boko climax! (hisayasu satô, japan 1987)

Veröffentlicht: November 18, 2017 in Film
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Eine junge Frau, eine Kunstschmiedin, wandert über ein marode und rostig aussehendes Hafengelände und steigt schließlich in ein kleines Boot. Ein Mann in einem schwarzen Motorradanzug, dessen Gesicht durch den schwarzen Helm verdeckt bleibt, steigt zu ihr, überwältigt sie und beginnt sie mit dem Griff seines Messers zu vergewaltigen. Erinnerungen an einen Safe steigen in ihr hoch und das Bild einer schwarz behandschuhten Hand, die in ihn hineingreift. Ist das nur ein Albtraum oder ist das alles tatsächlich passiert? Wer ist die schwarz vermummte Gestalt?

Begeisternd an diesem frühen Film von Satô (er war damals gerade 31 Jahre alt) war für mich vor allem die oben geschilderte Albtraumsequenz, die (wahrscheinlich durch Aussparung von Einzelbildern) einen überwältigenden, verstörenden und irgendwie unmittelbaren Charakter erhält. Untermalt wird sie von metallisch-perkussiven, gleichzeitig aber auch sanften Klängen, die ihre irreale Anmutung noch verstärken. Diese traumgleiche Stimmung zieht sich durch den ganzen Film, der sich danach den Versuchen seiner weiblichen Hauptfigur widmet, mit den immer wiederkehrenden Bildern und Erinnerungsfetzen klarzukommen. Sie sucht eine Klinik auf, in der man sich zur Meditation in mit Flüssigkeit gefüllte Tanks legt. Auch hier wird sie vergewaltigt. Ihre Ängste agiert sie schließlich aus, indem sie in der U-Bahn schwarze Lederjacken zerschneidet.

BOKO CLIMAX! ist wie alle Filme von Satô, die ich bislang gesehen habe, gleichermaßen konkret-materialistisch wie amorph und geisterhaft. Man versteht irgendwie instinktiv, was da vorgeht, ohne es in Worte überführen zu können – ich kann es jedenfalls nicht. Am Ende bleibt alles rätselhaft, wie das Leben. Satôs Charaktere sind im Fluss, sie verschwimmen miteinander, sind weniger psychologische Einheiten als vielmehr wandelnde Repräsentanten unterdrückter Gefühlszustände. Sie leiden unter vergangenen Erlebnissen meist sexueller Natur, die auch ihre Körper unterwerfen. Traumata nehmen physische Gestalt an: Hier liegt wohl auch die immer wieder strapazierte Gemeinsamkeit zum Body Horror Cronenbergs. Wie die Filme des Kanadiers sind auch Satos Werke kalt, unfreundlich, von einer tief in sich eingekapselten Traurigkeit durchzogen, in der sich die Orientierungslosigkeit in bizarren Perversionen Ausdruck verschafft. BOKO CLIMAX! ist aber auch immer wieder sehr schön und weich, nicht zuletzt weil Wasser eine wichtige Rolle spielt. Visuell hat er mir von den bislang gesehenen Werken am besten gefallen: Der Kontrast zwischen der geschilderten Härte und Kälte und der traumartigen Sanftheit ist einfach sehr reizvoll. Letztlich handeln seine Filme von der Möglichkeit der Liebe in der kapitalistischen Apokalypse. Und dann sind da immer wieder diese Szenen, die Satô mit der „versteckten Kamera“ inmitten der geschäftigen Massen auf den Straßen Tokios dreht: Hier ersticht seine Protagonistin im Vorbeigehen einen Mann in schwarzem Lederanzug. Er sinkt tot zu Boden, bleibt reglos auf einem Zebrastreifen liegen. Und keiner hält an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

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