batoru rowairu (kinji fukasaku, japan 2000)

Veröffentlicht: Juli 2, 2017 in Film
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batorurowaiaru-japaneseposter21Wie ihr vielleicht merkt, sind bei mir derzeit Klassiker angesagt. BATTLE ROYALE war vor 16, 17 Jahren – oh mein Gott, bin ich alt – der Film, den man sehen musste, der große Schocker, das alles andere in Schatten stellende Gewaltopus, das ich mir natürlich sofort via Mailorder als Import-DVD nach Hause holte und dann mit zitternden Fingern und voller Vorfreude in den Player schob. Kinji Fukasaku kannte ich noch nicht, hatte keine Ahnung, dass das mitnichten der neue aufgehende Stern am Splatterfilm-Himmel war, sondern ein damals schon 70 Jahre alter Veteran, der auf eine fast 40-jährige Regiekarriere zurückblicken konnte und mit „Splatter“ so viel zu tun hatte wie der Gorebauer mit Filmgeschmack. BATTLE ROYALE habe ich dann binnen kürzester Zeit mehrfach geschaut und geliebt, aber ein bisschen enttäuscht war ich insgeheim doch, ohne mir das wirklich zugestehen oder es auch nur in Anwesenheit anderer sagen zu wollen: Der hätte schon noch ’ne Nummer derber und blutiger sein können. Wieder mal ein Problem falscher Erwartungshaltung (die unter anderem von „Filmkritikern“ geschürt wurde, die ihre Texte in erster Linie dazu nutzten, DVDs via Online-Shop zu verticken), denn Fukasaku ging es ganz gewiss nicht in erster Linie darum, Stoff für die vierfarbige Fotoseite der „Gory News“ zu liefern oder Tabus aus broßer Freude zu brechen. Sein Film ist eine düstere Gesellschaftsdystopie, die den schwelenden Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt auf die Spitze treibt, einen Staat zeigt, der es verlernt hat, mit seinen Kindern zu kommunizieren – und natürlich vom Fernsehen und von Gewalt besessen ist.

Aber Fukasaku geht es in seinem dystopischen Entwurf wahrscheinlich gar nicht so sehr um die Warnung vor einer Zukunft, auf die wir uns unaufhaltsam zubewegen: Die Gameshow „Battle Royale“ ist weniger eine satirische Überhöhung bereits bestehender gesellschaftlicher Tendenzen (obwohl sie das auch ist) als vielmehr ein bitteres Gleichnis für das Zusammenleben – oder vielmehr das Nicht-Zusammenleben – der Generationen. Die Welt, in der die Schüler leben, um die es im Film geht, wird von den Erwachsenen bestimmt. Sie legen die Regeln fest, überwachen ihre Einhaltung und sanktionieren Verstöße gegen sie mit unerbittlicher Härte. Eine Diskussion über das Regelwerk findet nicht statt, es gibt keinerlei Mitspracherecht und auch keine Gerechtigkeit (alle Kinder bekommen eine „Waffe“, aber bei manchen ist es ein Maschinengewehr, während andere völlig nutzlose Utensilien wie einen Topfdeckel erhalten). Die Möglichkeit, die die Schüler haben, ist sich diesen Regeln bedingungslos zu unterwerfen, sich zu entziehen, was gleichzeitig bedeutet unterzugehen, oder aber sich aufzulehnen gegen das System der Erwachsenen. Wenn sie mitspielen, ist das Resultat die totale Vertierung sowie die komplette Verleugnung der eigenen Persönlichkeit, die Auflehnung bedeutet, die Aussicht auf ein Leben im Schoße der Gesellschaft vollständig aufzugeben: Die beiden Protagonisten Shuya (Tatsuya Fujiwara) und Noriko (Aki Maeda), die das System besiegen, beide überleben und von der Insel fliehen können, sind fortan auf der Flucht, weil ihr Regelverstoß nicht geduldet werden kann.

