Archiv für März, 2017

Detective Eddie Egan ging in die Kriminalgeschichte ein, als er 1961 gemeinsam mit seinen Kollegen des NYPD 112 Pfund Heroin beschlagnahmte, was damals eine Rekordmenge darstellte. Die Geschichte des Coups wurde vom Schriftsteller Robin Moore aufgegriffen, das Buch ein Beststeller, der eine ebenso erfolgreiche wie bahnbrechende Verfilmung nach sich zog: THE FRENCH CONNECTION, in dem Gene Hackman die Rolle Egans übernahm. Auch Howard W. Kochs letzter Film, BADGE 373, benannt nach der Nummer von Egans Abzeichen, basiert auf den Fällen der New Yorker Polizeilegende. Robert Duvall ist in seiner ersten Hauptrolle als „Eddie Ryan“ zu sehen, Egan selbst als sein Vorgesetzter. BADGE 373 ging trotz enormen Aufwands – das Location Scouting nahm mehrere Wochen in Anspruch, ingesamt sind 53 Original-Drehorte im Film zu sehen, eine Bus-Verfolgungsjagd verschlang allein zwei Wochen Drehzeit – an den Kassen unter und zog außerdem den Zorn der in den USA lebenden Puerto Ricaner auf sich, die sich rassistisch diffamiert fühlten – nicht ganz zu Unrecht, wie ich ergänzen möchte.

BADGE 373 beginnt mit der Razzia in einem puerto-ricanischen Nachtclub: Detective Eddie Ryan (Robert Duvall) hat sich mit angeklebtem Schnurrbart, offenem Hemd und Goldkettchen als Puerto Ricaner getarnt unter die „Landsleute“ gemischt (gut, dass es kein von Schwarzen frequentierter Club war, er wäre wohl mit Blackface aufgelaufen). Einer der aufs Korn genommenen Kriminellen flieht, wird von Ryan verfolgt und stürzt im folgenden Handgemenge vom Dach in seinen Tod. Ryan, dem durch die Medien Rassismus vorgeworfen wird, wird vorübergehend suspendiert. Nach kurzer Zeit erfährt er, dass sein Partner ermordet wurde. Obwohl er nicht im Dienst ist, beginnt er zu ermitteln. Er kommt dem idealistischen Revoluzzer Frankie (Chico Martinez) auf die Schliche, der die Freiheitsbewegung in Puerto Rico mit einer Waffenlieferung unterstützen will, und dem puerto-ricanischen Unternehmer und Schwerverbrecher Sweet William (Henry Darrow) …

BADGE 373 ist keineswegs ein vergessenes Highlight des US-Copfilms, aber er dürfte Freunden des Genres dennoch sehr zusagen, weil er dessen Eigenheiten geradezu idealtypisch in sich vereint. Da gibt es den unermüdlich ackernden Cop mit dem breiten Brooklyn-Akzent, der nach dem Aufstehen als erstes eine Kippe raucht und seiner Freundin einfach nicht sagen kann, dass er sie liebt. Es gibt die Polizeireviere mit ihren mottenkugelgrün gestrichenen Wänden und den schwarzen Holztischen. Die schäbigen Spelunken, in denen lichtscheues Gesindel nach Auskunft gefragt wird. Den regennassen Asphalt, auf dem sich die Lichter der Neonreklamen spiegeln. Kühlhäuser mit von der Decke hängenden Rinderhälften, Hafenanlagen, verstopfte Tunnel und Brücken. Eine fette Actionszene zur Halbzeitmarke und den Showdown, bei dem der „Held“ auf das Gesetz scheißt und den selbstherrlichen Monolog des Schurken mit bleihaltigem Applaus aus dem Revolver belohnt. Nichts, was man nicht schon dutzendmal gesehen hätte, aber BADGE 373 hat den Bonus der Authentizität: Es fühlt sich einfach alles sehr echt an und sieht auch so aus. Das gilt in negativer Hinsicht aber eben auch für den schon angesprochenen Rassismus. Der gehört zum Genre zwar irgendwie dazu, aber während man bei einem Film wie THE FRENCH CONNECTION noch eine Distanz zwischen Film und Protagonist spürt, schlägt sich BADGE 373 doch ganz auf die Seite Ryans, dessen verächtlich ausgestoßenes „spic“ hier gleich dutzendfach vorkommt. Eine wirklich positive puerto-ricanische Figur gibt es nicht, selbst der Kollege steckt mit den Waffenhändlern unter einer Decke. Frankie bekommt mit einer antiimperialistischen Rede zwar Gelegenheit, die Situation seiner Landsleute in den USA und der Heimat zu schildern, aber diese Kritik wird gleich dadurch wieder relativiert, dass man ihn als hoffnungslosen Träumer zeichnet, der letztlich gar nichts verändern, nur weiteres Leid bringen wird. Selbst Sweet William, ein Kapitalist, wie er im Buche steht, der die Slogans Frankies verachtet, weil er weiß, was mit ihnen angestellt wird, aber das Geld liebt, weil man es anfassen und zählen kann, kommt ihm gegenüber noch besser weg.

