the eyes of my mother (nicolas pesce, usa 2016)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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Eine Erkenntnis, die das Leben verdammt kompliziert macht: Die meisten Menschen, die „Böses“ tun, sind selbst nicht böse. Es mag Menschen geben, die wissen, was sie tun, wenn sie Menschen Schmerzen zufügen, und die das tun, weil gerade die Tatsache, dass sie eine Grenze überschreiten, ihnen Befriedigung bringt. Aber die allermeisten Mörder und Gewalttäter werden entweder durch äußere Umstände zu ihrer Tat gebracht oder aber ihnen fehlt schlicht der moralische Kompass, der ihnen die Orientierung ermöglicht. Ich würde behaupten, dass es kaum jemanden gibt, der sich selbst als „böse“ bezeichnen würde. Die meisten Gewaltverbrecher sind wahrscheinlich der Meinung, in diesem einen schicksalhaften Moment keine Wahl oder zumindest einen Grund gehabt zu haben oder gar im Recht gewesen zu sein. Aber man muss ja gar nicht ins Extrem gehen: Selbst das größte Arschloch, das wir kennen, hat Freunde, die dieses Arschloch für einen guten Typen halten.

In THE EYES OF MY MOTHER wohnen wir der Entwicklung einer Frau vom jungen, beeinflussbaren, braven Mädchen zur brutalen, rücksichtslosen Mörderin und Gewalttäterin bei. Was sie tut, ist unentschuldbar und grausam. Aber sie tut es nicht, weil sie Freude daran hat, andere zu quälen, sondern weil sie nicht allein sein will. Und weil sie nie gelernt hat, wie man Kontakt zu Menschen knüpft und Beziehungen pflegt. Alles, was sie weiß, ist wie man Augäpfel entfernt.

Francisca ist noch ein kleines Mädchen, als eines Tages, der Vater ist nicht zu Hause, ein Mann in ihr Haus kommt. Es ist ein Frauenmörder, jemand, der sich Zutritt in Häuser verschafft und die dort lebenden Frauen umbringt. Einfach so, zum Spaß. Franciscas Mutter, eine ehemalige Chirurgin, die dem Mädchen unter anderem beigebracht hat, wie man Kuhaugen seziert, fällt ihm zum Opfer, während Francisca nebenan in der Küche sitzt. Der Killer wird wenig später vom heimkehrenden Vater überwältigt, in der angrenzenden Scheune angekettet und dann seiner Augen entledigt. Er wird Jahre dort im Dunklen verbringen und sogar den Vater Franciscas überdauern, der irgendwann als Greis verstirbt. Völlig allein, hat Francisca niemanden außer dem Gefangenen nebenan. Und der Wunsch nach einem Lebensgefährten oder gar einem eigenen Kind, für das nun sie die Rolle der liebenden Mutter übernehmen kann, die sie so sehr vermisst, wird immer größer.

Nicolas Pesces Debütfilm ist ein dunkles Poem in kargem Schwarzweiß, statt Worten und Erklärungen regieren Stille und die allumfassende Traurigkeit des portugiesischen Fado, der die monochromen Stillleben untermalt. Es wird nichts beschrieben und auch nichts erklärt, was geschieht, muss der Zuschauer sich aus den Bildern zusammensetzen – oder akzeptieren, dass manche Dinge einfach passieren, nicht unbedingt einer Logik oder Kausalität folgen. THE EYES OF MY MOTHER hat keine Aussage oder Botschaft im klassischen Sinne. Es ist kein Film, der „gegen“ irgendetwas ist. Vielmehr zeigt er, wie stark die Bindung eines Kindes zu seinen Eltern ist, welchen Einfluss Eltern auf ihre Kinder nehmen können und wie dieser Einfluss noch wirkt, wenn sie längst nicht mehr da sind. Das eigentlich Unheimliche ist dann auch nicht so sehr, was Francisca mit ihren bemitleidenswerten Opfern anstellt, sondern das, was vorher passierte – oder eher nicht passierte. Denn die Szenen zwischen Francisca und ihren Eltern zeigen eine distanzierte, strenge Beziehung ohne Zärtlichkeit und Liebe. Franciscas Fluch ist es, diese Liebe niemals zu bekommen, auch dann nicht, wenn sie Gewalt anwendet.

THE EYES OF MY MOTHER, sein Regisseur und Drebuchautor Pesce, Cinematograph Kuperstein und Hauptdarstellerin Magalhães wurden im vergangenen Jahr bei etlichen Festivals nominiert bzw. ausgezeichnet. Nicht nur als Debütfilm ist er beeindruckend und macht Hoffnung und Lust auf das, was da noch kommen mag. Seine Zurückhaltung, Sicherheit und Ruhe sind für den Sturm und Drang der Jugend (gut, Pesce ist 27) dann doch eher ungewöhnlich und zeigen einen Regisseur, der schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt seiner Karriere genau zu wissen scheint, was er will. Über eine perfekt austarierte Spielzeit von knapp 75 Minuten entwickelt Pesce eine morbide Atmosphäre und einen Charakter, der ebenso enigmatisch wie verführerisch ist, der erschreckt und gleichzeitig Mitleid evoziert. THE EYES OF MY MOTHER ist wunderschön und tiefschwarz, ein Film voller Liebe, die sich in der Sanftheit zeigt, mit der sich der Regisseur seiner Protagonistin nähert, ihr Raum lässt, sie nie bedrängt – aber auch erfüllt von der ernüchternden Einsicht, dass aus der tiefsten Liebe das absolute Grauen erwachsen kann.

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