Archiv für Dezember, 2017

Es gibt Filme, die habe ich etliche Male gesehen und doch bleiben sie einfach nicht haften. Ich meine das gar nicht negativ, in dem Sinne, dass sie mich nicht erreichen würden. Aber sie haben etwas an sich, dass sie sich verflüchtigen, und ich sie somit jedesmal wieder „neu“ sehe. Einer dieser Filme ist MILLER’S CROSSING von den Coens, der 1990 so etwas wie ihren großen Durchbruch als amerikanische Filmemacher bedeutete. Die Kritiker feierten ihn, und auch, wenn sich das an der Kinokasse nicht entsprechend niederschlug, reifte er über die Jahre zum modernen Klassiker. Dabei ist das ein sehr komplizierter und komplexer Film, keiner, der sich so „wegschauen“ ließe, sondern sehr viel Konzentration erfordert. Die Coens bezeichneten ihn als „Männerfilm“ oder auch als Film über „Männer mit Hüten“ und das ist er auch: Darüber hinaus ist es ein sehr gewalttätiger, handfester Film – und dennoch einer, der sich nicht richtig greifen lässt, einem unter den Fingern davon rollt wie ein Hut, den ein Windstoß erfasst und wegweht, bevor man ihn festhalten kann. Vielleicht einer der Gründe, warum ich ihn alle Jahre wiedersehe und dabei eben nicht das Gefühl habe, einen alten Bekannten wiederzutreffen, dessen Marotten ich punktgenau vorhersagen kann.

Im Mittelpunkt des Films steht der Ire Tom Reagan (Gabriel Byrne): In einer nicht genannten amerikanischen Stadt der Prohibitionszeit ist er der treue Freund und vertrauensvolle Berater des Gangsterbosses Leo (Albert Finney). Leo ist mit der Sängerin Verna (Marcia Gay Harden) lieert, mit der Tom eine Affäre hat, und sie ist wiederum die Schwester des Buchmachers Bernie (John Turturro). Bernie hat den Zorn des italienischen Mobsters Caspar (Jon Polito) auf sich gezogen, doch die Quasi-Verwandtschaft verbietet es Leo, Bernie an Caspar auszuliefern. Ein Fehler aus Toms Sicht: Leo riskiert aus einer Sentimentalität heraus einen Bandenkrieg, doch sein Boss ist von seiner Entscheidung nicht abzubringen. Um die Machtposition Leos dennoch zu retten, gesteht er ihm die Beziehung zu Verna, lässt sich von ihm rausschmeißen und klopft als nächstes bei Caspar an …

Laut der Sekundärliteratur orientieren sich die Coens mit MILLER’S CROSSING an Dashiell Hammets Roman „The Glass Key“ und „Red Harvest“ (ersterer war 1942 bereits einmal von Stuart Heisler unter demselben Titel verfilmt worden). Wie im Film der Coens wechselt der Protagonist dort zwischen zwei verfeindeten Gangsterbanden hin und her, um durch geschickte Manipulation das zu erreichen, was seinem Boss nicht gelingen mag. In MILLER’S CROSSING bleibt Toms Motivation aber eigentlich den ganzen Film über ein Mysterium – so sie sein Gesicht wahlweise eine Maske der Langeweile, der Souveränität und Coolness oder aber des Zynismus und der Resignation und Hoffnungslosigkeit ist. Die Dramaturgie der Coens ist nicht weniger opak:

The plotting is labyrinthine, while the narrative is linear. The characters talk a lot about what’s going on (and what’s been going on), but they talk in restricted codes and we can’t always believe them even when we understand them. For every card on the table they have three on their chest and maybe another up their sleeve. Consequently the plot – or “histoire”, or story we deduce – moves faster than the narrative – the story we see. This is a rare, even paradoxical method of storytelling. (John Flaus: Miller’s Crossing – A Film Neither Structured nor Constrained by Fashion)