Wenn man mit diesem überaus streitbaren Zug des Films umgehen kann, bekommt man es aber mit einem wie gesagt durchweg soliden Vertreter des New Yorker Copfilms zu tun, den ich im gehobenen Mittelfeld einordnen würde.

Ich mache hier mal weiter mit meinem unsortierten Exkurs  in die „bunte“ Vielfalt des Siebzigerjahre-Gangsterfilms. THE SQUEEZE ist ein exzellentes Beispiel für die rohen, schmutzigen, absolut eigenständigen britischen Crimethriller jener Zeit. Jeder kennt und liebt Titel wie GET CARTER oder THE LONG GOOD FRIDAY, aber da gibt es noch so viel mehr zu entdecken, Filme wie VILLAIN, SITTING TARGET oder eben THE SQUEEZE, der bislang nur im Rahmen der Warner-Archives-Reihe verfügbar gemacht wurde und weitestgehend unbekannt ist. Das sollte sich ändern.

Zu Beginn torkelt Stacy Keach als Ex-Cop Jim Naboth stockbesoffen aus einem U-Bahn-Zug und fällt dann rücklings die Rolltreppe runter. Im Krankenhaus peppelt man ihn wieder auf und versucht ihn vom Alkohol abzubringen. Mit mäßigem Erfolg: Nach seiner Entlassung sucht er direkt den nächsten Pub auf. Zu Hause wird er von dem reichen Unternehmer Foreman (Edward Fox) aufgesucht, der mit Jims Ex-Frau Jill (Carol White) verheiratet ist. Sie ist zusammen mit ihrer jungen Tochter Christine spurlos verschwunden. Es handelt sich um eine Entführung, hinter der die Gangster Keith (David Hemmings) und Vic (Stephen Boyd) stecken. Jim verspricht Foreman, ihm bei der Befreiung von Frau und Tochter zu helfen. Sein Kumpel Teddy (Freddie Starr) muss ihn aber immer wieder daran erinnern, denn Jim ist ein hoffnungsloser Säufer …

THE SQUEEZE hat einfach alles, was man von einem britischen Gangsterfilm erwartet: Stacy Keach ist die Idealbesetzung für den sympathischen, aber selbstzerstörerischen Jim und bekommt reichlich Gelegenheit in demütigenden Szenarios um seine Würde zu kämpfen. Dass er zwischen seinen Abstürzen immer wieder aufblüht, macht seinen Mangel an Selbstdisziplin umso tragischer. Als sein unermüdlicher Freund brilliert der Comedian Freddie Starr, dessen einziger Spielfilm dies war (von einem Auftritt als Kind einmal abgesehen). Starr war Mitte der Siebzigerjahre dem Vernehmen nach ein großer Bühnenstar in England, berüchtigt für seine unvorhersehbaren Einfälle, die sich oft gegen sein Publikum richteten. Als Jims Kindermädchen ist er hier gegen den Strich besetzt, aber es ist diese bedingungslose Freundschaft, die das Herz des Films bildet. Die Gegenspieler der beiden sind ebenfalls echte Originale: Hemmings sehe ich immer gern, aber Boyd hat hier als brutaler Gentleman-Gangster die bessere Rolle und natürlich sind die beiden umgeben von den britischen Charakterfressen, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann. Da ist es auch ganz egal, dass ich von den Dialogen nur die Hälfte verstehe. London ist als Schauplatz eine Augenweide, zumal Apted die großen Touristenattraktionen meidet und ein anderes London zeigt. THE SQUEEZE wurde mit Partizipation der lokalen Unterwelt gedreht, die sicherstellen sollte, dass der Crew an den unsicheren Originalschauplätzen nichts passierte. Und der Showdown ist die kurze, aber heftige Gewaltexplosion, die es als Kirsche obendrauf noch braucht. Was es nicht braucht, sind viele Worte: THE SQUEEZE ist ein furztrockener Gangsterfilm mit komischen Momenten, der jedem munden sollte, der die oben genannten Titel zu schätzen weiß.

