Untergang einer jungen Frau erzählt, die das Pech hat, dass die Männer um sie herum allesamt egoistische Arschgeigen sind: Aber eigentlich, da ist sich zumindest der Voice-over relativ sicher, ist sie eigentlich selbst schuld; zumindest war sie schon zu Lebzeiten tot, wie es nach dem tragischen Ende wortwörtlich heißt, ihr Tod war letztlich nur „planmäßig“, nicht etwa dadurch begünstigt, weil sie in einem moralisch rigiden, zutiefst frauenfeindlichen Milieu aufgewachsen ist.

Maro (Eleni Prokopiou) ist ein hübsches Mädchen aus einfachen Verhältnissen, ein bisschen der Typ Brigitte Bardot, aber ohne deren unbekümmerte Souveränität, und weil sie so attraktiv ist, fühlen sich alle Männer aus ihrem Dorf dazu bemüßigt, sie als Freiwild anzusehen – unter anderem auch ihr Schwager, der miese Kostas (Tony-Curtis-Lookalike Yorgos Moutsios), der sie erst vor einem dahergelaufenen Vergewaltiger rettet, nur um sich das Mädchen dann als Belohnung selbst zu nehmen. Zuhause kann sie erst nichts sagen, aus falschem Mitgefühl mit der von ihrem Gatten hintergangenen Schwester und aus Schuldbewusstsein, das ihr die vorherrschende Moral eingeimpft hat, als deren Vertreter vor allem der strenge Vater auftritt. Auf der Suche nach Hilfe landet sie bei einem Anwalt, einem älteren Herren, der sie auf einer seiner Parties mit Alkohol abfüllt, bis sie sich vor den reichen Damen und Herren der Gesellschaft in einem ekstatischen Tanz zum Gespött macht und schließlich in seinem Schlafzimmer landet, in dem sie zwar nicht vergewaltigt, aber immerhin von ihm durch ein Guckloch bespannt wird. So geht das weiter: Kostas‘ schmierige Kumpels entführen Maro, verschleppen sie in eine Strandhütte und fallen über sie her, der Arzt Alexis (Byron Pallis), der sih ihrer später annimmt, scheint sehr nett, nutzt sie aber ebenfalls nur aus. Alles führt auf die unvermeidbare Katastrophe zu …

Das Wunderbare auch an diesem Vertreter des Sittenreißers ist diese Übersteuertheit der Emotionen: Es gibt keine Moderation, keine Kontrolle oder Zurückhaltung, alle Figuren sind ihren Gefühlen und Trieben geradezu hoffnungslos ausgeliefert, sie schlagen über ihnen zusammen wie riesige Wellenberge und reißen sie dann fort. Das gilt für Maro, die sich nach einem Glas Schnaps von der Musik und den anderen Gästen angefeuert in fiebrigen Wahn tanzt, aber auch für Kostas, der sich mit dem unbekannten Vergewaltiger eine Böschung hinunter in einen Fluss stürzt, im Wasser mit ihm weiter- und sich dann schließlich wieder ans Land zurückkämpft, nur um anschließend mit seiner Schwägerin auf den Boden zu sinken. Da tut sich dann auch diese Kluft auf zwischen der Hilflosigkeit aller, dem Kalkül des Drehbuchs und der Härte, mit der die Hauptfiguren dann trotzdem verurteilt werden. Psychologie wird natürlich immer wieder vorgegaukelt, aber alle benehmen sich ausschließlich so, wie es die perfide Dramaturgie stützt. Der Eifer, mit dem da die feine Moral gegen alle Widerstände verteidigt wird, ist mit der Ohnmacht der handelnden Lustmenschen durchaus gleichzusetzen. Dunkel und verlogen, gewiss, aber auch irgendwie sehr … schön.

