2. morbid movies: thundercrack! (director’s cut) (curt mcdowell, usa 1975)

Veröffentlicht: November 18, 2017 in Film
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Ein 160 Minuten langes, unabhängig produziertes dialoglastiges Schwarzweiß-Kammerspiel aus dem Jahr 1975? Ganz klar, da hat ein Künstler sein Lebenswerk in Szene gesetzt, einen lang gehegten Traum in Bilder gegossen. Wahrscheinlich eine werkgetreue Literaturverfilmung, ein autobiografisch angehauchter Film über die Erfahrungen der Eltern während des Dritten Reichs vielleicht? Irgendetwas Tiefsinniges auf jeden Fall, etwas Kompliziertes, das den Regisseur an den Rand des Nervenzusammenbruchs und in die Verschuldung trieb, ein Werk der Selbstaufopferung für die Schönheit der Kunst. Nun ja, nicht ganz. Oder doch? THUNDERCRACK! ist ein Hardcore-Porno und wollte man so etwas wie ein zentrales Thema herausarbeiten, dann wären das wahrscheinlich Einsamkeit und die daraus resultierende sexuelle Perversion, die dann in der Liebe eines Mannes zu einem Gorilla namens „Medusa“ kulminiert.

Während eines gewaltigen, nächtlichen Sturms versammeln sich sechs Personen im Haus der Witwe Mrs. Gert Hammond (Marion Eaton) mitten in der Einöde von Nebraska. Den Tod des Mannes hat sie nie verwunden, ist darüber dem Alkohol verfallen. Ihre sexuelle Frustration agiert sie mit ihrer Lust für Salatgurken aus, Selbstmordgedanken schütteln sie. Die Personen, die bei ihr um Unterschlupf betteln, sind Willene Cassidy (Maggie Pyle), Ehefrau eines berühmten Countrysängers, die dominante Roo (Moira Benson) und ihr Sklave Sash (Melinda McDowell), die auch den Anhalter Toydy (Rick Johnson) im Schlepptau haben, Chandler Wilson (Phillip Heffernan), Witwer der schwerreichen Sarah Lou Phillips, deren Feuertod eine sexuelle Dysfunktion bei ihm auslöste, Bond (Ken Scudder), der eine Liebesbeziehung mit Sash beginnt, und schließlich der Zirkusangestellte Bing (George Kuchar), der eine unglückliche Liebesbeziehung zu besagtem Gorilla unterhält.

Nachdem diese Getriebenen bei der Hammond eingetroffen sind, betreten sie nacheinander ein unbenutztes Schlafzimmer voller Sexspielzeuge und pornografischer Gemälde, um sich „frisch“ zu machen: Während sie sich mit den verschiedenen Spielzeugen amüsieren, werden sie von Mrs. Hammond beobachtet, die wiederum mit einer Gurke masturbiert (die später wieder in der Gemüseschale landet). Zurück im Wohnzimmer und später am Esstisch entspinnt sich eine Art Gesprächs-Gruppentherapie, bei der alle ihre Geschichten erzählen und sich dann in unterschiedlichen Paarungen erneut zurückziehen, um Sex zu haben. Am ärmsten dran ist Bing, der von der lüsternen Medusa vergewaltigt wurde und seitdem von der Ehe mit dem Affen träumt. Die anderen überzeugen ihn schließlich davon, das Tier zu heiraten. Glücklich sinkt er, ein Hochzeitskleid tragend, am Schluss mit Medusa in die Kissen, und äußert den Wunsch einen Supermenschen, halb Mensch halb Tier, mit ihr zu zeugen …

Es muss nach diesem Versuch einer Inhaltsangabe nicht zusätzlich erwähnt werden, dass THUNDERCRACK! eine äußerst bizarre und absolut einzigartige Wundertüte geworden ist. Es fällt mir einfach nichts Vergleichbares ein, auch die Filme des manchmal herangezogenen John Waters sind doch irgendwie ganz anders. Hinter der seltsamen Mischung aus Porno, Drama, Psychogramm, Mystery, Kunst- und Präriefilm steckt der Undergroundfilmer George Kuchar, der das Drehbuch schrieb und in der Rolle des Sodomisten Bing (sowie im Affenkostüm) zu sehen ist. Neben der wahnwitzigen Story ist es auch die formale Gestaltung, die zum Mysterium von THUNDERCRACK! beiträgt. In seinem ausblutenden Schwarzweiß und mit seinen melodramatischen Dialogen sowie dem Verzicht auf klassische Establishing Shots – die eine Außenansicht des Hammond-Hauses ist eine Zeichnung – lässt er sich nur schwerlich einer Periode zuordnen. Am ehesten sind es die Frisuren der männlichen Darsteller – allesamt langhaarig und mit prächtigen Schnauzbärten ausgestattet -, die die Einordnung ermöglichen, ansonsten könnte THUNDERCRACK! auch aus den Dreißiger-, Vierziger- oder Fünfzigerjahren stammen.

Ebenfalls erstaunlich: Trotz der im Director’s Cut beachtlichen Länge (die normale Fassung ist aber auch „nur“ 20 bis 30 Minuten kürzer) ist THUNDERCRACK! extrem kurzweilig. Ob es die irgendwie putzigen Sexszenen sind, die gleichermaßen elaborierten wie hirnerweichenden Dialoge, das ständige Hin und Her der Protagonisten oder aber die schlicht spektakulär komischen Einfälle (die Gurke!), es wird einfach immer was geboten. Die Zeit vergeht wie im Flug und wenn man bis zum Ende durchhält – was eher traditionalistisch eingestellten Menschen trotz des großen Unterhaltungswertes wahrscheinlich schwerfallen dürfte -, wird man mit einem der originellsten, rätselhaftesten, witzigsten und einzigartigsten Filme überhaupt belohnt. Ich kann aufgeschlossenen Filmfreunden nur empfehlen wenigstens einmal den Versuch zu unternehmen. THUNDERCRACK! ist einfach toll!

 

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Kommentare
  1. Ja, der gute George Kuchar!

    Vor Jahren gab es eine Website, auf der für eine unbestimmte (aber nicht zu ferne) Zukunft eine offizielle DVD von THUNDERCRACK! angekündigt wurde. Da kam dann aber ewig nichts, und irgendwann hatte ich die Seite und den Film vergessen. Und jetzt erinnerst Du mich daran, und ich muss mich wieder auf die Suche machen.

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