get out (jordan peele, usa 2017)

Veröffentlicht: Oktober 24, 2017 in Film
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Ein junges Pärchen, Chris (Daniel Kaluuya) und Rose (Allison Williams), bereitet sich auf ein Wochenende bei ihren Eltern, Missy (Catherine Keener) und Dean (Bradley Whitford), vor. „Solltest du ihnen nicht sagen, dass ich schwarz bin?“, fragt er sie. Sie schaut ihn nur an, ungläubig, ob er das ernst meint, bevor sie ihm lächelnd versichert, dass ihre Eltern keine Rassisten sind.

Es ist die Szene, die das zentrale Thema des Films einführt, die zeigt wie präsent der Rassismus in den USA immer noch ist, auch nach acht Jahren Obama, nach denen mancher glaubte, alles würde anders sein. Sklaverei und Lynchjustiz gehören zwar zum Glück lange der Vergangenheit an, doch hinter der Fassade des Liberalismus tosen immer noch die alten Vorurteile, die dann hervorbrechen, wenn es doch mal wieder eine Katastrophe gibt: den Fall Trayvon Martins zum Beispiel, eines 17-jährigen Afroamerikaners, der von einem Mitglied der Neighborhood Watch auf offener Straße erschossen wurde. Für viele Afroamerikaner ist das Racial Profiling eine Art Initiationsritus: Aufgrund seiner Hautfarbe unter Generalverdacht zu stehen, gehört mit zur „black experience“, von der GET OUT ein albtraumhaft verzerrtes Bild liefert.

Daraus einen Horrorfilm zu machen, ist eine naheliegende Idee und in der ersten halben Stunde profitiert GET OUT von dem seltsamen Unbehagen, das im Miteinander von Schwarz und Weiß – zumal unter den vorliegenden, sexuell konnotierten Rahmenbedingungen – immer noch im Spiel ist. Das Misstrauen, die Konfrontation mit Klischees einerseits, die Befürchtung, das „Falsche“ zu sagen, andererseits. Peele nimmt die Perspektive seines Protagonisten ein und macht dessen Situation sehr gut nachvollziehbar. Auch wenn er freundlich empfangen wird: Die Tatsache, dass er eine andere Hautfarbe hat, spielt immer eine Rolle, in jedem Gespräch steht der Elefant im Raum. Vermeintlich unbedeutende Details werden plötzlich bedeutend und die kumpelhafte Art des Vaters bekommt eine übergriffige Tendenz.

Daraus hätte man einen fantastischen Horrorfilm machen, einen mit großer, universeller Relevanz zudem, einen, der uns zeigt, dass nicht unbedingt die Hardcore-Nazis unser größtes Problem sind, sondern der Teil unseres Denkens, der auf Differenz aufgebaut ist, der zuerst das am anderen erkennt, was ihn anders macht. Stattdessen verfällt GET OUT Klischees und wo er Alltagsrassismus aufdecken und bloßstellen könnte, nimmt er (wieder einmal) das weiße Establishment aufs Korn, das ja immer ein guter Sündenbock ist, wenn man sich den Anschein gesellschaftskritischen Durchblickertums geben möchte. Die Schurken sind Akademiker aus dem gehobenen Mittelstand, Demokraten und Hausbesitzer, sie ist Psychotherapeutin, die Menschen mittels Hypnose das Rauchen abgewöhnt (Gehirnwäsche!), alter Südstaaten-Adel wahrscheinlich, der Sohn ein mit darwinistischer Straßenkämpferphilosophie ausgestatteter Chauvinist und damit der perfekte Vollstrecker. Aufzuklären, was genau „die Bösen“ an ihren schwarzen Opfern eigentlich finden, davor macht der Film pikanterweise einen Rückzieher. Weil er außer den pflichtschuldig angerissenen Vorurteilen – großer Schwanz, starke Physis, Sportlichkeit – selbst keine Antwort hat, vielleicht?

GET OUT setzt sich ganz explizit in Beziehung zu Vorfällen und Ereignissen, die die Rassenpolitik in den USA in den letzten Jahren stark beschäftigt haben: Der Prolog ruft Fälle polizeilicher Gewalt gegen Schwarze wach (ohne jedoch wirklich mit dem Rest des Films zu tun zu haben), thematisiert das Racial Profiling und natürlich Präsident Obama. Er möchte gern etwas zum Diskurs beitragen, kommt dabei letztlich über das Schüren billiger Ängste aber nicht hinweg. In GET OUT sind die USA für Afroamerikaner ein gefährliches Pflaster, weil jeder Weißer ein potenzielles KKK-Mitglied sein könnte oder sogar noch Schlimmeres im Schilde führt. Die Lösung ist dann rücksichtslos zurückzuschlagen, sein Leben mit allen Mitteln zu verteidigen. Aber die Katharsis am Ende, wenn sich Chris seiner Peiniger brutal entledigt hat, ist nicht verdient. Chris hat nicht den Rassismus besiegt, sondern lediglich ein paar Filmpsychopathen beseitigt, die darüber hinaus vom Drehbuch mit einer äußerst dürftigen Motivation ausgestattet wurden. Was der Film anbietet, taugt als Statement zum Thema ungefähr so viel wie ein „Nazis raus!“-Spucki auf dem Klo des Autonomen Zentrums.

Armond White muss man heute leider mit noch mehr Vorsicht genießen als vor zehn Jahren, tut er sich auf Facebook doch mit sehr unangenehmer Anti-Hillary- und -Obama-Rhetorik sowie unsachlichem Liberalen-Bashing hervor, aber im Falle von GET OT würde ich ihm (weitestgehend) Recht geben. Und dass nach Veröffentlichung seiner Kritik etliche Online-Medien spotteten, dass die erste Negativstimme zu Peels gehyptem Film ausgerechnet von White komme, passt auch irgendwie.

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