dagon (stuart gordon, spanien 2001)

Veröffentlicht: März 12, 2017 in Film
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Die Geschichte der gescheiterten Verfilmung der Lovecraft-Erzählung von „The Shadow over Innsmouth“ ist eine traurige. Nach dem Erfolg von RE-ANIMATOR planten Regisseur Stuart Gordon und Brian Yuzna eine Filmadaption, entwarfen Konzepzeichnungen und Storyboards, entwickelten ein Drehbuch und versuchten das nötige Kleingeld für das Herzensprojekt aufzutreiben. Leider scheiterte der ambitionierte Film dann aber genau daran: Es kam einfach nicht genügend Geld zusammen, um die Pläne realisieren zu können. Was übrig blieb, waren eben jene fantastischen Zeichnungen, die in einer alten Fangoria-Ausgabe die Story des Films bebilderten, der nicht hatte sein sollen. Zumindest für 10, 15 Jahre nicht. Mit der preisgünstigen Verfügbarkeit von CGI war das Unmögiche plötzlich machbar geworden und so platzte 2001 jene Verfilmung in eine völlig veränderte Welt. Gordon, in den Achtzigern noch einer der Götter des US-Horrors, war mittlerweile weitestgehend von der Bildfläche verschwunden, die Latex- und Gore-Exzesse vergangener Tage waren passé, zeitgenössisches Horrorkino hatte nur noch wenig mit dem zu tun, was in den Achzigerjahren in solch rauen Mengen veröffentlicht worden war. Als DAGON erschien, waren vor allem die missratenen Visual Effects ein Thema und da ich die Geschichte von „Shadow“ kannte, beschloss ich Gordons neuestes Werk aus alter Verbundenheit zu meiden. Wahrscheinlich die richtige Entscheidung: Ich befürchte, ich hätte DAGON damals einfach nicht unbefangen sehen können, hätte mich über die zum Teil wirklich eher hässlichen CGI unverhältnismäßig stark geärgert und nicht erkannt, wie nah dran der Film sonst am Lovecraft’schen Spirit ist.

Bárbara (Raquel Meroño) und Paul (Ezra Godden) schippern mit ihren älteren Freunden vor der spanischen Küste, als sie von einem plötzlich aufziehenden Sturm überrascht werden und auf einem Felsen auflaufen. Mit dem Ruderboot paddelt das Pärchen zur Küste, an der sich ein verfallenes Fischerdorf erhebt, um Hilfe zu holen. Doch in dem Ort stimmt irgendetwas nicht: Die Menschen zeigen rätselhafte Deformationen und erweisen sich als überaus aggressiv gegen die Eindringlinge.  Seit einst die Fische ausblieben, huldigen sie einer uralten Gottheit namens Dagon, die einen hohen Preis von ihnen gefordert hat …

DAGON lebt ganz von der Konfrontation eines Einzelnen mit einer unfassbaren Geschichte und einer Überzahl von Feinden, die ihm ans Leder wollen, und nähert sich damit unweigerlich dem Paranoiafilm an – ein Aspekt der durch die Tatsache, dass sich der Amerikaner Paul unter den spanischen Einheimischen nicht verständlich machen kann, noch verstärkt wird. Der dekadente Neuengland-Touch Lovecrafts geht DAGON logischerweise ab, aber das von unablässigen Regenfällen völlig vermoderte spanische Fischerdorf lässt diesen Mangel schnell vergessen. Was DAGON hinsichtlich seiner visuellen Effekte vermissen lässt, macht er durch einen unnachahmlichen Sense of Place wieder wett, der für sein Gelingen absolut entscheidend ist. Man glaubt, dass es diesen Ort gibt, er erscheint völlig plausibel. Es macht auch nichts, dass der Film im Grunde genommen eine einzige lange Verfolgungsjagd durch verwinkelte Gassen ist: Der Ort ist faszinierend und die kleinen Episoden, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt, sind interessant genug, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Und wenn es blutig wird oder klassische Maskeneffekte zum Einsatz kommen, erinnert man sich wieder an die gute alte Zeit, in der Gordon seine Blüte erlebte und Brian Yuzna Leute wie „Screaming Mad George“ zu Popstars machte. DAGON ist ein wunderbarer Film, ganz gewiss eine der besten Lovecraft-Verfilmungen überhaupt und seine Schwächen machen nur deutlich, wie fehlgeleitet viele zeitgenössische Genrefilme in ihrem Effektwahnsinn sind. Was DAGON auszeichnet, ist das Beherrschen der Mittel klassischen Filmmakings, der Rest ist nur Augenpuder.

 

 

 

 

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Kommentare
  1. Martin Compart sagt:

    Ich stimme Dir zu: Für mich ist DAGON die bisher beste Lovecraft-Verfilmung überhaupt (und SHADOW ist meine liebste Lovecraft-Geschichte), Ich empfand diesen spanischen Ort ähnlich bedrückend und erschreckend wie das literarische Innsmouth. DAGON gehört zu den sehr wenigen Horror-Filmen, ich immer mal wieder ansehe(n kann).

    • Oliver sagt:

      Kennst du CALL OF CTHULHU, das Filmprojekt der H. P. Lovecraft Historical Society? Dabei handelt es sich um eine Verfilmung von 2005, die sich dem Stoff sehr liebevoll annähert, indem sie ihn als Stummfilm adaptiert, komplett mit wunderbaren Stop-Motion-Effekten und Modellbauten. Von der HPLHS gibt es auch noch ein Nachfolgewerk, THE WHISPERER IN THE DARKNESS, das habe ich aber selbst noch nicht gesehen.

      • Martin Compart sagt:

        Ich meine, ich hätte vor ein paar Jahren da mal was auf You tube gesehen. Weil Du Stummfilm schriebst, klingelt da was bei mir. Ich muss direkt mal sehen, ob das noch verfügbar ist…

        Das ist wohl der Trailer.

      • Oliver sagt:

        Habe ich zwar seit Jahren nicht mehr gesehen, ist aber wirklich sehr toll.

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