furankenshutain tai chitei kaijû baragon (ishirô honda, japan 1965)

Veröffentlicht: Mai 9, 2017 in Film
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Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, warum die großen Kaiju-Klassiker von einst nicht zu einem ähnlich wichtigen Bestandteil meines Lebens als Filmliebhaber geworden sind wie meinetwegen die Spencer&Hill-Filme. Irgendwann Mitte der Achtziger, da liefen die GODZILLA-Filme der Sechzigerjahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen rauf und runter, perfekt getimt in den Sommerferien, und faszinierten mich in meiner Kindheit natürlich ungemein. Ich erinnere mich noch ganz genau an den ersten, den ich damals sah, FURANKENSHUTAIN NO KAIJÛ SANDA TAI GAIRA, zu Deutsch FRANKENSTEIN – ZWEIKAMPF DR GIGANTEN, die Fortsetzung zu diesem hier, und an den immensen Eindruck, den er auf mich machte. Es folgten dann einige weitere, später  nachmittags auf SAT.1 oder RTL, aber da war es schon nicht mehr dasselbe: Die Sympathie war noch da, aber diese unmittelbare Faszination war einer distanzierteren Haltung gewichen. Der jugendliche Omnipotenzwahn ist kein allzu guter Nährboden für die Liebe zur ungehemmten Naivität der Kaijus. Wie schade. In den Neunzigern versuchte ich dann noch einmal die alte Liebe aufleben zu lassen, mit den damals aktuellen Werken und Kitamuras GOJIRA: FAINARU WŌZU sah ich sogar einigermaßen enthusiastisch im Kino, aber die Begeisterung von einst wollte sich nicht mehr einstellen. FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON ist für mich tatsächlich der erste Kaiju, seitdem ich für F.LM Ishirô Hondas GOJIRA rezensiert habe (und PACIFIC RIM zählt natürlich genauso wenig wie Gareth Edwards US-Film). Und siehe da: Es geht jetzt wieder, der staubig-gummige Charme verfehlt seine Wirkung genauso wenig wie diese krude Mischung aus pseudowissenschaftlichem Gelaber und haarsträubendem Unfug.

FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON – oder Deutsch: FRANKENSTEIN – DER SCHRECKEN MIT DEM AFFENGESICHT – beginnt im Zweiten Weltkrieg, als böse Nazis einem armen mad scientist die wichtigste Entdeckung klauen, um sie nach Japan zu bringen: Es handelt sich um nichts weniger als das unsterbliche Herz Frankensteins, das da in einer Proteinlösung vor sich hin puckert. Dann fällt die Bombe auf Hiroshima und das Unheil nimmt seinen Lauf, denn 15 Jahre später taucht ein missgestalteter, affenähnlich aussehender Junge auf, der rasant auf ein riesenhaftes Ausmaß anwächst. Bald ist klar, dass der Junge unter Einfluss der radioaktiven Strahlung gewissermaßen um das Herz Frankensteins herumgewachsen ist. Als er aus seinem Gefängnis ausbricht, geht das übliche Monsterfilmtreiben los: Militärs und sensationsgeile Journalisten wollen den Tod der Bestie, die Bevölkerung erstarrt in Panik, die Wissenschaftler suchen händeringend nach Lösungen. Gleichzeitig zieht ein weiteres Monster, der dusselig aussehende Baragon, eine Spur der Verwüstung durch Japan, die man dem armen Frankenstein anhängen will …

Ich bin, wie beschrieben, zu lange raus aus dem Kaiju-Business, aber FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON unterscheidet sich von den Filmen um Kollegen Godzilla m. E. dadurch, dass er sich noch stärker als diese an klassischen Horror- bzw. Science-Fiction-Motiven orientiert. Die Bezugnahme auf Frankenstein ist hier zwar auch höchst frech, macht aber dennoch mehr Sinn als in den anderen Kaijus, bei denen vor allem die deutsche Titelschmiede den Urvater der mad science würdigte. Der arme, missgestaltete Junge wird hier wie einst King Kong gefangen genommen, diversen Untersuchungen unterzogen und von der mütterlichen Wissenschaftlerin domestiziert, bis er schließlich, von allen missverstanden und gefürchtet, fliehen kann. Ausflüge nach Deutschland, der Heimat von Frankensteins unsterblichem Herz, werden mit rührenden Panoramabildern untermalt, die an alte, nostalgische Postkarten erinnern, ein flüchtiger Gruß jener bildlichen Tradition, der FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON zwar auch entspringt, von der er sich aber dank japanischer Fabulierfreude meilenweit entfernt hat. Und dann wird da im Eiltempo durch einen Plot gehetzt, der alle möglichen Wendungen hätte nehmen können, aber dann doch in einer ausgedehnten Balgerei zweier Monster mündet, because why not?

Neben den Zeitgeist-Elementen, der herrlichen Trickfotografie und den liebevollen Miniatursettings war es vor allem die Wankelmütigkeit der „rationalen“ Wissenschaftler, die mich begeistert hat: Da wird Frankenstein in einem Käfig im Keller gehalten, aber die Idee, ihn in einen Zoo zu verfrachten, wird empört mit den Worten abgewiesen, er sei ein Mensch und kein Tier. Keine zehn Minuten später hat derselbe Humanist seine Meinung aber schon wieder geändert und vergleicht Frankenstein mit einem Gorilla, der beseitigt gehört. Sein amerikanischer Kollege kommt irgendwann mal auf die Idee, dass man Frankenstein am besten auf mittlerer Höhe des Fujiyama einfange: Wahrscheinlich nur, um eine Überleitung zu einer Jugendherberge zu haben, denn von dem genialen Plan ist danach keine Rede mehr. Schön auch die verzweifelte Anmerkung der Wissenschaftlerin, wie schlimm es doch sei, etwas behaupten zu müssen, was man nicht belegen könne. Überhaupt muss einen die Strategie dieser Filme, noch den unwichtigsten Quark mit wichtig klingenden Erklärungen herzuleiten, zu Tränen rühren. Ein großer Akt wird etwa daraus gemacht, dass Baragon leuchtende Augen habe – was sofort als Beleg dafür herangezogen wird, dass er unter der Erde leben muss, wahrscheinlich weil er eine Taschenlampe braucht. Es ist einfach zu schön, genau wie das niedliche Puppenwildschwein, das Frankenstein fangen will, dann aber doch nur einen Panzer in die Falle lockt. Der Finalfight vor einem Waldbrand ist noch einmal ein visueller Höhepunkt und ein angemessen dramatisches und bildgewaltiges Ende. Warum der arme Frankenstein aber danach mit dem besiegten Baragon im Erdboden versinkt, habe ich nicht verstanden. Für Scham jedenfalls gab es keinen Grund.

 

 

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