 

12919_230Es war schon vorher nicht unwahrscheinlich, dass VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK zu den denkwürdigeren Filmen des 16. Hofbauer-Kongresses zählen würde. Enz, der deutsche Sexfilm-Avatgardist, dessen Wiederentdeckung nur eine der vielen Errungenschaften der Nürnberger Kinoveranstaltung ist, hatte bisher eigentlich mit jedem Film, der im Rahmen der Kongresse vorgeführt worden war, für herunterklappende Kinnladen, zumindest aber für große Freude gesorgt, mit HERBSTROMANZE, seinem autistischen Heimatfilm, gar für einen absoluten Meilenstein. VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK, von Christoph als eines der „zärtlichsten“ Werke von Enz angekündigt, wurde in der Hardcore-Version namens HIGHSCHOOL GIRLS vorgeführt und hinterließ beim Publikum Spuren wie die Luftwaffe der Alliierten 1945 in Dresden. Von der versprochenen Zärtlichkeit war dank bestialisch unerotischer Fickszenen nicht mehr allzu viel zu spüren, aber dafür kam neben den typischen Enzianismen, die man nicht unbedingt gut, aber doch mindestens interessant finden muss, ein inszenatorischer Gestaltungswille zum Ausdruck, den ich in dieser Form bei ihm noch nicht gesehen habe.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK beginnt in einem Lehrerzimmer: In einem dunkelbraunen Regal stehen ein paar unsortierte, zerfledderte Bücher, ein alter Globus und ein Mikroskop, die Stühle um den ebenfalls braunen Holztisch wurden von mehreren Trödlern zusammengesucht, der Aschenbecher ist gut gefüllt, muss aber noch lange nicht geleert werden, die Lehrerschaft – sechs an der Zahl, fünf Männer, eine Frau – diskutieren die Probleme des Berufs, wachsende Klassengrößen, steigende Zahl an Feiertagen. Auffällig und dem Enzperten sofort vertraut ist der Duktus, in dem diese Gespräche geführt werden: Unpersönlich, steif, langsam, als würden die Sätze von Wesen geäußert, die die Sprache zwar akzent- und fehlerfrei beherrschen, aber die Bedeutung der Worte nicht verstehen. Im Klassenzimmer bereiten die Schüler derweil einen Streich vor, den Klassiker mit dem Wassereimer auf der Tür. Statt dem geilen Lehrer mit dem offenen Hemd und dem Brusthaartoupet bekommt aber die neue Schülerin Nora (Soraya Athigi) die Dusche ab und steht daraufhin mit nassem Kleid und sich darunter abzeichnenden Nippeln vor dem Lehrer, der sofort Stielaugen bekommt und sie zum „Abtrocknen“ mit ins Lehrerzimmer nimmt. „Du hast ein herrliches kleines Loch“, bemerkt der Lehrer beim folgenden unumgänglichen Fick. Liebe in den Zeiten der Cholera.

Die Affäre zwischen Lehrer und Schülerin geht weiter, aber wer erwartet, dass diese Beziehung in irgendeiner Form problematisiert würde, sieht sich getäuscht. Wenn der Direktor später an die Vernunft des Lehrers appelliert, zeigt dessen Blick völliges Unverständnis, mehr noch: Teilnahmslosigkeit – und das liegt gewiss nicht nur daran, dass die Standpauke jegliche Schärfe vermissen lässt. Inspiriert von der Beziehung von Nora und dem Lehrer kommt es erst bei einer Party zu einer wilden Orgie der Schüler, zu Lehrer-Lehrer-Sex im Lehrerzimmer (Kommentar des nachsichtigen Direktors, der die beiden erwischt: „Schwamm drüber.“), dann schließlich beim Schulausflug zum großen Rudelbums, bei dem sich nun auch die anderen Lehrer an den Schülerinnen versuchen. Die arme Nora wird am Ende vom Direktor auf ihre alte Schule zurückgeschickt, nicht aber ohne dass der ihren Kopf im Auto in seinen Schoß drückt.