BLOODY MAMA, eine von  Roger Cormans berühmtesten Regiearbeiten (und eine der von ihm selbst meistgeliebten), verdankt ihre Entstehung wohl nicht zuletzt dem Erfolg von Arthur Penns epochemachendem BONNIE & CLYDE, seinerseits von vielen Filmhistorikern als Geburtsstunde des New Hollywood ausgemacht und natürlich massiv beeinflusst von den Gangsterfilmen der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre. Aber genauso darf BLOODY MAMA als maßgeblich für die im Verlauf der Siebzigerjahre gerade von kleinen Produktionsfirmen wie Arkoffs AIP (die BLOODY MAMA produzierte) oder Cormans New World Pictures in Auftrag gegebenen und in der Depression angesiedelten Gangsterfilme sowie zahlreiche Hillbilly- und Schwarzbrenner-Filmen angesehen werden. Filme wie BIG BAD MAMA, DILLINGER, THE LADY IN RED, MACON COUNTY LINE, JACKSON COUNTY JAIL oder LOLLY-MADONNA XXX, um nur einige zu nennen, die mir spontan einfallen, dürften dem Erfolg von Cormans Gangsterepos einiges zu verdanken haben. Dabei hat er mich, vom Lokalkolorit einmal abgesehen, fast noch mehr an einen anderen, weitaus berühmteren Film erinnert: an keinen geringeren als Francis Ford Coppolas Jahrhundertwerk THE GODFATHER.

Wie dieser handelt auch BLOODY MAMA nämlich von einer Verbrecherfamilie, die hier nicht von einem protektiven Vater, sondern von der Mutter angeführt wird. Das „Geschäft“, das Ma Barker (Shelley Winters) führt, ist weitaus weniger sauber und noch weniger einträglich als das von Don Vito Corleone, aber auch sie hält immer ihre schützende Hand über ihre Brut. Ihr gewalttätiger Sohn Herman (Don Stroud) könnte auch von James Caan gespielt werden, der psychotische, drogenabhängige Lloyd (Robert De Niro) hingegen nimmt einige Eigenschaften des später von John Cazale verkörperten, unglückliche Fredo vorweg. Die Parallelen enden nicht bei solchen kosmetischen Details: BLOODY MAMA schließt nach der Tötung des gesamten Barker-Clans durch die Kugeln des FBI mit einer Widmung an die „Mütter der Vereinigten Staaten“, womit er mehr als nur andeutet, dass die Wurzeln des US-amerikanischen Verbechens tief in die Keimzelle der Gesellschaft hineinreichen, die Familie, eine Aussage, die ja auch Coppolas Film macht.

An der epischen Aufbereitung, die Coppola für THE GODFATHER bemühte (und die seinen Film inmitten des New Hollywood wie einen konservativen backlash erscheinen ließ), ist Corman hingegen nicht interessiert – und natürlich hatte er auch gar nicht die Mittel dafür. Den Aufstieg der Barkers von einem Haufen Kleinkrimineller zur gefürchteten Verbrecherbande zeichnet er weniger akribisch nach, als er ihn schlaglichtartig in mehreren kleinen Episoden nachvollziehbar macht. Ein kurzer Prolog zeigt, wie die junge Kate Barker von ihrem Vater und ihren zwei Brüdern erst vergewaltigt wird und dann schwört, ihre eigenen Kinder niemals im Stich zu lassen. Jahre später packt sie ihre Söhne Herman, Lloyd, Fred (Robert Walden) und Arthur (Clint Kimbrough), die sich kurz zuvor selbst an einem jungen Mädchen vergangen haben, ins Auto und nimmt Abschied von George (Alex Nicol), ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder. Seinen ersten Mord verübt Herman aus nacktem Sadismus, es folgen kleinere Gaunereien, die Herman und Fred ins Gefängnis bringen. Bei einem Banküberfall erwirtschaftet der Rest des Barker-Clans die nötige Kaution und zementiert damit den Ruf als „public enemy“. Die Entführung des Unternehmers Pendlebury (Pat Hingle) soll das große Geld bringen, doch es zeigen sich bereits die ersten Risse in der vordergründigen Harmonie: Ma Barker hat ein Verhältnis mit Kevin (Bruce Dern), dem Geliebten ihres Sohnes Fred, zeigt nur Verachtung für Mona (Diane Varsi), die Gattin Hermans, und verkennt die Drogensucht von Lloyd. Ihre Fürsorge entpuppt sich immer mehr als unüberwindbares Gefängnis für ihre Söhne. Wie auch das „Vorbild“ BONNIE & CLYDE endet BLOODY MAMA mit der Erschießung des Clans und einer Reihe von Freeze Frames.

