shin gojira (hideaki anno/shinji higuchi, japan 2016)

Veröffentlicht: September 18, 2017 in Film
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Über zehn Jahre sind seit dem letzten Godzilla-Film, Ryuhei Kitamuras GOJIRA: FAINARU WOZU, vergangen – die längste Pause, die das Franchise bisher eingelegt hat. Mit Hideaki Annos und Shinji Higuchis SHIN GOJIRA tritt es in das vierte Evolutionsstadium ein: Die letzten „Reboots“ erfolgten 1984 und 1999. Eine Fortsetzung ist bereits angekündigt und man darf jetzt schon gespannt sein, wohin die Reise gehen wird, denn eines ist sicher: SHIN GOJIRA ist anders, ein Querschläger nicht nur innerhalb des Kaiju Eigas, sondern des Monster- oder Katastrophenfilms überhaupt. Man merkt ihm zwar in jeder Sekunde an, dass er an das anknüpfen möchte, was Ishirô Honda mit seinem Original 1954 so bravurös gelang, doch er geht dabei noch einen ganz Schritt weiter. Ob man das Ergebnis als „unquestionable Godzilla“ bewertet, wie es das Online-Magazin „Bloody Disturbing“ getan hat, oder der Meinung ist, SHIN GOJIRA sei „kein Godzilla-Film“ (willkürlicher Facebook-Kommentar), hängt wohl in erster Linie davon ab, was man mit der Serie verbindet: einen düsteren Katastrophenfilm mit Monster als Atombomben-Allegorie oder lustigen Quatsch mit Männern, die sich in Gummikostümen durch liebevolle Miniatursettings prügeln. Wer letzteres für den wahren Jakob hält, der wird von SHIN GOJIRA tatsächlich verprellt werden: Nur stellt sich auch die Frage, was er eigentlich von Ishirô Hondas Klassiker hält. Anno und Higuchi haben einen Film vorgelegt, der Hondas Ideen mit beeindruckender Konsequenz für das Jahr 2016/2017 aufbereitet. Was sie geleistet haben, ist beachtlich und überraschend, wenn man ihnen auch ankreiden muss, dass ihre Vision nicht über die volle Spielzeit von 120 Minuten eine vergnügliche Angelegenheit ist. Vielleicht haben sie es sogar zu weit getrieben mit ihrem Realismus.

SHIN GOJIRA eröffnet mit einer Eruption vor der japanischen Küste, bei der starke radioaktive Strahlung und enorme Temperaturen gemessen werden. Während sich die Autoritäten darüber streiten, was die Ursache für das rätselhafte Phänomen sein könnte, kriecht ein gigantischer Dinosaurier an Land und zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her, bis er sich schließlich in einen aufrecht stehenden Giganten verwandelt. In den Beratungszimmern der Regierung qualmen die Köpfe, werden Posten aufgegeben und neu verteilt, im Hintergrund der Debatten steht auch immer die Aussicht, mit der richtigen Entscheidung Karriere machen zu können. Als Versuche, das „Godzilla“ getaufte Monstrum mit Militärgewalt zu stoppen, scheitern, werden die internationalen Partner um Hilfe gebeten. Die einzige Chance scheint eine Wiederholung der japanischen Schmach aus dem Zweiten Weltkrieg: der Abwurf einer Atombombe über Tokio. Doch die Männer um den Task-Force-Leader Yaguchi (Hiroki Hasegawa) wollen noch nicht aufgeben …

Ein großer Teil der Laufzeit von SHIN GOJIRA spielt sich in den Konferenz- und Beratungszimmern der Mächtigen ab und in ihren Diskussionen geht es um die politischen Folgen und Nebeneffekte ihrer Entscheidungen, die Auswirkungen auf das Standing Japans im Kreis der Industrienationen und natürlich das Selbstverständnis des Landes. Das ist mitunter trocken, oft ermüdend, aber nicht nur im Rahmen eines Kaiju Eigas auch höchst ungewöhnlich und mutig. Der Realismus und Detailreichtum, die SHIN GOJIRA anstrebt und erreicht, erinnert mitunter an den Politthriller oder den Dokumentarfilm. Mehr als die Frage, wie Godzilla besiegt werden kann oder woher er kommt, beschäftigt ihn die Frage, wie eine moderne Industrienation mit einer solchen Bedrohung überhaupt umgehen kann und würde. Die menschlichen Protagonisten der frühen Filme hatten es leicht: Sie konnten das Militär rufen, ernteten dafür den Beifall der Massen und wenn die ersten Schüsse ihre Wirkung verfehlten, ging man ohne langes Federlesen zur Atombombe über. Etwaige politische Verbündete oder Verpflichtungen, die dem im Weg standen, gab es nicht. Langfristige Folgewirkungen auch nicht. Wie anders gestaltet sich das in SHIN GOJIRA: Hier bringt jeder Lösungsvorschlag neue Probleme mit sich und neben den unmittelbaren, kurzfristigen Folgen müssen auch die mittelbaren, langfristigen bedacht werden. Zum Haareraufen.

Das kann man durchaus langweilig finden (vor allem, wenn man am Kaiju Eiga die Schlagkraft und den Witz liebt) und es dauerte auch bei mir eine ganze Weile, bevor ich mich auf das gemächliche Tempo und die Schlagrichtung des Films eingestellt hatte. Dann allerdings fand ich SHIN GOJIRA höchst faszinierend in seiner Weigerung, den unzähligen Fans pralle Monsteraction zu liefern, sich stattdessen in einen wahren Papier- udn Argumentekrieg zu stürzen. Was übrigens nicht bedeutet, dass es hier nicht auch ziemlich großartige Bilder apokalyptischer Verwüstung zu sehen gäbe. Godzilla sieht überhaupt ziemlich fantastisch aus und hat einige neue Tricks auf Lager, die großes Effektspektakel gewähren. Aber eine Persönlichkeit hat er nicht: Er ist ein „Monster“ im Wortsinn, ein Zeichen, ein erzählerisches Mittel, eine Allegorie für etwas anderes. Die Demütigung der Atombombe ist noch nicht vergessen, aber dieser Godzilla lässt sich nicht eineindeutig übersetzen. Er ist die herkulische Aufgabe, vor der sich Japan, aber eigentlich alle Staaten nicht drücken können, die sie fürchten, weil es keine sauberen Lösungen gibt, die schmerzhafte Opfer fordert, aber dennoch angegangen werden muss. Hauruck-Lösungen werden eher nicht zum Ziel führen, man muss den langen, schweren Weg beschreiten. Das darf man sich gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl noch einmal hinter die Löffel schreiben.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Mir gefiel SHIN GODZILLA auch sehr, war zunächst wie ja auch du über seine Machart bzw. Herangehensweise überrascht. Ich hatte zum einen tatsächlich noch einen Mann im Gummianzug erwartet, zum anderen mehr Monsteraction, auch um sich vielleicht von Gareth Edwards‘ schönem GODZILLA abzuheben, dem ja auch öfters zu wenig Godzilla-Szenen vorgeworfen wurden. Aber diese wahnwitzige Idee „Politthrillers/-drama/-doku/-parodie mit Riesenechse“ funktionierte auch bei mir. Natürlich hätte ich ein mehr Action gerne gesehen, besonders angesichts vom „Effektspektakel“ des (sehr kurzen) Finales. Mal sehen, was der Nachfolger bringen wird…

    PS: Godzillas erste Form war wirklich potthässlich bzw. nicht so doll getrickst. Im Making-of hat mich dann aber überrascht, dass sehr viele Zerstörungsszenen mit Modellen realisiert wurden – das sah wirklich fantastisch aus!

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