starship troopers (paul verhoeven, usa 1997)

Veröffentlicht: Juni 28, 2017 in Film
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Drei Tage nach meinem 22. Geburtstag lief STARSHIP TROOPERS an und rockte meine Welt. Einen solch blutrünstigen, dabei großbudgetierten Genrefilm hatte man zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gesehen und Verhoeven nahm wahrlich keine Gefangenen, hetzte junge, schöne, aber auch ziemlich leere Menschen in eine aussichtslose Schlacht und bewarf die Kamera anschließend mit ihren durchtrennten oder durchbohrten Torsi und abgerissenen Gliedmaßen. Es war ein Fest, auf dem erwartungsgemäß viele Gatekeeper der Hochkultur und der bürgerlichen Moral nicht mitfeiern wollten. Schon die literarische Vorlage und deren Autor Robert A. Heinlein galten politisch als „problematisch“ und nicht wenige fielen (mal wieder) auf den ätzenden Humor des holländischen enfant terribles herein. Da seine jugendlichen Protagonisten mit großer Begeisterung in den Krieg zogen und sich für die faschistoide Politik ihrer Regierung begeisterten (die Menschen das Wahlrecht nur unter der Bedingung zugesteht, dass sie in der Armee dienen), wurde ihm selbst der Vorwurf der Kriegsverherrlichung und des Faschismus gemacht – was für ein Armutszeugnis.

Tatsächlich ist die Entscheidung Verhoevens, ausschließlich begeisterungsfähige, persönlichkeitsarme Schönlinge zu besetzen, die sehr wahrscheinlich gar nicht verstanden, worum es in dem Film eigentlich ging, sein großer Coup (ähnlich wie schon das Casting von Elizabeth Berkeley in SHOWGIRLS). Natürlich ist die Politik des Zukunftsstaates, den er da zeigt, nur möglich, weil junge Leute die Aussicht, sich ihre Sporen im Krieg zu verdienen, tatsächlich attraktiv finden, auf die Verheißungen der Propaganda von Abenteuer und Heldentum hereinfallen. Auf meine Frage an einen Amerikaner meines Alters, warum er als Soldat nach Bosnien-Herzegowina gegangen war, antwortete der nur: „Because I wanted to be a hero.“ Als er merkte, was für ein Blödsinn das war, war es natürlich schon zu spät gewesen. Aber er hatte Glück, kam lebendig und mit allen Gliedmaßen zurück nach Hause, etwas was nicht alle Protagonisten von STARSHIP TROOPERS von sich behaupten können.

In der Zukunft müssen sie sich nicht nur mit menschlichen Gegnern anderer Nationen auseinandersetzen, sondern mit einem überaus aggressiven Arachniden- und Insektenvolk auf trostlosen Planeten weit von der Erde entfernt. Als Lohn für den Einsatz gegen die mit allen medialen Mitteln als niederes, tötungswürdiges Kroppzeuch dargestellten Krabbeltiere winken die vollen Bürgerrechte, Anerkennung und Karriere – und endlich mal ein langer Urlaub vom behüteten Leben bei Mama und Papa. Schon während der Grundausbildung bekommt das Bild vom geilen Abenteuer, bei dem man zum echten Kerl respektive zur echten Frau reift, tiefe Risse und beim ersten Kampfeinsatz ist dann endgültig Sense mit der Vorstellung, man könne die Erlebnisse des Krieges später einfach so wieder abstreifen. Die menschlichen Truppen sehen sich einer Übermacht von Horrorwesen gegenüber, die sie zerreißen, zerhacken, aufspießen oder schlicht und ergreifend verspeisen. Man hat angesichts dieser grausamen Realität nur zwei Optionen: sterben oder eben zum harten motherfucker werden, der den Krieg tatsächlich als seine Lebensaufgabe begreift und mit verzerrtem warface immer wieder neu dem Tod entgegenrast.

STARSHIP TROOPERS ist immer noch ein schöner Film, aber er hat in den 20 Jahren seit seiner Premiere schon etwas von seinen damals unwiderstehlichen Reizen eingebüßt: Einige Monate nach ihm kam Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN in die Kinos und bedeutete einen Paradigmenwechsel sowohl hinsichtlich der Ästhetik generell wie auch hinsichtlich dessen, was im Mainstreamkino an Gewaltdarstellung auf einmal wieder möglich war. STARSHIP TROOPERS wirkt mit dem für Verhoeven charakteristischen sterilen, künstlichen und irgendwie comichaften Look tatsächlich wie aus einer anderen Epoche und was uns damals im Kino noch ungläubig und voller Begeisterung loslachen und mit offenem Mund staunen ließ, wurde schon kurze Zeit später hinsichtlich „Realismus“ und Detailfreude weit übertroffen. Und auch nicht an allen Effekten des Films ist die Zeit spurlos vorübergegangen. Nicht weiter verwunderlich und auch kein Grund, den Stab über STARSHIP TROOPERS zu brechen, aber doch ein Aspekt, der die Freude heute etwas trübt. Dass Verhoeven seinem ROBOCOP inhaltlich eigentlich nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen hatte, lässt sich auch kaum übersehen. STARSHIP TROOPERS kritisiert Kriegshetze und Militarismus und macht unmissverständlich klar, dass die Rekrutierung junger Menschen durch das Militär ein Verbrechen des Staates an seiner Zukunft ist, aber so eine richtig neue Erkenntnis war das ja 1997 auch nicht mehr, genauso wenig wie uns die Enttarnung des Fernsehen als Verblödungs- und Gehirnwaschmaschine noch überrascht. Und dass die ekligen Arachniden nicht gerade Mitleid evozieren, schwächt Verhoevens Botschaft durchaus: Es scheint in der Welt des Films ja nicht wirklich eine Alternative zu geben, wenn man nicht die eigene Auslöschung duldend hinnehmen möchte.

