supersonic (mat whitecross, großbritannien 2016)

Veröffentlicht: Juni 16, 2017 in Film
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Vor neun Jahren erschien „Dig out your Soul“, Oasis‘ bislang letztes Album. Wenig später löste sich die Band auf: Die Differenzen zwischen den Brüdern Noel und Liam, die bis dahin wesentliche Triebfeder des Erfolges waren, waren nun anscheinend nicht mehr zu kitten. Beide machen seitdem eigene Sachen, mit denen sie – das wissen beide – nie mehr diese weltumspannende Größe ihrer gemeinsamen Band erreichen werden, und schießen via Interviews verbale Giftpfeile aufeinander ab. Man merkt, warum sie einst nicht mehr miteinander konnten, aber vor allem, dass sie eigentlich auch nicht ohne einander können. Ich hoffe, die beiden besinnen sich irgendwann und tun sich wieder zusammen.

SUPERSONIC, eine zweistündige Dokumentation, die den phänomenalen Aufstieg der Proleten aus Manchester zur vielleicht größten Rockband der Neunzigerjahre von den ersten Gehversuchen bis zum Gig in Knebworth 1996, wo Oasis an zwei Abenden vor rund 400.000 Menschen spielten, nachzeichnet, macht einem in dieser Hinsicht allerdings nur wenig Hoffnung: Der Film trägt den Tonfall eines verspäteten Nachrufes. Immer wieder gibt es Aussagen, die die Unausweichlichkeit und auch die Endgültigkeit ihrer Trennung beschwören, damit auch feststellen, dass das Ende von Oasis im Streit das einzig mögliche für diese Geschichte vom rasanten Aufstieg zweier Underdogs ist, die das Blut, aber eben auch eine bittere Rivalität verbindet.

SUPERSONIC ist durchaus ungewöhnlich aufgebaut: Keine „talking heads“, wie in so vielen Dokus, die in die Kamera schwadronieren und dabei nur gelegentlich von Ausschnitten unterbrochen werden, stattdessen besteht der ganze Film ausschließlich aus mitunter großartigem Archivmaterial, über das die Beteiligten aus der Gegenwart als körperlose Voice-overs sprechen. Die inhärente Melancholie des Films, der von einer Zeit erzählt, die heute viel weiter weg scheint als sie es tatsächlich ist, von einer Band aus angry young lads, die kraft ihres Willens zu Superstars wurden und für eine kurze Zeit on top of the world waren, wird dadurch noch verstärkt: Die Vergangenheit, sie ist in SUPERSONIC so viel greifbarer, intensiver, größer als die nüchterne Gegenwart. Whitecross‘ Film über eines der größten Jugendphänomene der letzten zwanzig Jahre ist zwangsläufig auch ein Film über den Verlust der Unschuld und der Jugend. Nach dem zweiten Album „(What’s the Story) Morning Glory“ waren Oasis nicht mehr länger die coolen Kids aus Manchester, die den richtigen Ton trafen und den britischen Kids aus der Seele sprachen, sie waren ein Wirtschaftsunternehmen, an das plötzlich finanzielle Erwartungen gestellt wurden. „Be here now“, das dritte Album, aufgenommen im Stadium drogeninduzierter Unzurechnungsfähigkeit, wurde von der Kritik, die die Gallaghers zuvor zu den „Sex Beatles“ hochgejazzt hatte, weitestgehend verrissen (zu Unrecht, wie ich hinzufügen möchte). Oasis legten noch ein paar starke Alben nach, aber diese Urgewalt waren sie nicht mehr, lediglich noch eine gute Rockband, die eben alle paar Jahre eine neue Platte aufnahm.