Cormans Film ist nicht unbedingt „spannend“: Der Handlungvserlauf ist sowohl durch die historischen Eckdaten – die allerdings heftig umstritten sind, vor allem, was die Involvierung der Mutter selbst betrifft – und natürlich durch die Konvention vorgegeben. Die erwähnte elliptische Erzählweise, bei der nie ganz klar ist, wie viel Zeit eigentlich zwischen den einzelnen Sequenzen vergangen sein soll, macht eine tiefe Immersion zudem ziemlich unmöglich. Und da ich viele der oben genannten, zum Teil von Corman produzierten Filme vorher gesehen habe, die sich von diesem in Look & Feel nur sehr marginal unterscheiden, hatte ich erst recht den Eindruck, das alles schon zu kennen. Wenn also auch die ganz große Begeisterung ausblieb, so ist BLOODY MAMA doch fraglos ein sehenswerter und auch bedeutender Film. Wahrscheinlich braucht er mehrere Sichtungen: Viele Details fliegen so an einem vorbei, weil Corman es vermeidet, seine Zuschauer mit der Nase darauf zu stoßen – das Verhältnis von Fred zu Kevin ist so eines: Als  die beiden da zusammen in einem Bett lagen, habe ich das zunächst einfach auf die beengten Platzverhältnisse und einen durch die Not bedingten Pragmatismus geschoben; erst als Ma Barker Kevin dann allerdings zu sich ruft, weil sie die Nacht nicht allein verbringen will, und der sich äußerst provokativ über Fred rollt, wurde mir klar, dass es da womöglich um mehr geht. BLOODY MAMA ist also ein „Reißer“, wie man ihn von Corman erwarten darf: Man unterschätzt ihn massiv, wenn man ihn darauf reduziert.

 

Ein Fest! Hinter dem grausam generischen deutschen Titel VIER SCHRÄGE VÖGEL verbirgt sich eine wunderbare, dazu sehr originelle und herrlich trockene Gaunerkomödie mit fantastisch aufgelegten Darstellern und einer ultrapräzisen Regie, die man von Yates nach BULLITT erwarten konnte. Für den Regisseur stellte THE HOT ROCK eine Rückkehr zum Sujet von ROBBERY dar, dem britischen Film, dem er sein US-Debüt verdankte. Er ließ den nicht minder brillanten, aber tonal völlig anders gelagerten THE FRIENDS OF EDDIE COYLE folgen.

Kaum aus dem Knast, wird der Berufsverbrecher Dortmunder (Robert Redford) von seinem Schwager und ehemaligem Partner Kelp (George Segal) abgeholt – in einem geklauten Auto natürlich. Eigentlich will sich Dormunder fortan als Klempner verdingen, aber das Angebot Kelps bei einem neuen Ding mitzumachen, kann er dann doch nicht abschlagen: Für den afrikanischen Politiker Amusa (Moses Gunn) sollen sie einen in seinem Heimatland ideologisch aufgeladenen Diamanten aus dem Brooklyn Museum entwenden. Der Raub gelingt nur halb: Zwar können Dortmunder, Kelp und ihr Fahrer Murch (Ron Leibman) entkommen, aber ihr Partner Greenberg (Paul Sand) wird festgesetzt und ist dazu gezwungen, den eben entwendeten Edelstein zu schlucken. Es steht also die Aufgabe an, ihn aus dem Gefängnis zu befreien, um an die Beute zu kommen …

Der Film bringt zwei eigentlich unvereinbare Aspekte des Heist- und Gangsterfilm auf geniale Art zusammen: das eiskalte Profitum und die Freude über wie eine geölte Maschine ablaufende Pläne einerseits, die Unzuverlässigkeit des Menschen und die damit einhergehende schicksalhafte Verkettung von Pannen andererseits. Für ersteres ist vor allem Robert Redford zuständig: Es werden gemessen an seinem einstigen Status ja nur selten Hohelieder auf ihn angestimmt, sein gutes Aussehen wird immer ein wenig gegen ihn verwendet, als hätte er dafür etwas gekonnt, aber den coolen, intelligenten und abgebrühten badass hatte er mindestens genauso gut drauf wie seine damaligen Konkurrenten McQueen, Eastwood und Bronson. Er verkauft seinen Monolog zu Beginn des Films, wenn er seinem etwas gutgläubigen Schwager innerhalb weniger genau auf den Punkt formulierter Sätze den gesamten Coup darlegt, sodass der kaum mitkommt, wie der Profi, den er da spielt, und bleibt auch sonst der ruhende Pol, der die dringend benötigte Erdung für den Film bedeutet. Seine Coolness strahlt auch auf die anderen ab: Man könnte das Drehbuch von THE HOT ROCK, der die Protagonisten zu immer neuen Coups zwingt, als albern bezeichnen und sich leicht eine Slapstickvariante im Stile von Kramers IT’S A MAD, MAD, MAD, MAD WORLD vorstellen: Aber der Film wird bei aller Komik nie völlig absurd, sondern bleibt tonal immer der Realität verpflichtet. Es ist denkbar, dass alles genauso passiert und die „vier schrägen Vögel“ sind echten Berufsverbrechern wahrscheinlich ähnlicher als die eiskalten Supertypen, die einem sonst in Filmen vorgesetzt werden. Klar, man hat es hier mit einer ziemlich skurrilen Häufung von Pannen zu tun, aber jede für sich scheint durchaus glaubwürdig; wie auch die Tatsache, dass die Kumpels immer wieder durchkommen. Die Staatsbeamten sind schließlich auch nur Menschen.

