nekeddo burâddo: megyaku (hisayasu satō, japan 1996)

Veröffentlicht: September 24, 2017 in Film
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Ich hatte Angst vor diesem Film.

„The film’s most controversial scene features the gluttonous woman first eating her labia, then her nipple, and finally her eyeball.“ (Wikipedia)

Hisayasu Satō gilt als einer der großen, noch tätigen Pinku-Autoren und wird manchmal als mit David Cronenberg verglichen, weil er die Mittel des Pinkus dazu nutzt, wie dieser Themen wie Entfremdung, Drogensucht, Voyeurismus und Perversion zu behandeln. Seine Filmografie umfasst bislang über 50 Titel, die im Zeitraum von 1985 bis 2016 entstanden. Die meisten seiner Filme sind keine industriell nach Schema F gefertigten Gebrauchs- und Delektierpornos, wie das die meisten der Pinkus aus dem Hause Nikkatsu oder Toei waren (für die er aber auch immer wieder tätig war): Internationale Verleihtitel wie LOLITA VIBRATOR TORTURE oder GENUINE RAPE lassen bereits erahnen, dass seine Filme eher verstörender, oder – Achtung Buzzword! – „transgressiver“ Natur sind. Satō war u. a. für einen der ersten kommerziellen Gay-Pink-Filme verantwortlich und einer seiner großen Skandalfilme, HORSE AND WOMAN AND DOG, ist gar dem Bestialty-Subgenre zuzurechnen. NEKEDDO BURÂDDO: MEGYAKU, das Remake seines eigenen BOKO HONBAN, ist einer seiner bekanntesten Filme, wohl auch, weil er den Sexgehalt weit runterschraubt und dafür verstärkt auf Splatterelemente setzt. Oben wiedergegebenes Zitat machte mir in Verbindung mit den anderen Dingen, die ich über Satō las, ein eher ungutes Gefühl, das sich aber nicht bewahrheitete. NEKEDDO BURÂDDO: MEGYAKU ist höchst seltsam, aber nicht ohne Humor. Und die berüchtigten Splatterszenen sind vergleichsweise zurückhaltend, nichts was jemanden, der im Splatterkino einigermaßen bewandert ist, vor wirklich große Herausforderungen stellt.

Der 17-jährige Eiji (Sadao Abe), Sohn eines Wissenschaftler-Ehepaars, dessen männliche Hälfte noch vor seiner Geburt in den Freitod gegangen war, hat eine Droge erfunden, die die Menschheit von Schmerzen befreien und ihnen allumfassende Glückszustände bescheren soll. Da er keine Möglichkeit hat, die Droge zu testen, schleicht er sich in das Labor seiner Mutter (Masumi Nakao) und gibt sein „Myson“ getauftes Präparat in drei Infusionsbehälter, deren Inhalt drei jungen Frauen in einem Experiment verabreicht wird. Bei den Frauen handelt es sich um die unter Schlaflosigkeit leidende, gehörempfindliche Rika (Misa Aika), die eine rätselhafte Beziehung zu einem Kaktus in ihrem Appartement unterhält, eine Vielesserin (Yumika Hayashi) und ein angehendes Model (Mika Kirihara). Während sich Rika und Eiji anfreunden, tut die Droge bei den beiden anderen ihre Wirkung auf unvorhergesehene Art und Weise: Die eine frisst sich selbst auf, die andere verstümmelt sich mit ihren Schmuckstücken. Am Ende bringt Rika Eiji um und setzt dessen Mission danach fort, indem sie seine Droge in der Welt versprüht.

