tia can di que (kei law, taiwan/hongkong 1979)

Veröffentlicht: März 5, 2017 in Film
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Ein schurkischer Herr macht zwei seiner Untergebenen zu Krüppeln, um sie für ihre Fehler zu bestrafen: dem einen hackt er beide Arme ab, dem anderen verätzt er die Beine. Ein alter Meister nimmt sich der beiden verfeindeten Männer an, überzeugt sie davon, durch Teambuilding ihre Schwächen zu überwinden, und beginnt schließlich, sie in Kung-Fu auszubilden, damit sie Rache nehmen und den Übeltäter in seine Schranken verweisen können …

Ein Jahr zuvor hatte der große Chang Che mit CAN QUE einen neuen Höhepunkt des „Freak-Fus“ geschaffen, ein Martial-Arts-Subgenre, zu dem auch solche Klassiker wie Ches DU BEI DAO oder Yuen Woo-Pings ZUI QUAN gezählt werden müssen: Es handelt sich um ein Subgenre des Eastern, dessen Protagonisten ihre körperlichen Handicaps in die Stärken einer eigens entwickelten Kampfkunst verwandeln. TIA CAN DI QUE zeigt die Verwandschaft zum Vorbild schon im Titel, setzt dem Werk aus der großen Shaw-Produktionsschmiede aber noch einen drauf: Seine beiden „verkrüppelten Meister“ sind nämlich echt und verdanken ihre Behinderungen nicht irgendwelchen Spezial- und Make-up-Effekten.

Dieses Gimmick ist natürlich das Pfund, mit dem der Film reichlich wuchert: Man muss aber dazu sagen, dass die Kampfszenen sich durchaus sehen lassen können, auch wenn die Überlegenheit der beiden Meister erwartungsgemäß nicht wirklich überzeugend ist. Aber es gibt jede Menge toller und ziemlich unglaublicher Kunststückchen und Einfälle, deren tollste der ist, bei dem sich der Beinlose mittels zweier an seinen Schulterblättern befestigter Haken in einen lebendigen Rucksack des Armlosen verwandelt, und die beiden als Vorläufer des „Master Blasters“ aus MAD MAX: BEYOND THUNDERDOME die Schurken aufmischen. Die beiden Hauptdarsteller zeigen eine beeindruckende Körperbeherrschung, was auch für ihren Lehrer gilt: Der alte, etwas an einen chinesischen Meister Proper erinnernde Yoga-Meister kann sich wie ein Taschenmesser zusammenfalten und lässt sich dann bequem im Reisegepäck mitnehmen. Dem Vorbild von Liu Chia-Liangs SHAO LIN SAN SHI LIU FANG folgend, beginnt TIA CAN DI QUE mit einer ausgedehnten Studioperformance der drei „Freaks“ , während derer sie ihre besonderen Fähigkeiten schon einmal vorführen dürfen.

Zum Staunen über diese Fähigkeiten gesellt sich während des Films immer wieder handfester Ekel, aber auch Mitleid, das von den haarsträubenden Eskapaden auf der Leinwand hartnäckige Konkurrenz bekommt. Die Behinderungen der Hauptdarsteller sind ziemlich schmerzhaft anzuschauen und erinnern daran, wie sehr sich die Medizin in den vergangenen drei Jahrzehnten weiterenwickelt hat. Der Armlose zeigt auf einer Seite einen grotesk unterentwickelten Überrest eine Hand mit nur noch einem Finger, der während der Fights gruselig herumschlackert, der Beinlose zwei unterentwickelte Unterschenkel und verhornte Knie. Den Vorwurf, die Handicaps seiner Hauptdarsteller als Schauwert auszuschlachten, kann der Film erwartungsgemäß niemals entkräften, selbst wenn er ein Herz für diese Figuren entwickelt und zeigt, dass sie sich trotz ihrer körperlichen Schwächen in der Welt behaupten können. Aber die Naivität, mit der das vonstatten geht, ist schon herzzerreißend: Der Film beginnt mit der „Entarmung“, die der Betroffene hinnimmt wie eine Eins und danach erst einmal in einem Gasthof einkehrt, um sich von dem Schock bei einem Becher Reiswein zu erholen. Warum nach den beiden sauber geführten Hieben auf einer Seite dieser beschriebene Armrest übrigbleibt, darüber schweigt sich der Film beharrlich aus, versucht noch nicht einmal, eine Erklärung dafür herbeizukonstruieren.

Es gibt noch mehr zu lachen: Die Handlung – deren Details ich irgendwann nicht mehr wirklich folgen konnte – dreht sich auch um den Diebstahl kleiner Jadepferde, was dazu führt, dass die Figuren in der deutschen Synchro immer wieder nach „Jadepferdchen“ klagen wie kleine Mädchen, die mit „My little pony“ spielen wollen. Und dass der Bösewicht ca. aber der Mitte des Films einen stattlichen Buckel offenbart, den er am Ende in einer selbsterfunden Kampftechnik (Buckel-Fu?) zum Einsatz bringt, ist auch sehr toll. Die deutsche Fassung lässt im ausgedehnten Showdown eine Szene vermissen, die erklärt, was denn aus dem Yogameister geworden ist, aber der Film kann diesen Verlust ganz gut verkraften, wenn er nicht sogar davon profitiert, fünf bis zehn Minuten kürzer zu sein. Ich finde diese Billigeastern ja immer auch ein bisschen langweilig, weil sie erzählerisch das geistige Niveau von Fünfjährigen anpeilen, aber TI CAN DI QUE entschädigt für manche Redundanz mit seinem absurden Finalkampf, bei dem die beiden Meister des Krüppel-Fus dem Buckelmann ordentlich Monte einpacken.

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