Diese Konstellation aus sympathischen, galubwürdigen Charakteren und einem cleveren, pointierten Drehbuch allein macht THE HOT ROCK schon zu einem Vergnügen, aber Yates gelingen dann auch immer wieder kleinere Kniffe, die ihm auch noch den letzten Kick geben: Wer sich auch schon immer gefragt hat, warum Todesdrohungen in Filmen immer wieder Wirkung zeigen, warum die so in die Ecke Gedrängten nie deren tatsächliche Umsetzung infrage stellen, auch wenn es doch durchaus Anlass dazu gibt, der findet hier eine Szene, die genau dies aufgreift. „You don’t have it in you“, sagt der betrügerische Anwalt Abe Greenberg (Zero Mostel) nur, die Drohungen der Helden damit ins Leere laufen lassend. Und er hat Recht, was auch der sonst so coole Dortmunder einfach eingestehen muss, als er sich niedergeschlagen abwendet. Wie sich die Szene im weiteren Verlauf dann abspielt, möchte ich nicht vorwegnehmen, aber es folgt einer der Momente, die den Film für mich auszeichnen: Immer, wenn man denkt, THE HOT ROCK sei am Gipfel angelangt oder habe den Bogen gar überspannt, überrascht er einen aufs Neue. Der komische Höhepunkt ist sicher die Inszenierung eines Riots in einem kleinen Polizeirevier, die den befehlshabenden Beamten zu patriotischen Reden veranlasst. „I’m not gonna be the first police officer to lose his precinct!“ Und wenn am Ende auch noch eine Hypnotiseurin sowie die Zauberformel „Afghanistan, Bananistan“ ins Spiel kommen, kann Yates längst einen echten Kantersieg verzeichnen. Super!

 

Roger Cormans New World Pictures verzückten zu Beginn der Siebzigerjahre nach Sensationen gierende Herren im Trenchcoat genauso wie Kritiker, die in Filmen wie THE STUDENT NURSES oder CAGED HEAT hinter all dem Sex und der Gewalt auch eine intelligente, mit Humor hervorgebrachte Gesellschaftskritik sahen. Dass sich das Exploitationkino immer wieder beim Tagesgeschehen bediente, um Respektabilität vorzugaukeln, war nichts Neues: Das Genre nahm seinen Ursprung schließlich in den Sexualhygiene- oder Drogenaufklärungsfilmen eines Kroeger Babb, dessen Publikum sich in den Vorführungen das abholen konnte, was ihm anderswo vorenthalten wurde, ohne sich dabei schlecht fühlen zu müssen. Aber man muss doch einräumen, dass man bei diesem Bestreben intelligenter (siehe oben genannte Filme) oder weniger intelligent vorgehen konnte. Was uns zu Bob Kelljans RAPE SQUAD bringt, der auch unter dem etwas weniger reißerischen Titel ACT OF VENGEANCE firmiert. (Die Produktionsfirma AIP, Cormans ehemaliger Arbeitgeber, hatte den Titel kurz vor dem Kinostart noch geändert, weil sie aufgrund des Wörtchens „Rape“ im Titel kalte Füße bekommen hatte.)

Der Film beginnt mit der Vergewaltigung der hübschen Studentin Linda (Jo Ann Harris): Ein mit Eishockeymaske verhüllter Serientäter überfällt und missbraucht sie und zwingt sie noch dazu, dabei „Jingle Bells“ zu singen. Ihr späterer Besuch auf dem Polizeirevier, wo sie den Überfall zur Anzeige bringen will, verlängert ihre Demütigung noch: Die anwesenden Männer starren die lädierte, aber attraktive Frau unverhohlen an, der zuständige Beamte suggeriert mit seinen Fragen, dass sie zumindest eine Teilschuld trägt, die abschließende Untersuchung durch einen schmierigen Frauenarzt gibt es noch obendrauf. Das Ergebnis der Tortur: Nicht nur kann man nichts machen, man bezweifelt auch die Tat, weil es keine Spuren von Sperma gibt. Linda ist verständlicherweise aufgebracht. Auch eine Gegenüberstellung, der sie mit anderen Opfern des Schurken beiwohnt, bringt nichts: Mit der Maske sehen alle Männer gleich aus. Die Polizei macht den Frauen nur wenig Hoffnung. Aber Linda will sich nicht abspeisen lassen: Sie überzeugt ihre Leidensgenossinnen, ein „Rape Squad“ zu gründen, eine Selbsthilfegruppe oder Art weiblicher Bürgerwehr, die Aufklärungsarbeit leistet und anderen Frauen Hilfe anbietet. Gemeinsam räumen sie in der Folge auf nächtlichen Straßen mit dem männlichen Geschmeiß auf …