Als Achterbahnfahrt funktioniert Verhoevens Film aber natürlich immer noch ganz ausgezeichnet. STARSHIP TROOPERS geizt nicht mit Schauwerten und die schon in SHOWGIRLS mit Erfolg integrierten Soap-Opera-Elemente bilden einen reizvollen Kontrapunkt zu den blutrünstigen Massakern, die immer wieder losbrechen. Die Besetzung ist herrlich Nineties – Casper van Dien, Denise Richards, Dina Meyer, Patrick Muldoon, Neil Patrick Harris, Jake Busey  -, abgeschmeckt mit Veteranen wie Michael Ironside, Clancy Brown oder Rue McClanahan und einigen Nebendarstellern, die in Zukunft im Fernsehen von sich reden machen würden: Ich denke hier natürlich an Dean Norris (BREAKING BAD) und Seth Gilliam (THE WIRE). Die Zeit vergeht wie im Flug mit dem Film und man wünscht sich das ein oder andere Mal, das ein Teil dieses Kalibers heute noch einmal die Studios verlassen möge: ein großes, millionenschweres Gewaltspektakel für ein erwachsenes Publikum. Diese Zeit ist wohl endgültig vorbei. Paul Verhoeven machte anschließend HOLLOW MAN, der damals weitesgehend als Enttäuschung und seelenlose Auftragsarbeit angesehen wurde und das Ende seiner Zeit in Hollywood bedeutete. Wenn ich ehrlich bin, meine ich auch schon leichte Ermüdungserscheinungen bei STARSHIP TROOPERS zu sehen, der damit davonkommt, weil Verhoeven aus dem Vollen schöpfen konnte und das dann auch tat. Angesichts des tollen BLACK BOOK und der positiven Reaktionen auf ELLE war seine Rückkehr nach Europa für ihn wahrscheinlich die richtige Entscheidung – auch wenn ich mich noch mal von einer Verhoeven’schen Genre-Breitseite in den Kinosessel drücken lassen würde.

EDIT: Kurzer Nachtrag zur „Kritik“ des Films. Dass Verhoeven hier eine ziemlich wehrhafte Rasse von insektoiden Monstern als Gegner für die Menschen wählt, für die Sympathien zu entwickeln schwerfällt,  ist natürlich ein Teil seiner Manipulation. Er will eben nicht, dass wir Mitleid empfinden, sondern erst einmal dem Impuls nachgeben, den Rassisten in uns rauszulassen oder uns eben ganz verstandesmäßig dafür entscheiden, auch diesen fiesen Krabbelviechern ein Recht auf Leben zu gewähren. Das ist einerseits intellektuell die richtige Entscheidung, entbindet ihn andererseits aber auch davon, uns die Arachniden irgendwie nahezubringen. Ja gut, der schniefende Brainbug am Ende ist schon eine etwas traurige Gestalt, aber so richtig hat das bei mir nicht funktioniert …

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Kommentare
  1. bullion sagt:

    Was für ein Brett von einem Film das damals war. Funktioniert auf vielen Ebenen und das ziemlich famos. Kriegssatire, Sci-Fi-Spektakel, Soap Opera. Herrlich!

  2. Panik! Props sagt:

    Echt kein Mitleid, als dem Brainbug die Kettensäge in die „frontale Öffnung gerammt wird? Auch nicht bei dem freudigen Ausruf „Er hat Angst!!“ ;))

  3. Josselin Beaumont sagt:

    Schöne Review; habe den Film in meiner Jugend ebenfalls sehr geschätzt und zigfach angesehen. Als ich ihn dann vor ca. drei Jahren erneut sah, konnte er mich nicht mehr ganz so packen, obschon er mir freilich noch immer gefiel. Werde ihn die Tage mal wieder ansehen. Insgeheim hoffe ich ja darauf, dass er mich wieder – wie einst – „wegblasen“ wird.

    „…man wünscht sich das ein oder andere Mal, das ein Teil dieses Kalibers heute noch einmal die Studios verlassen möge: ein großes, millionenschweres Gewaltspektakel für ein erwachsenes Publikum. Diese Zeit ist wohl endgültig vorbei.“

    Ich habe den Eindruck, dass es gegenwärtig durchaus dahin gehen könnte, dergleichen hier und dort wieder vermehrt im Kino erblicken zu können.

