swiss army man (daniel kwan & daniel scheinert, usa 2016)

Veröffentlicht: März 8, 2017 in Film
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Trotz vieler positiver Reaktionen von Bekannten, die ich für verlässlich halte, war ich skeptisch: Der Trailer von SWISS ARMY MAN sah zugegebenermaßen toll aus und entlockte mir das ein oder andere Lachen, aber den Verdacht, dass sich der Film als gimmickiges Novelty-Vehikel mit nur beschränkter Halbwertzeit entpuppen würde, konnte er nicht völlig entkräften. Daniel Radcliffe als Leiche mit Superfähigkeiten, mit denen ein auf einer einsamen Insel Gestrandeter sich am Leben erhält: Das roch nach einem auf Spielfilmlänge gestreckten Sketch. Und wahrscheinlich ist das auch der Ursprung von SWISS ARMY MAN: Im Bonusmaterial gestehen die Regisseure, dass ihr Film mit der Idee einer furzenden Leiche begann. Ihnen ist dann zum Glück noch etwas mehr eingefallen, aber grundsätzlich ist das eine treffende Beschreibung des Inhalts: Es geht um die Freundschaft eines Schiffbrüchigen mit einer furzenden Leiche, die ihm das Leben rettet. Das Schöne an SWISS ARMY MAN ist, dass der Film als auf diesem Gag basierender skurriler Bilderbogen funktioniert, aber dass man auch mehr in ihm sehen kann, ohne dass er darüber seinen infantilen Witz verlieren würde. Die Befürchtung, dass die beiden Daniels einen hoffnungslos ephemeren FIlm gedreht haben, erweist sich als unbegründet: Nicht weil SWISS ARMY MAN irrsinnig bedeutungsvoll wäre, sondern weil seine Leichtigkeit eine seiner großen Stärken ist.

Am Anfang fahren ein paar aus leeren Flaschen und Getränkepackungen gebastelte Bötchen auf dem offenen Meer an der Kamera vorbei. Die kontinuierlich komplexer werdenden Konstruktionen machen die Botschaft, die auf eines von ihnen gekritzelt ist, beinahe redundant: „Ich langweile mich“, steht darauf. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der auf einer einsamen Insel gestrandet um sein Überleben ringt. Aber sie ist charakteristisch für die in SWISS ARMY MAN zum Ausdruck kommende lakonische Sicht auf das Leben – und das erste Anzeichen dafür, dass das, was der Zuschauer im Folgenden sieht, nicht immer das ist, was tatsächlich passiert. Zunächst aber ist der Verfasser der Botschaften, ein junger Mann namens Hank (Paul Dano), tatsächlich ein moderner Robinson Crusoe, der seinen Freitag just in dem Moment trifft, in dem er sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will: Plötzlich liegt da der Körper eines Mannes (Daniel Radcliffe) in der Brandung, der sich bei näherer Begutachtung als tot herausstellt. Die Enttäuschung weicht bald der amüsierten Verwunderung, als dem leblosen Körper heftige Blähungen entweichen. Und die nutzt Hank schließlich als eine Art Außenbordmotor: Auf dem Körper des Toten rast er über das Meer und landet schließlich an einer nicht mehr ganz so öd aussehenden Küste. Plötzlich scheint die Möglichkeit der Rettung nah. Und mit der Leiche, die sich bald als „Manny“ vorstellt, gar nicht mehr so tot ist und zahlreiche weitere nützliche Fähigkeiten zeigt, ist die ganze Situation viel leichter zu ertragen.

SWISS ARMY MAN ist die Geschichte einer sprichwörtlich wunderbaren Freundschaft. Hank überwindet die Einsamkeit, indem er eine Persönlichkeit für den Toten erfindet, mit ihm Gespräche führt und sich gemeinsam Freizeitbetätigungen ausdenkt. Am Ende erweist sich vor allem Hank als nicht ganz der, der er zu sein vorgab: Hinter seinem traurigen, aber auch etwas ausdruckslosen Gesicht verbirgt sich ein Drama, das der Film aber nie vollständig aufdeckt. Vieles, was im Film eine prominente Rolle spielt, scheint seinem Wahn zu entspringen, aber es wird keine saubere Grenze gezogen. SWISS ARMY MAN lässt sich nicht lückenlos auflösen wie ein raffiniertes Puzzlespiel. Und das ist gut so, weil der Film nicht zuletzt von der Fähigkeit des Menschen handelt, sich zu wundern, zu staunen, Schönheit zu finden im Banalen und Alltäglichen. In seinen besten Szenen erinnert SWISS ARMY MAN an die Filme von Spike Jonze, an den DIY-Charme, den sie gleichermaßen feiern, wie sie von ihm beatmet sind. In einer ausgedehnten Sequenz baut Hank seinem toten Freund einen Bus aus Ästen und Müllteilen, um die tägliche Begegnung mit einem hübschen, unbekannten Mädchen nachzustellen. Er bastelt sogar eine am Fenster entlanglaufende Spule mit Fotos, mit der er die Fahrt simuliert und dem Freund so zeigt, wie schön es ist, einfach nur auf die vorbeiziehende Welt zu schauen. Oder er stellt mithilfe von Stockpuppen und einer vom Feuerschein beleuchteten Plane berühmte Kinofilme für ihn nach. Das Titelthema von JURASSIC PARK wird intoniert und es ist ganz klar: Wenn man diesen Film nicht gesehen hat, hat man eigentlich nicht gelebt. Natürlich lernt Hank auch selbst etwas im Austausch mit der Leiche: Zum Beispiel, dass es gut ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen nicht beherrschen zu lassen. Ein ihm am Ende entfleuchender Furz ist der große Durchbruch, den er wie einen großen Triumph feiern darf. Das ist gnadenlos albern, aber – und das ist doch eine ziemliche Leistung – auch einfach sehr schön.

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