the poseidon adventure (ronald neame, usa 1972)

Veröffentlicht: April 7, 2017 in Film
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Für manche ist es THE TOWERING INFERNO, für andere EARTHQUAKE, für mich dieser hier und zwar mit riesigem Abstand: der beste der „klassischen“ Katastrophenfilme der Siebzigerjahre. Als Kind habe ich THE POSEIDON ADVENTURE geliebt. Ich erinnere mich daran, in der fünften oder sechsten Klasse mal einen Aufsatz über den Film geschrieben und vorgelesen zu haben. Das Geständnis, dass darin „viele Menschen sterben“, war mir ein bisschen unangenehm, aber mein Lehrer hat, glaube ich, genau verstanden, was der Appeal des Filmes auf einen Zehnjährigen ausübte. Und jetzt, wo ich den Film zum ersten Mal seit locker 30 Jahren wiedergesehen habe, hat mich THE POSEIDON ADVENTURE wieder sofort gepackt. Aber ich habe auch erkannt, was ihn von anderen Katastrophenfilmen wie den oben genannten unterscheidet und warum er – zumindest für mich – auch jenseits vom reinen Camp Value, den diese kitschig-klobigen Vehikel meist entfalten, funktioniert. Zu behaupten, THE POSEIDON ADVENTURE sei „realistischer“ oder gar „subtiler“, wäre natürlich Unsinn. Aber erstens gelingt es Neame, seine mit grobem Pinselstrich gemalten Figuren sympathisch, lebendig und greifbar zu machen, zweitens gönnt sich das Drehbuch so etwas wie einen Subtext, der das Geschehen über das reine Spektakel hebt.

Die Reise der Überlebenden der Schiffskatastrophe vom Ballsaal, in dem sie Silvester feiern, als die Poseidon von einer mächtigen Flutwelle umgeworfen und auf den Kopf gestellt wird, bis zur nun über der Wasseroberfläche liegenden Schiffsschraube, an der sie geborgen zu werden hoffen, lässt sich dank der Figur des tapferen, aber strengen Priesters Scott (Gene Hackman) als Paraphrase der Geschichte Jesus‘ lesen, aber auch als Adaption des Platonischen Höhlengleichnisses. Scott, der während der Exposition als Freigeist und Nonkonformist im Dienst der Kirche gezeichnet wird, bringt seine Schäflein dazu, ihm auf die gefährliche Reise zu folgen – gegen den Rat eines Schiffsoffiziers und die überwiegende Zahl der Passagiere, die das für Selbstmord halten – und kurz darauf die Quittung erhalten. Der passiven Haltung des Christen, der auch in der dunkelsten Stunde noch darauf hofft, dass ihm der liebe Gott beistehen und ihn retten wird, setzt er eine Kämpfermentalität und einen gesunden Egoismus entgegen: Gott will Kämpfer, Leute, die die Dinge selbst in die Hand nehmen, statt Zauderer, Zögerer und Feiglinge. So führt er auch die ihm folgende Truppe höchst unterschiedlicher Charaktere gegen immer wieder aufkeimende Zweifel und Konflikte zum Ziel – natürlich nicht, ohne sich am Ende opfern zu müssen. Und für die Passagiere? Für sie wird die beschwerliche Wanderung zu einer Prüfung und Charakterfrage, an deren Ende sie das Licht sehen – und natürlich zu neuen Menschen geworden sind.

Das alles ist packend, spannend und mitunter ergreifend, selbst in Momenten, in denen mit beiden Daumen fest auf die Tränendrüse gedrückt wird: Shelley Winters, sonst eine zum Overacting neigende Pomp-Nudel, brilliert in ihrer traurigen Sterbeszene, die sich natürlich just in dem Moment ereignet, in dem sie a) von ihrem Mann (Jack Albertson) getrennt ist und b) bewiesen hat, mehr zu sein als nur eine übergewichtige alte Dame, und wenn Ernest Borgnines Streifenpolizist Rogo – der hitzköpfige, emotionale Gegenpart zum herrischen Scott – den Tod seiner Ehefrau Linda (Stella Stevens) betrauern muss, einer ehemaligen Prostituierten, die er vor der Heirat mehrfach verhaftet hatte, nimmt man ihm den Schmerz voll und ganz ab. Ich glaube aber, die Schlüsselrolle hat Red Buttons als freundlicher, sanftmütiger Single Martin inne. Heute würde er ganz gewiss als schwul geoutet, hier rechtfertigt er sich ganz schüchtern für sein Singledasein, und seine Verschrobenheit – er ist sowohl Geher als auch Hypochonder – muss nie als Anlass für billige Gags herhalten. Wie er die Gruppe selbstlos zusammenhält und sich verständnisvoll der aufgelösten Sängerin Nonnie (Carl Lynley) annimmt, die über den Tod ihres Bruders in eine Art Schockstarre gerät, ist die eigentliche, stille Heldentat des Films.

Hinzu kommen die fantastischen Settings des buchstäblich Kopf stehenden Luxusdampfers, die mich immer wieder eine entsprechende Theme-Park-Attraktion herbeiträumen lassen. Und Neame, ein großer Regisseur, der mit diesem Stoff eigentlich künstlerisch unterfordert war, aber trotzdem in jeder Sekunde seine Klasse unter Beweis stellt, wusste ganz genau, dass diese Vehikel im Grunde genommen großer Quatsch waren. Es ist auch seine Ruhe, die dem Film einen bleibenden Wert verleiht. Ich möchte glauben, dass diese fünf bis zehn Sekunden, in denen er THE POSEIDON ADVENTURE zum Stillstand bringt und für einen entspannten Lacher sorgt, kurz bevor die Spannung ihren Siedepunkt erreicht, auf seinem Mist gewachsen ist: Da stolpert der junge Schiffsnerd Robin (Eric Shea) weg von der Sicherheit der Gruppe mitten hinein in die Schiffstoilette, die wie der Rest des Dampfers auf dem Kopf steht und guckt wie ein Auto in die über ihm schwebenden Schüsseln. Nie wieder erreichte der Katastrophenfilm die visuelle Klarheit dieses einen Moments.

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