Diese Ausrichtung von Fukasakus Film erklärt auch, warum BATORU ROWAIRU nicht in eine völlige Gewaltoper mündet, sondern – mit der abnehmenden Zahl der „Mitspieler“ koinzidierend – immer ruhiger, elegischer und poetischer wird. Ein Geniestreich ist gewiss die Besetzung des Spielleiters Kitano mit Takeshi Kitano, seines Zeichens Regisseur, Schauspieler und natürlich ehemals diktatorischer Herrscher seiner eigenen Gameshow „Fuūn! Takeshi-jō“. In seiner gewohnt lakonischen, verschlossenen Art, dem regungslos-traurigen Blick und seiner ganzen Körpersprache verkörpert er nicht so sehr einen brutalen und rücksichtslosen Spielleiter als vielmehr einen seinerseits tief verwundeten Menschen: In einer der absurd-komischen Szenen, die sich im letzten Drittel mehren, wird er in der Zentrale der Show von seiner Tochter angerufen. Sie klärt ihn über den schlechten Gesundheitszustand der Mutter auf und beschimpft ihn nebenbei. Seine Reaktion ist nicht Wut oder Trauer, sondern Verwunderung: Er kennt das schon, aber er begreift nicht, was die Ursache ist für den Hass, der ihm von seinen Schülern und von der eigenen Tochter entgegenschlägt. Dieses Unverständnis ist der Kern aller Probleme in BATORU ROWAIRU: Die Erwachsenen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt (weil sie selbst schon „verwundet“ sind), als dass sie sich um ihre Kinder kümmern wollten, die Kluft zwischen den Generationen vergrößert sich, die entstehende Distanz wird mit Gewalt zu überbrücken versucht. Anstatt den Kindern die Mittel in die Hand zu geben, die Dinge zum Besseren zu verändern, werden sie darauf gedrillt, genauso zu zerbrechen wie ihre Eltern. Ein perverser Generationenvertrag.

Am Ende ist BATORU ROWAIRU vor allem ein unendlich trauriger Film. Das ist wohl der Hauptgrund für mein damals nicht richtig in Worte zu fassendes Gefühl der Enttäuschung: Fukasaku hat eben keinen harten Reißer gemacht, der das Adrenalinlevel bedingungslos nach oben peitscht und einen aufgepumpt in die Realität entlässt. Der Film ist desillusionierend, die zur Schau gestellte Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu kommunizieren ebenso tragisch wie ihre Tendenz, sich gegenseitig herunterzuziehen, anstatt miteinander nach Höherem zu streben. Dass diese Niedertracht und Minderwertigkeit hier ausgerechnet die trifft, die doch die Zukunft prägen sollen, ist besonders fatal. Die Gewalt macht keinen Spaß, die Frage, wer umkommt und wer überlebt, lässt keine „Spannung“ aufkommen. Und das ist richtig so. Genau deshalb geht die Kritik, man könne zu den meisten Figuren keine Beziehung aufbauen auch am Kern vorbei: Warum etwa äußern wir unsere Trauer und unser Entsetzen darüber, wenn wir in den Nachrichten vom Tod uns völlig unbekannter Menschen hören? Weil wir uns als Menschen miteinander verwandt fühlen und in der Lage sind, Empathie auch für Fremde zu zeigen. Es bedarf keiner weiteren Charakterisierung, um zu erkennen, dass jeder der in BATORU ROWAIRU dahingeschlachteten Jugendlichen ein vergeudetes Leben ist, ein Opfer von Umständen, auf die er keinen Einfluss hatte und vor denen die Erwachsenengeneration ihn hätte schützen müssen, anstatt ihn dafür auch noch zu bestrafen. Jeder Mensch ist mangelhaft, das sieht auch Fukasaku so. Seine Jugendlichen sind alles andere als Engel. Aber sie haben noch ein ganzes Leben vor sich, in dem sie die Chance haben, zu beweisen, dass sie es besser können als die Erwachsenen, die sie auf eine Insel schicken, um sich gegenseitig umzubringen.

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Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    „…Stoff für die vielfarbige Fotoseite der Gory News…“
    Die wurde mir mal in der Schule (aufgrund der „auffälligen“ Bilderstrecken) vom Religionslehrer konfisziert und nachdem er sich mit der gesamten pädagogischen und theologischen Elite beraten hatte (nach wochenlangem Kampf) zähneknirschend zurückgegeben. Das bedeutete aber das ich extra nachmittags zum vereinbarten Termin ins Lehrerzimmer kommen mußte, um das Heft in Empfang zu nehmen. Dort wurde ich von ihm allerdings nochmals vor die finale Entscheidung gestellt lieber doch hier und jetzt, um es überspitzt zu formulieren, Jesus als meinen Erlöser zu akzeptieren und das Schundblatt doch lieber in den Papierkorb zu werfen oder in der Hölle zu enden.
    I went for the Fegefeuer. 😀

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