RAPE SQUAD ist, wie oben schon angedeutet, eine erwartungsgemäß zwiespältige Angelegenheit: Auf der einen Seite ist die Anfangssequenz, die die Tortur Lindas zeigt, ziemlich eindrucksvoll und hellsichtig für die institutionelle Gewalt, die den Opfern noch zusätzlich zu ihrem eigentlichen Leid widerfährt, wird den (männlichen) Zuschauern auch das Auge für den Mitte der Siebziger wahrscheinlich noch weitaus selbstverständlicheren Alltagssexismus geöffnet, dem Frauen sich ausgesetzt sahen, und dem vermutlich eher übersichtlichen weiblichem Publikum klar gemacht, dass sie diesen nicht hinzunehmen haben; auf der anderen Seite kann es sich Kelljan dann aber trotzdem nicht verkneifen, die Mitglieder des Rape Squads beim gemeinsamen Bad im Whirlpool zu zeigen oder eine von ihnen sagen zu lassen, wie „geil“ sie nach all der unfreiwilligen Enthaltsamkeit sei. Das unterläuft den kritischen, feministischen Impetus dann doch erheblich. Aber solche Tendenzen machen die lobenswerten Ansätze nict völlig zunichte: Die Sympathie, soviel muss man RAPE SQAD aber zugutehalten, liegt eindeutig auf der Seite der Opfer. Die Männer, die in einer losen Verknüpfung einzelner Episoden ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, sind ekelhafte Machoärsche, die von ihrer eigenen Unwiderstehlichkeit ebenso überzeugt sind wie von der grundsätzlichen Verfügbarkeit aller Frauen. Und selbst der Freund Lindas, definitiv kein Gewalttäter, ist der Meinung, Linda solle sich doch endlich mal wieder abregen, anstatt ihr Unterstützung und Verständnis entgegenzubringen. Wenn dann also Date-Rapisten der kümmerliche Pimmel mit Farbstoff übergossen wird oder auf einem nächtlichen Parkplatz ein gewalttätiger Pimp eine ordentlich Portion Dresche bekommt, spürt man als humanistischer tiefe tiefe Befriedigung. Das ist ja auch ganz interessant, geht es im Rape & Revenge- wie auch beim Selbstjustizfilm doch meist eher darum, Rache als geeignetes Mittel zur Widerherstellung des Status quo in Zweifel zu ziehen. Das ist hier anders: RAPE SQUAD bietet erst einmal ein Ventil und Katharsis, was auch dadurch funktioniert, weil die Gewalt der Frauen gegenüber der der Männer vergleichsweise harmlos dargestellt wird. Und wisst ihr was: Ich finde das gar nicht mal so verkehrt.

Vielleicht ist es nur ein oberflächlicher Eindruck, der einer genaueren Betrachtung nicht standhielte: Im aktuellen Hollywood-Film spielen Menschen, die außerhalb der großen Metropolen leben, eigentlich keine Rolle mehr, außer in diversen Subgenres, in die sie gewissermaßen ausgegrenzt wurden. Der Trend geht natürlich mit einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einher: Dass die Bewohner der maroden Industriestädte im Mittelwesten so begeistert für Trump stimmten, hatte gewiss nichts damit zu tun, dass sie sich auf der Kinoleinwand unterrepräsentiert sehen, aber ihre Situation hat dieselben Ursachen. Jack Starretts THE GRAVY TRAIN (auch bekannt als THE DION BROTHERS) ist heute nahezu völlig vergessen, ich hatte nie zuvor von ihm gehört, aber er ist ein schönes Beispiel für die tragikomischen Loserdramen um Landeier, die den tristen Verhältnisse zu entkommen versuchen, die sich noch in den Siebzigerjahren regelmäßig der Bevölkerung zwischen New York, Los Angeles und Chicago annahmen. Es ist ein toller Film und mir ist es völlig schleierhaft, warum er nicht häufiger Erwähnung findet. Das trüffelsuchende Cineastenschwein frohlockt natürlich: Immer wieder schön, wenn man etwas entdecken kann, was sonst unter dem Radar durchfliegt.