Zu behaupten, ich hätte das alles verstanden, wäre geprahlt. Satō erklärt nichts, wirft vieles so hin und erzeugt damit eine Wirkung, die rationales Verstehen ersetzt. NEKEDDO BURÂDDO ist kalt, aber nicht zynisch oder gar unmenschlich. Die Kälte resultiert nicht aus einer Distanz des Regisseurs zu seinen Figuren, sondern aus der Lakonie der Darstellung, dem Verzicht auf Charakterisierungen und Erläuterungen. Die schmucklose Videooptik und der Soundtrack aus der Computersteinzeit tun das Ihrige. Aber ganz ohne Witz ist das nicht: Eiji ist mit Topfschnitt und Brille der Inbegriff des Nerds und dass er nichts weniger als die Welt verändern will, obwohl er aus seinem kleinen Kabuff im Haus der Mama kaum rauskommt, ist Beweis für seine ultimative Verblendung. Ähnlich welt- und lebensfremd agiert auch sein Vater, der beim Spaziergang mit der Gattin am Strand ein rätselhaftes Flimmern am Horizont erkunden will und daraufhin ins offene Meer und in den Tod läuft, während die Frau arglos auf ihn wartet. Und dann ist da natürlich dieses schräge Kaktusszenario: Auf die Idee, einen Menschen über eine technische Gerätschaft mit einem Kaktus zu verbinden, muss man ja auch erst einmal kommen. Vor diesem Hintergrund muten dann auch die Splattereffekte, bei denen reichlich Gekröse und Kunstblut eingesetzt werden, eher krude und comichaft als realistisch und schockierend an. So ganz weiß ich noch nicht, was ich von NEKEDDO BURÂDDO: MEGYAKO halten soll. Im Moment würde ich ihn eher als „interessant“ denn als „gut“ bezeichnen. Aber das ist ja auch schon was.

 

Kommentare
  1. sind keine industriell nach Schema F gefertigten Gebrauchs- und Delektierpornos, wie das die meisten der Pinkus aus dem Hause Nikkatsu oder Toei waren = Halt ich für ne EXTREM steile These. Würd eher das Gegenteil behaupten: Pinku Eiga ist bzw. war eins der aufregendsten, experimentierfreudigsten Genres überhaupt. Und mit „Porno“ im landsläufigen Sinn hat das auch eher weniger zu tun…

    • Oliver sagt:

      Das war vielleicht etwas missverständlich bzw. verkürzt formuliert. Ich habe hier ja schon geschrieben, warum der Pinku, wie du sagst, so ein aufregendes und innovatives Genre war/ist. Trotzdem waren die Pinku-Reihen von Nikkatsu und Toei ja tatsächlich quasiindustriell gefertigte Fließbandproduktionen, die sich einer strengen Strukturvorgabe beugten und vor allen Dingen kommerziell waren. Und ich denke, wenn man den Pinku in seiner Gesamtheit betrachtet, dann sind die Vorzeige-Exemplare, von denen wir hier sprechen, eher Ausnahmeerscheinungen. Und der überwiegende Rest eben Stangenware, der den Rape- und Tittenfetisch seines Publikums bedient.

  2. Trotzdem waren die Pinku-Reihen von Nikkatsu und Toei ja tatsächlich quasiindustriell gefertigte Fließbandproduktionen, die sich einer strengen Strukturvorgabe beugten und vor allen Dingen kommerziell waren = Njein. Kommerziell ja, aber die Regisseure hatten einen extrem großen Spielraum, die einzige Vorgabe war, dass pro Film 4-5 Nackt- oder Sexszenen vorkommen müssen und die 60min-Marke nicht groß überschritten wird, ansonsten konnten die Künstler aber tun und lassen, was sie wollten. Jedenfalls sind die Pinkus deswegen auch über Sato hinaus sehr ergiebig.

    Und ich denke, wenn man den Pinku in seiner Gesamtheit betrachtet, dann sind die Vorzeige-Exemplare, von denen wir hier sprechen, eher Ausnahmeerscheinungen. = würd ich so nicht sagen, check doch z.B. mal die Filme von : Koji Wakamatsu, Tetsuji Takechi, Masaru Konuma, Tatsumi Kumashiro, Yasuharu Hasebe, Banmei Takahashi, Takahisa Zeze, Kōyū Ohara, Fumihiko Katô oder die Filme des Gô Ijuuin-Trios.

    • Oliver sagt:

      Thorsten, weiß ich doch alles, habe ich hier auch selbst schon irgendwo geschrieben. Aber Nikkatsu hat über 20 Jahre lang jeden Monat fünf Pinkus rausgehauen und ich möchte bezweifeln, dass das alles bahnbrechende Experimentalkunstwerke gewesen sind. Dass das ein guter Nährboden für Filmemacher war, die die Formel nutzten, um etwas Aufregendes zu machen, bestreite ich gar nicht.

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