lolita vib-zeme (hisayasu satō, japan 1987)

Veröffentlicht: Oktober 3, 2017 in Film
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Wer der Meinung ist, es gäbe keine Tabus mehr, die man brechen könnte, kann sich ja mal die im Netz verfügbaren Rezensionen durchlesen, die Hisayasu Satōs LOLITA VIB-ZEME eingefahren hat. Der Film wird in großem Einvernehmen als verabscheuungswürdiger Schund verrissen, dass Satō als einer der Säulenheiligen des Pinku gilt, zählt nicht. So ist das mit der Kunst. Irgendwo steht immerhin noch geschrieben, Satōs Film habe für den Vibrator eine ähnliche Bedeutung wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE für die Kettensäge, aber auch das stülpt dem Film nur eine Maske über, die ihm nicht wirklich passen mag.

Ja, LOLITA VIB-ZEME ist auch ein Film über einen Serienmörder, er ist in seiner Darstellung von Leid und Perversion nicht gerade zimperlich und inkorporiert wie einst Hoopers Evergreen verstörende Bildcollagen – trotzdem sträubt sich in mir alles, ihn als „Horrorfilm“ zu bezeichnen oder die lose Verwandtschaft zum großen Klassiker überzustrapazieren. Wie auch die beiden Filme, die ich zuletzt von Satō gesehen habe, zeichnet er ein Bild von allumfassender urbaner Einsamkeit, von Entfremdung, Leere und Ziellosigkeit. Nur in den bizarren sadomasochistischen Gewaltfantasien finden seine Protagonisten etwas, das ihnen das „normale“ Leben nicht zu geben vermag.

Kozue (Sayaka Kimura) verteilt kopierte Flyer mit dem Foto ihres vermissten Freundes in Tokio. Ein Privatdetektiv (Takeshi Itô) bietet ihr seine Hilfe an, doch in Wahrheit ist er ein impotenter Killer, der seine Frustrationen an Frauen auslässt, indem er sie mit einem Vibrator vergewaltigt, umbringt und im Moment ihres Todes fotografiert. Zwischen ihm und Kozue entsteht eine Art Liebesbeziehung …

Klassisches Erzählkino sollte man hier nicht erwarten und auch die oben versuchte Inhaltsangabe ist eine eher hilflose Skizze. Leerstellen durchziehen den Film, Worte können nie wirklich erklären, was da vor sich geht. Kozue lebt ganz allein in ihrer Wohnung, ihr Vater scheint immer an der Arbeit zu sein, schläft sogar im Büro. Ihre beste Freundin vergiftet das Schulessen mit Aerosol und muss dafür später mit einem Schild auf dem Rücken herumlaufen. Hat sich Kozues Freund nun umgebracht oder nicht? Und was hat es mit dem Anruf der Mutter auf sich, der den Film (fast) beendet? Möglich, dass das Verstehen lediglich durch fehlendes Sprachverständnis und mangelhafte Untertitel verhindert wird, aber ich glaube nicht daran. Satō erweist sich gleichermaßen als Skeptiker und Träumer und dieses Nebeneinander des vermeintlich Unvereinbaren verleiht dem Film seine albtraumhafte Schönheit: Die Annehmlichkeiten der modernen Welt sind eine Täuschung, der Mensch verkümmert und vereinzelt, doch der Ausbruch ist möglich, sofern er denn mit äußerster Radikalität vollzogen wird. Der Zustand, den seine Protagonisten erreichen, ist kein passives Eremiten- oder quasiaufmüpfiges Rebellendasein (am Ende scheint sich Satō einmal über linksintellektuelle Hipster lustig zu machen, wenn er seinem perversen Liebespärchen Sonnenbrillen aufsetzt und sie Außenseiter-Künstler vor einem dummdreisten Reporter spielen lässt), sondern vielmehr die vollständige spirituelle/transzendentale Loslösung vom irdischen Sein. Ich nehme an, dass Kozue am Ende in den Freitod geht, die einzige Möglichkeit der täglichen Pein zu entgehen. Aber eine Niederlage, ein Eingeständnis der Schwäche ist das nicht. Den Vibrator, der ihr als einziges etwas Glück spendete, braucht sie nun nicht mehr.

Klassische linke Gesellschaftskritik, könnte man meinen, aber Satō macht kein politisches Thesenkino, jedenfalls keines, dass sich wortwörtlich in griffige Botschaften übersetzen ließe. Bei aller sozialen Realität, die seine Filme abbilden, sind sie doch auch in einer Parallelwelt angesiedelt, die nur seine Protagonisten wirklich verstehen. Seine Filme sind vordergründig kalt, aber unter der Oberfläche brodelt die Leidenschaft, die nicht nach oben darf. Die analytische Schärfe, die etwa Cronenbergs Werk auszeichnet, mit dem Satō oft verglichen wird, sehe ich hier nicht. Seine Filme oszillieren zwischen fiebrigem Wahn und mitleidloser Klarheit, ohne sich jemals für eine Wahrnehmung entscheiden zu wollen. Das Verstörende an LOLITA VIB-ZEME sind nicht seine Vergewaltigungen, sondern die Tatsache, dass er sie konsequent aus dem Blickwinkel des Täters filmt und sich das moralische Urteil bis ganz zum Schluss verkneift. Für seinen Protagonisten und sein späteres Opfer ist diese Form der Sexualität anscheinend tatsächlich nur ein Mittel, dem existenziellen Schmerz zu entfliehen. Aber eine Heilung ist sie auch nicht, immerhin.

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