THE GRAVY TRAIN handelt von den beiden Brüdern Calvin (Stacy Keach) und Rut Dion (Frederic Forrest). Sie fristen ihr Dasein mit dreckigen Jobs in einem Kaff in West Virginia, das keinerlei Perspektive bietet. Bis Calvin eines Tages mit dem Plan um die Ecke kommt, das „beste Seafood-Restaurant in DC“ zu eröffnen. Das Geld dafür, das muss er gar nicht erst lang erklären, soll ihr Anteil an einem Überfall auf einen Geldtransporter bringen. Der Überfall verläuft trotz haarsträubend amateurhafter Ausführung erfolgreich, doch dann warten die Brüder vergeblich auf ihr Geld: Ihr Auftraggeber Tony (Barry Primus) hat sie nicht nur hintergangen, sondern ihnen auch noch die Polizei auf den Hals gehetzt. Es beginnt die Suche nach dem Verräter und dem Geld …

THE GRAVY TRAIN vereint auf sehr gekonnte Art und Weise Elemente des damals reüssierenden harten Crime- und Copfilms (Clint Eastwood wird einmal explizit erwähnt), des tragischen Sozialdramas wie es vom New Hollywood häufiger aufgegriffen worden war und der munteren Fish-out-of-Water Komödie. Keach und Forrest sind toll als naive hicks, die völlig verblendet ins große Abenteuer stürzen. Keach übernimmt den Part des selbstbewussten, „weltgewandten“ Anführers, Forrest ist der leicht zu begeisternde, etwas einfältige Trottel, der seinem Bruder überall hin folgen würde. Schon die Idee Calvins, ein feines Restaurant eröffnen zu wollen, ist absurd und fehlgeleitet, was sich bestätigt, als er dann das entwirft, was er für eine geeignete Speisekarte eines solchen Etablissements hält: sein Highlight ist mit Käse überbackener Aal. Später im Film gibt es eine Szene, in der die beiden Brüder ein Nobelrestaurant entern, Fritten zu ihren Gourmetgerichten und natürlich den teuerstes Wein bestellen, den es gibt. Als Zuschauer weiß man schnell, dass das alles nicht gut ausgehen kann, aber man fiebert mit den beiden mit, die grundsätzlich keine schlechten Kerle sind und eine Chance verdient haben. Der Film verliert seinen munteren Ton auch dann noch nicht, als der erste ihrer Partner sein Leben lässt, genauso wenig wie den Dions klar wird, dass sie sich auf etwas eingelassen haben, das eine Nummer zu groß für sie ist. Zu erfüllt sind sie von ihrem Wunsch, den amerikanischen Traum zu leben und eine Fahrt auf dem „gravy train“ zu buchen, der sie an lästiger Arbeit vorbei geradewegs zum Reichtum führen soll.

Der Film mündet dann in ein wirklich wahnsinniges Finale, das die selbstmörderischen Tendenzen der Brüder gnadenlos offenlegt. Die Jagd auf ihren Anteil führt sie in ein Gebäude, das gerade abgerissen wird. Während sie also Tony und seinem Killer hinterherhetzen, bricht um sie herum förmlich die Welt zusammen. Wände werden von einer Abrissbirne weggerissen, mehr als einmal bricht den Charakteren sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weg und gähnende Abgründe tun sich plötzlich unter ihnen auf. Das ganze natürlich ohne die visuellen Effekte realisiert, die das, was einem da ein ums andere Mal die Luft wegbleiben lässt, heute vollkommen gefahrlos ermöglichen würden. Anstatt ihr Heil in der Flucht zu suchen und zu erkennen, dass sie ihr Leben riskieren, denken die Dions nur an die Kohle – mit den erwartbaren Konsequenzen für einen von ihnen. Auch der gravy train kann von den Schienen abkommen, wenn man die Kontrolle über ihn verliert.

Jack Starrett ist kein besungener Name, auch wenn der Mann ein paar schöne Sachen gemacht hat: die Blaxploitation-Klassiker SLAUGHTER oder CLEOPATRA JONES wären zu nennen oder das putzige Okkultismus-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL. Einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte hat er auf jeden Fall als das einzige Todesopfer in Ted Kotcheffs Klassiker FIRST BLOOD. Er ist auch hier in einer kleinen Rolle zu sehen, ganz am Anfang in einer Fernsehsendung, die sich Rut ansieht, spricht er als „gentleman rancher“ vom „gravy train“ und davon, dass das Geld in den USA buchstäblich auf der Straße liege. Ich könnte mir vorstellen, dass THE GRAVY TRAIN sein bester Film ist. Haltet Ausschau danach!