Man hört den Schmerz über diese Entwicklung aus den Äußerungen von Liam und Noel: Woran sie einst Teil hatten, scheinen sie erst mit dem Abstand von 20 Jahren zu begreifen. Wer will es ihnen verübeln: Das alles ging rasend schnell. Der Ruhm, die Hoffnungen und Erwartungen, die in die Band gesetzt wurden, die Superlative, die man für sie erdachte, wären für jeden eine harte Prüfung gewesen. Für zwei Mancunians aus einfachsten Verhältnissen, die unter einem gewalttätigen Vater aufwuchsen und eigentlich keine Chance hatten, etwas aus sich zu machen, konnte diese Erfahrung kaum anders als in Exzess und Größenwahn enden.

Aber das ist auch genau das, was ich (und andere Fans) an Oasis so liebe. Während andere Bands sich möglichst down to earth geben oder besonders eloquent und intelligent sein wollen, zogen Oasis eine Schneise der Zerstörung durch die Popkultur, diktierten jedem, der ihnen ein Mikro hinhielt, eine markige Schlagzeile oder eine bodenlose Dummheit ins Mikro – und tun das ja auch heute noch. Es war ihnen egal: Sie waren Oasis und für ein paar Jahre untouchable – auch weil sie das von sich selbst dachten. Mir sind ein paar launische Großkotze lieber als Mucker, die auch die Kindergärtner meines Sohnes sein könnten. Rock der Marke, die Oasis spielten, hat etwas mit Aufbegehren, mit Trotz, Aggression und ja, auch Arroganz zu tun. Keiner verkörperte das zu jener Zeit und in dieser Größenordnung besser als sie.

SUPERSONIC ist toll, nicht nur wegen der Musik oder weil die beiden Gallaghers so immens unterhaltsam sind (und weitaus weniger dumm als man ihnen gemeinhin unterstellt), sondern weil der Film mitunter beinahe prophetisch anmutet. Da gibt es uraltes Videomaterial, das im Kontext des Voice-overs so wirkt, als hätte man vor 20 Jahren schon gewusst, dass mal ein Film daraus entstehen sollte. Ein magischer Moment zeigt Liam Auge in Auge mit dem tosenden Publikum vor ihm. Die Musik verstummt, Whitecross geht in die Zeitlupe, während der Sänger über das Gefühl spricht, vor eine Menge zu stehen, die die eigenen Songs singt, völlig ausrastet, während er selbst wie ein Fels in der Brandung steht, völlig ruhig, wie er sagt, völlig in Kontrolle über den Augenblick. Das ist formal großartig aufgelöst und zeigt, dass die Manchester-Proleten sehr gut verstanden hatten, was die Größe von Popmusik ausmacht. Die Lieder werden bleiben, sie gehören den Menschen. „Wonderwall“ wird auch dann noch gesungen werden, wenn Liam und Noel längst unter der Erde liegen. Aber sie waren diejenigen, die die Melodien aus der Luft griffen und sie in Akkorden und Textzeilen einfingen.

Whitecross‘ größter Verdienst ist es, dass ihm der Spagat zwischen der Doku über einen Rockgiganten und dem Porträt zweiter konfliktgeplagter Egoisten so mühelos gelingt. Beides geht Hand in Hand: Man versteht die beiden Brüder nach dem Film besser, sieht, welche Rolle sie spielten und warum es zu dem Bruch kommen musste. Noel der sagt, dass er immer neidisch auf den Jüngeren war, der besser aussah, den cooleren Gang hatte; Liam, der nie diese Songs schreiben konnte, die Noel eine zeitlang mit schöner Regelmäßigkeit aus dem Ärmel schüttelte, „nur“ der Sänger war. Noel fasst ganz gut zusammen, was Oasis auszeichnete: Es sind nie nur die Songs, die eine Band groß machen, es ist immer das Gesamtpaket aus Musik und Präsentation. Ohne Liam, seine rotzige Stimme und die herausfordernde Arroganz wären Oasis nie geworden, was sie waren. Und für diese zwei Jahre, die SUPERSONIC abdeckt, war das verfickt viel. D’you know what I mean?

 

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