Diese Geschichte ist im Pornofilm nicht neu, aber der Blick den Enz auf diese Figurenkonstellation wirft, der ist es wohl: Das Schicksal Noras ist erschütternd und deprimierend und so inszeniert Enz das eigentlich auch, aber es stellt sich trotzdem die Frage, ob er das selbst auch so gesehen hat. Man kommt einfach nicht dahinter, warum seine Filme so sind wie sie sind. Der Sex ist bei ihm immer schmucklos, wild und triebhaft zwar, aber dabei frei von jeder Spiritualität oder sonstiger Glücksvorstellung. Die Menschen, die ihn haben, sind bestenfalls durchschnittlich, die Zimmer, in denen sie sich auf Bett, Sofa oder Teppich zerren, (klein-)bürgerliche Albträume in Kackbraun. Noch so ein Rätsel: Sehen seine Settings immer absichtlich so unvorteilhaft und scheiße aus oder war das doch nur Faulheit beim Dreh? Man kann sich letzteres kaum vorstellen, so konsequent wie da immer wieder irgendwelche Abscheulichkeit ins Bild ragen. Verstörend auch die Dialoge. Die „sweet nothings“, die sich die Menschen beim Sex in die Ohren säuseln, taugen nämlich zum Beweis, dass Sprache durchaus Gewalt antun kann: Als ein Mann seine Partnerin dazu auffordert, ihn rauszuziehen und sie ihn fragt, warum, bekommt sie als Antwort nur ein gebelltes „Weil ich es so will!“ zu hören. Die oralen Künste eines anderen Mädchens werden mit dem Satz „Nimm ihn auf Lunge!“ kommentiert und das Liebesspiel zweier Mädels wird von einem eben erst anderweitig fertig gewordenen Jungen mit den Worten unterbrochen: „Lasst das Gelesbel, hier kommt ein angefickter Schwanz!“ Alles ist vulgär und eklig, und wo eigentlich spielerische Freude oder Leidenschaft zum Ausdruck kommen sollte, wird stattdessen gekeucht, gestöhnt und geächzt wie beim Straßenbau. Da helfen auch die gemischten Paprikaschoten in der Holzschale auf dem Wohnzimmertisch neben der Flasche gutem Eierlikör nichts. Der Farbfleck bringt hier kein Leben rein.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK kulminiert dann in der langen, bereits erwähnten Schulausflug-Sequenz, bei der es die Schüler und ihre Lehrer an einen ruhig daliegenden kleinen Weiher verschlägt. Unglaublich, wie Enz das inszeniert, wie die typische Langsamkeit hier plötzlich zum spannungserzeugenden Mittel wird. Die sexuelle Anspannung ist greifbar: Die Mädchen machen sich einen Spaß daraus, ihre männlichen Lehrer zu reizen, die wiederum etwas verstockt im Gras sitzen und stumm auf die Mädchen starren, die sich auf einem Steg gegenüber platziert haben und ihre Blusen und Pullover lüpfen. Enz filmt dieses Lauerszenario mit Leonesker Ruhe und Ausdauer, in der das ganze Drohpotenzial der Situation zum Vorschein kommt: Ein anderer Regisseur hätte den Film hier vielleicht in einen Gewaltschocker umkippen lassen, in dem sich die Lüsternen gegenseitig umbringen. Die Szene, in der Nora sich im Bildvordergrund auf dem Rücken auf einer Waldlichtung liegend ihren Lehrern anbietet, die aus dem Bildhintergrund langsam auf den leblos anmutenden Körper zuschreiten, mutet wie ein Artefakt eines solchen nie entstandenen Enz-Gewaltpornos an, für den der Regisseur mit dem untrüglichen Blick, aber anscheinend ohne das Bewusstsein für das Hässliche, wahrscheinlich zu freundlich war. Eines der vielen, vielen Rätsel, die einem Enz aufgibt: Wie konnte man solche Filme drehen und die Menschen gleichzeitig lieben? Es ist ein Mysterium, das auch der nächste Film nicht lüften wird. Zum Glück.

 

 

