wu fa wu tian fei che dang (kuei chih-hung, hongkong 1976)

Veröffentlicht: November 4, 2017 in Film
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Man weiß, dass man das beste Hobby der Welt hat, wenn man abends in einem Düsseldorfer Kino sitzt, vorsichtshalber beschließt, sich vom Namen Kuei Chih-hungs nicht zu sehr blenden zu lassen und vom dann auf der Leinwand explodierenden Sleaze- und Gewaltgewitter komplett weggebügelt wird. WU FA WU TIAN FEI CHE DANG wirkt wie ein Liter Espresso, den man sich intravenös injiziert, und mit einer zur Sicherheit hinterhergezogenen, kantholzbreiten Linie Crystal Meth „abrundet“, um das Herzkammerflimmern zu betäuben. Der Film geht über nahezu die volle Distanz ein solch absurd hohes Tempo, dass es ganz schön schwerfällt, ruhig im Kinosessel sitzenzubleiben und sich in die passive Rezipientenrolle zu fügen. Es ist zwar ein Klischee, scherzhaft darüber zu spekulieren, was irgendwelche Regisseure, Musiker, Schriftsteller oder andere Künstler intus hatten, als sie ihre Kunst schufen, aber hier scheint es wirklich schwer vorstellbar, dass Kuei Chih-hung und Co. bei Dreh und Postproduktion nicht bis unter den Scheitel mit hochpotenten Scharf- und Schnellmachern vollgedröhnt waren.

Die deutsche Synchro trägt noch ihren Teil zum Chaos bei, lässt die Hundertschaft von wilden Rockern kakophonisch durcheinanderquatschen, grölen, krakeelen, lachen und grunzen wie präpotente Viertklässler im Colarausch, sodass man sich in einem katastrophal geschmacksentgleisten Altman-Film wähnt. Wenn die Rachemär im letzten Akt dann endgültig in eine entfesselte Gewaltorgie mündet, bei der sich die Protagonisten in einen wahren Blutrausch hineinsteigern, ist Polen endgültig offen. Die Dreharbeiten müssen ein einziger Terror gewesen sein, man sieht förmlich vor sich, wie die Akteure am Ende eines Drehtages vollkommen erschöpft in Ohnmacht fielen, und wenn der Film zu Ende ist, ähnelt das dem unsanften Runterkommen nach einem radikal durchgefeierten Wochenende.

WU FA WU TIAN FEI CHE DANG verquickt Elemente des Biker- mit denen des Terror- und Rachefilms, beschleunigt diese auf Hochtouren und setzt sie dann mit jener kindlichen Energie in die Tat um, die alles auf einmal und sofort will, weil Warten und Mäßigung einfach scheiße sind. Ein Mann reist mit Ehefrau und Schwester für einen Wochenendtrip auf eine Insel, wo sie sich mit einem gemeinsamen Freund (Danny Lee) treffen und es mit einer Schar von vergnügungssüchtigen und frontalasozialen Rockern zu tun bekommen, die sich benehmen wie ein Rudel brünftiger Wildschweine mit offener Hose. Nach den üblichen „lustigen“ Belästigungen und kreativen Verbalinjurien kommt es erwartungsgemäß zum Gewaltausbruch und den zwangsläufigen weiblichen Todesopfern. Die männlichen Helden schlagen daraufhin mit aller Macht zurück und sorgen für die endgültige Eskalation.

Es ist erstaunlich, dass diese Dramaturgie so gut funktioniert, denn von einem „langsamen Spannungsaufbau“ kann hier keine Rede sein. Kuei Chih-hung geht mit Minute eins in die Vollen, lässt die Rocker gleich zu Beginn über eine der armen Protagonistinnen herfallen und lauthals „Muttermilch“ skandieren, bevor sie sich, auf der Insel angekommen, ihren anderen Hobbys widmen: ohne Rücksicht auf Verluste in der Gegend rumbrettern, wüst rumprotzen, vögeln, sich gegenseitig auf die Fresse hauen oder aber Dinge kaputtschlagen sowie einem Humor frönen, der mit „zurückgeblieben“ noch freundlich umschrieben ist. Der Wahnsinn nimmt kein Ende und eine Szene, in der die gepeinigten Städter mit glitschigen Seegurken attackiert werden, ist nur die Spitze des uringelben Eisberges. Man muss es wirklich selbst sehen, um es zu glauben.

Ich bin Marc und Christian vom Mondo Bizarr unendlich dankbar dafür, diese mir bislang noch unbekannte Granate programmiert und damit einen wahrhaft unvergesslichen Abend beschert zu haben. Es ist doch ungemein beruhigend zu wissen, dass es auch nach über 20 Jahren des Watens durch den Exploitationsumpf immer noch Filme gibt, die sich wie eine Entjungferung anfühlen und einem klar machen, warum man diesen Quatsch so liebt. WU FA WU TIAN FEI CHE DANG ist einer der besten, asozialsten, abseitigsten, irrwirtzigsten und schlicht schnellsten Sleazehobel der Welt. Hier vergeht wirklich keine Minute, ohne dass einem die Kinnlade runterkracht und scheppernd auf den Solarplexus schlägt. Absolutes Pflichtprogramm und ein heißer Kandidat für mein Filmerlebnis des Jahres. Einziger Wermutstropfen: Der anschließend gezeigte APOCALISSE DOMANI, ein ewiger Lieblingsfilm von mir und nun auch nicht gerade für seine Zurückhaltung bekannt, wirkte nach Kuei Chih-hungs Amoklauf geradezu gemütlich.

 

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Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    Beim Lesen ging mir derartig das Herz auf das ich mir das Teil gleich via Amazon (war selbst erstaunt den dort sofort finden zu können) bestellt habe. Wau!

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