 

wolf-creek-2-mondo-posterMore of the same: Im australischen Backwood treibt Mick Taylor (John Jarratt) sein Unwesen, ein Redneck und Serienmörder, der es sich zum Ziel gemacht hat, sein Land von Touristen zu befreien. In der Nähe des titelgebenden Kraters greift er diesmal zwei Deutsche auf, das Pärchen aus Katarina (Shannon Ashlyn) und Rutger (Philippe Klaus). Erstere kann ihm entkommen und läuft geradewegs vor das Auto des Briten Paul (Ryan Corr), der nun von dem Killer quer durch die Einöde gejagt wird …

Greg McLean greift die (angeblich) wahre Geschichte eines britischen Australien-Touristen auf, der völlig aufgelöst von der Polizei aufgegriffen wurde, von der Konfrontation mit einem verrückten Touristenkiller erzählte und zurück in der Heimat in einer Nervenheilanstalt landete. Ansonsten unterscheidet sich das Sequel inhaltlich nicht wesentlich vom Vorgänger, mit der Ausnahme, dass es etwas mehr auf, ähem, „Fun“ ausgerichtet ist: Der Naturmystizismus, der in WOLF CREEK noch an eine lange australische Film-Tradition mit solchen Titeln wie WALKABOUT, PICNIC AT HANGING ROCK, THE LAST WAVE oder LONG WEEKEND erinnerte, wird hier außen vor gelassen, stattdessen rückt der sadistische Crocodile-Dundee-Verschnitt Taylor in den Mittelpunkt, der im Stile eines Slashers unerbittlich morden und seine Schandtaten nebenbei schwarzhumorig kommentieren darf. Schon der Auftakt, der ihn bei der Abrechnung mit zwei großkotzigen Streifenpolizisten zeigt (inkl. MAD MAX-Zitat), deutet die Neuausrichtung an: Aus der Identität des Mörders wird kein Geheimnis mehr gemacht und mit den beiden Arschgeigen, die ihm zum Opfer fallen, hat man nur mäßiges Mitleid – ist ja schießlich nur ein Film. Das ändert sich zwar ein wenig, wenn Taylor wenig später wieder harmlose Touristen ins Visier nimmt, aber seine Unerbittlichkeit nötigt einem dennoch Hochachtung ab. Er weiß, was er will und scheut bei der Verfolgung seines Ziels keine Mühen.

Der Überführung jener charakteristischen Slasher-Eigenschaft in einen etwas realistischeren Kontext und in die schier endlose Weite (und Leere) des australischen Outbacks verdankt WOLF CREEK 2 sein Gelingen als thrillride: Die Angst des zunehmend hoffnungslosen Ryan vor dem durch nichts abzuwimmelnden und mit äußerster Brutalität vorgehenden Jäger wird ebenso greifbar wie die tödliche Absurdität eines Raumes, der keinerlei Grenzen aufweist, aber gerade deshalb auch keinen Ausweg bietet. Am Ende muss sich Ryan dem Killer in dessen unterirdischem Verlies der bizarren Travestie einer Quizshow stellen und Fragen zur Geschichte Australiens beantworten. Es stellt sich heraus, dass der Mörder es auf „Ausländer“ abgesehen hat, die seine heimische Kultur mit Füßen treten – einer Kultur, mit der der Geschichtsstudent Ryan ironischerweise besser vertraut ist als Taylor selbst. Dieser Aspekt des Films wirkt ein wenig aufgesetzt, wie der Versuch, eine gewisse Tiefe oder Bedeutung in ihn hineinzulegen, obwohl er sich bis dahin damit zufriedengegeben hat, den Affekt zu bedienen. Taylor verliert umso mehr von seinem Schrecken, je mehr er redet. Und er redet ziemlich viel.

Langer Rede, kurzer Sinn: WOLF CREEK 2 scheint deutlich weniger ambitioniert als der Vorgänger. Er macht keinen Hehl daraus, dass es ihm in erster Linie darum geht, sein Publikum für 90 Minuten zum Kreischen zu bringen. Das gelingt ihm sehr gut, woran nicht zuletzt die garstigen Make-up-Effekte einen Anteil haben. Hier gibt es keine klinischen CGI-Gliedmaßen, stattdessen werden anatomisch genau geformte Gummiprothesen mit viel Körper- und Kunstbluteinsatz abgetrennt. Diese Ausrichtung mindert aber natürlich auch die Langzeitwirkung des Films: Wer mehr sucht als einen effektiven, aber auch ziemlich leeren Schocker, ist hier definitiv an der falschen Adresse.