hk16_deliziaDen Abschluss des ersten Kongresstages bildete mit DELIZIA ein besonderes Schätzchen: Der Softerotikfilm des Säulenheiligen Joe D’Amato wurde seinerzeit ausschließlich in Italien ausgewertet, gelangte also nie über die Landesgrenzen des Stiefels hinaus, und ist derzeit lediglich noch als italienisches VHS-Tape erhalten, das extra für den Kongress digitalisiert und untertitelt worden war. Der Aufwand hat sich gelohnt, auch wenn ich vermute, dass man im fortgeschrittenen Stadium der D’Amato-Verehrung angelangt sein muss, um diese Ansicht zu teilen. In dieser Nacht in Nürnberg, in jenem charakteristisch tranceartigen Zustand, der sich einstellt, wenn man viel Alkohol, schweres Essen, drei Filme und eine mehrstündige Autofahrt quer durch die Republik intus hat und euphorisiert ist vom Gefühl, nach einem Jahr Abstinenz zurück zu sein im verschworenen Kreise eines cinephilen Geheimbundes und Spezialistenzirkels, konnte es (fast) keinen besseren Film geben. Ich kann mich an kaum noch etwas erinnern von DELIZIA: Ich war wach, aber trotzdem in einem geistigen Dämmerzustand, angenehm berauscht, von dem naiven Schauspiel auf der Leinwand, das keine Inhaltsangabe, nur einen Satz braucht: Ein Junge (Luca Giordana) verliebt sich in seine Cousine Delight (Tini Cansino), die sich zu seiner Überraschung als der feuchte Traum aus seinen Tittenheften entpuppt.

Tini Cansino war dem Vernehmen nach in jenen Tagen eine Erotikberühmtheit in Italien und stolziert demnach mit makelloser Figur, hohlem Köpfchen und hohem Vogelstimmchen durch die Geschichte, lebendes Eye Candy, das in nahezu jeder Szene in unterschiedlichen Stadien der Ausgezogenheit vorgeführt wird. DELIZIA lebt sehr entscheidend von der zuhälterischen Unverfrorenheit, mit der D’Amato immer wieder draufhält und Cansinos Reize ins rechte Licht rückt, und dabei noch nicht einmal einen Hehl daraus macht, was der einzige Sinn und Zweck seines Filmes ist. Solange dabei eine göttliche Szene wie jene rumkommt, in der Delizia lustvoll an einem rohen Ei saugt, kann es dem zahlenden Kunden aber auch herzlich egal sein. Der geschulte D’Amatist wird die gewohnt somnambule Inszenierung zu schätzen wissen, diesen gleichmäßig-unaufgeregten Flow, der einfach perfekt ist für Late-Night-Sichtungen mit berauschtem Kopf und erschöpfter Aufnahmefähigkeit – zumal in einem solch erlauchten und liebgewonnenen Kreis. Was mir sonst noch in Erinnerung geblieben ist: Es gibt irgendwann eine große Gartenparty, bei der auch eine Punkrockkapelle auftritt, die mit ihrem Sound hart in das plastikhafte Italo-Synthiegedudel grätschen, das den restlichen Soundtrack ausmacht. Da gewinnt DELZIA ganz plötzlich eine Unmittelbarkeit, die man sonst nicht unbedingt mit D’Amato in Verbindung bringt. Der Rest ist in den Tiefen meines Unterbewusstseins vergraben, darauf wartend, nach und nach an die Oberfläche zu treiben – oder eben nicht. Ich hoffe sowieso darauf, DELIZIA irgendwann noch einmal zu Gesicht zu bekommen.

 

 

Der 16. Hofbauer-Kongress begann nicht mit diesem Film: Zur Eröffnung lief D’Amatos wunderbarer DIRTY LOVE, (über den ich jetzt aus naheliegenden Gründen nichts schreibe), im Anschluss daran vier Folgen des achtteiligen FWU-Aufklärungsfilms DER LIEBE AUF DER SPUR, die ich – wodka- und bratengeschädigt – leider komplett verschlafen habe. Zum „stählernen Überraschungsfilm“ HEUBODENGEFLÜSTER war ich zum Glück wieder wach: Deutsche Lustspiele der Sechziger- und Siebzigerjahre sind schließlich eine meiner Leibspeisen aus dem Kongress-Portfolio, und diese Variante – mit Heimatfilmkolorit und einem kleinen, aber feinen Darstellerensemble sowie der kundigen Regie Rolf Olsens ausgestattet – sah besonders schmackhaft aus.