    LOGAN war für mich umwerfendes Kinoerlebnis. Insbesondere, da ich mit den meisten Filmen der gegenwärtigen Comic-Kultur aus dem Hause Marvel oder DC eher wenig anfangen kann.

    Dann gab es vor ein paar Jahren PROMETHEUS und jüngst ALIEN: COVENANT im Kino zu sehen. Ebenfalls mit prallem Budget daherkommend.

    MAD MAX, OLYMPUS sowie LONDON HAS FALLEN sowie 300 Teil 2 könnte man auch nennen.

    Sicher, ist keine riesige Ausbeute, aber dergleichen wird noch produziert und veröffentlicht. Und Dank des großen Erfolges von LOGAN wurde ebenfalls bereits bekundet, dass zukünftig noch mehr kommen könnte.

    • Oliver sagt:

      Also PROMETHEUS fand ich scheiße, der zählt schon einmal nicht. 😉

      LOGAN habe ich nicht gesehen, aber nach dem, was ich gehört habe, ist das Tolle an dem doch gerade, dass er sich hinsichtlich des Spektakels eher zurück nimmt und sich am Western orientiert.

      LONDON und 300 sind glorified B-Movies, die zählen nicht. Mir ging es nicht darum, dass es keine Gewalt mehr auf der Leinwand gibt, sondern dass sie eher in etwas „kleinere“ Filme geschoben wird. Das Äquivalent zu TROOPERS wäre ein JURASSIC PARK oder ein TRANSFORMERS-Teil, in dem Menschen onscreen zerrissen werden. Das kann man aber vergessen, weil ein R-Rating (oder gar ein NC-17) an der Kasse dem Todesurteil gleichkommt. Es sei denn, es geht um eine Comicverfilmung wie DEADPOOL, in der alles mit einem Augenzwinkern abgeschwächt wird.

      • Kozure Okami sagt:

        „Es sei denn, es geht um eine Comicverfilmung wie DEADPOOL, in der alles mit einem Augenzwinkern abgeschwächt wird.“

        Was ja durchaus in Ordnung wäre, würde der augenzwinkernde Humor mehr sein als platte Genital- und Sexwitzchen, bzw. würde der Humor deutlich ätzender und offensiver sein. Aber wie nur in einer Welt voller PC-Superhelden? Da bedürfte es dann doch mal wieder eines Mannes wie Verhoeven im amerikanischen Kino, hätte er denne die Möglichkeit sich durchzusetzen.

  4. Martin Däniken sagt:

    Du hast den absoluten Karrieredurchstarter vegessen:
    Neil Patrick Harris
    oder „to obvious“?!

  5. Martin Däniken sagt:

    Ja erwähnt schon,aber nicht weiter behandelt wie Dean Norris oder Seth Gilliam!
    Sorry fürs Korinthenkacken 😉
    Aber manchmal bin ich so DEUTSH!
    Auf jeden Fall genau wie Robocop und Total Recall zaubert mir dieser Verhoeven ein Lächeln auf alle vier Backen!
    Und weiter so!

    • Oliver sagt:

      Harris spielt ja in zwei Kategorien: Er hatte schon Doogie Howser gespielt und war von daher kein ganz Unbekannter mehr, als ST erschien. HIMYM habe ich dann auch eher als Comeback einsortiert als als Durchbruch.

  6. Frank sagt:

    Oh, Mann, ich weiß noch, ich war 14 oder 15 als mein Cousin das VHS-Tape präsentierte – und wie geflasht ich war!!! Natürlich bin ich Verhoeven komplett auf den Leim gegangen, wie hätte ich auch damals anders können, aber das ist auch ein Grund, weshalb ich den Film heute noch so schätze (neben dem Offensichtlichen natürlich).
    Vor ein paar Monaten habe ich den Film zufällig wieder in die Finger bekommen, und nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich es kaum erwarten das Teil durchzuladen & zu entsichern! Und was Verhoeven für ein Tempo vorlegt; allein dieser „fantastische“ Kriegsgrund indem den ersten Sekunden, da sollen doch echt diese miesen Bugs einen Asteroiden quer durch die halbe Galaxie zielgenau auf die Erde gesteuert haben – diesen verfluchten Missgeburten eines Brain-Bugs gehört jetzt aber so was von der Arsch aufgerissen!!! 😎
    Kommt schon ihr müden Hunde, wollt ihr etwa ewig leben?!

  7. Frank sagt:

    Okay, ich hab ihn gleich noch mal nachgelegt; die Bilder sind glasklar, so hart, als ob man mit ’nem Baseballschläger vermöbelt wird und es geil findet!

  8. Josselin Beaumont sagt:

    Ich weiß ja nicht, wie es euch mit der Blu-ray ergangen ist, aber ich wünschte mir, dass in nächster Zeit ein frisches Master angefertigt würde.

    Die BD ist zwar alles andere als schlecht, aber der Film verdient m. E. ein 4K-Master. Ist da etwas in der Mache? Gibt es hier vielleicht Insider?

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