Serviert wurde Formelkino par excellence, dank eines vermutlich eher schmalen Budgets besonders karg gestaltet, sich ganz auf die Fähigkeiten seiner Darsteller und die nimmermüde Abfolge tumber Späße verlassend. Es gibt haarsträubend vorhersehbaren Slapstick, wirklich kein „Klassiker“ wird ausgelassen, zahme Erotik, für die vor allem Ann Smyrner zuständig ist, eine wilde Verkettung von amüsanten Verwechslungen und Missverständnissen sowie bayrisches Landschaftsidyll – lediglich der musikalische Auftritt eines Gaststars aus der deutschen Schlagerszene fehlt zum vollkommenen Glück. Aufgewogen wird dieser Mangel aber durch ein Drehbuch, dessen labyrinthische Handlung einzig dazu erdacht wurde, möglichst viel von dem in den Film packen zu können, was deutsche Zuschauer damals lustig fanden – zumindest nach Auffassung der Macher.

Florian Maderer (Peter Carsten) ist ein fescher Gutsbesitzer und Bürgermeisterkandidat seines Örtchens, der sich bei Dorffesten immer wieder in Raufereien verwickeln lässt und deshalb nun zur Abkühlung ins Gefängnis soll. Es gelingt ihm und seiner klugen Frau Genoveva (Elfie Petramer) jedoch, Florians etwas einfältigen Vetter Blasius (Gunther Phillipp) dazu zu überreden, ihm die Haftstrafe uner Vorspiegelung einer falschen Identität abzunehmen. Der willigt tatsächlich ein – wird aber nach dem Besuch des Staatsbeamten Dr. Leo Dorn (Ralf Wolter) sofort wieder amnestiert (zum Geburtstag des Bundespräsidenten), natürlich mit Hintergedanken: Dorn will Maderer ein Grundstück abkaufen und hofft, ihn mit seiner Gefälligkeit im Preis drücken zu können. Am Hofe Maderers kommt es im Folgenden zum großen Chaos: Dorn hat sich angekündigt, um den Deal perfekt zu machen, und damit Florians Schwindel nicht auffliegt, muss sein Vetter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, während der stolze Florian dazu verdonnert wird, den Knecht zu spielen. Dorn auf den Fersen ist wiederum der Detektiv Hugo Zehe (Herbert Hisel), der von Dorns Gattin (Trude Herr) engagiert wurde, weil sie zu Recht vermutet, er habe ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Dodo (Ann Smyrner), die ihn auf seiner Reise begleitet. Und dann sind da noch Florians Tochter Hannerl (Renate von Holt), die zu Besuch aus der großen Stadt kommt und sogleich Kontakt zu ihrem einstigen Jugendschwarm aufnimmt, sehr zum Missfallen ihres Vaters, der depperte Andreas (Paul Löbinger), der scharf auf Florians Magd Resi (Christiane Rücker) ist, sich dann aber in den Detektiv in Frauenkleidern verliebt, der Kneipenwirt Limbusch (Rolf Olsen), Florians ärgster Konkurrent im Kampf um das Bürgermeisteramt, ein stotternder Depp und Willy Millowitsch als Gefängniswärter …

Die zeitgenössische Filmkritik konnte mit soviel geballter Trivialität erwartungsgemäß rein gar nichts anfangen, auch eine Revision ist angesichts harscher Beurteilung wie jener des Lexikons des internationalen Films, nach der HEUBODENGEFLÜSTER „eine Attacke gegen den gesunden Menschenverstand“ sei, eher nicht zu erwarten. Wie schön, dass man solcherlei enthemmtes Amüsement in Nürnberger Nächten zu schätzen weiß. Zusammen wurde Olsens Film gefeiert, bejohlt und beklagt, manches humoristisch verkarstete Tal durchschritten, nur um dann wieder einen sonnebeschienenen Gipfel der Albernheit zu erklimmen. HEUBODENGEFLÜSTER gehen der klebrige Frohsinn und der ornamentale Schwulst anderer deutscher Lustspiele und Heimatfilme weitestgehend ab, Olsen inszeniert mit der Hand des realistischen Ökonoms und die Salve an Zoten, die wie aus der Stalinorgel geschossen auf den Zuschauer niedergeht, ist vor allem ein Mittel, das Tempo hochzuhalten, ein Surrogat für die Schießerei, den Faustkampf oder die Verfolgungsjagd des Actionfilms.