Dazu passt auch, dass für die Handlung wichtige Figuren, wie etwa der homosexuelle Mink (Steve Buscemi), weitaus seltener auftreten als sie in Dialogen erwähnt werden. Leos henchman Rug ist bereits tot, als wir ihm zum ersten Mal begegnen, aber die Umstände seiner Ermordung spielen noch in den letzten Minuten des Films eine wichtige Rolle. Und der Buchmacher Lazarre, bei dem Tom in der Kreide und deshalb unter Zugzwang steht, taucht überhaupt nie in Person auf. Die Stadt, in der MILLER’S CROSSING spielt, bleibt nicht nur ungenannt (gedreht wurde in New Orleans), man erhält auch nie einen echten Überblick über sie. Sie besteht aus mehr oder weniger unverbundenen Settings, die geografisch nicht verbunden werden. Seinen Titel verdankt MILLER’S CROSSING einer Kreuzung im Wald, der die seltsam entrückte Qualität des Films in einem treffend geisterhaften Bild einfängt. Die physische Bewegung der Figuren spielt eine ganz und gar untergeordnete Rolle, auch wenn es jede Menge Schläge und Gewalttaten gibt, im Gegensatz zu den kognitiven Vorgängen im Kopf Toms, der treibenden Kraft des Films, und wenn der Film damit bricht, fällt das sofort auf: Gemeint ist natürlich die absurde Sequenz, in der Leo zu Hause von zwei von Caspars Schergen angegriffen wird und im Stile eines Actionhelden zurückschlägt. Hier fühlt man sich kurz an die Cartoonhaftigkeit von RAISING ARIZONA erinnert, die aus der braunen Gedämpftheit von MILLER’S CROSSING krass hervorsticht.

Nicht dass MILLER’S CROSSING ohne Humor wäre: Jon Polito stiehlt den Film mit seiner Interpretation eines lauten, vulgären Mobsters (herrlich die Szene, in der er seinem dicklich-dümmlichen Sohn erst eine mächtige Ohrfeige verpasst und den sofort ungehemmt losplärrenden Jungen dann tröstet wie ein Baby), aber insgesamt könnte MILLER’S CROSSING kaum bitterer sein. Die Freundschaft der beiden männlichen Protagonisten zerbricht, weil die zwischen beiden stehenden Frau aus der Gleichung genommen wird, Toms Loyalität hat ihn zum Mörder gemacht – und für was? Noch schlimmer ist die Entwicklung Bernies, der von Tom verschont wird, und diesem dann nicht etwa in ewiger Dankbarkeit verpflichtet bleibt, sondern ihm zur Last legt, ihn in seinem jämmerlichsten Moment gesehen zu haben. Die von Private Eye Loren Visser zu Beginn von BLOOD SIMPLE getätigte Beobachtung, man könne nur sich selbst trauen, bestätigt sich auch in MILLER’S CROSSING. Selbst ein gerissener Manipulator wie Tom muss erkennen, dass Menschen sich nur bis zu einem gewissen Grad wie Schachfiguren auf einem Brett herumschieben lassen: Irgendwann kommen sie einem mit ihren eigenen Motivationen und Ideen in die Quere.

MILLER’S CROSSING ist ein Gangsterfilm, aber er funktioniert eigentlich nicht als Beitrag zum Genre, selbst wenn er Hammett adaptiert und entsprechende Motive aufgreift. Er existiert außerhalb des großen Textes „Gangsterfilm“, verfolgt eine eigene Mission und fühlt sich auch vollständig genuin an. MILLER’S CROSSING hat in der Tat die Qualität eines besonders rätselhaften Traumes. Man versucht ihn zu greifen und ihm seine Bedeutung zu entlocken, aber dann entpuppt sich die große Wahrheit doch nur als … Hut. Enigmatisch, epochal und von großer verführerischr Kraft.

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Ich schaue derzeit alle Schimanski-Tatorte in chronologischer Reihenfolge. Leider nicht ganz mit dem Erfolg, den ich mir davon erhofft hatte. Die ersten zehn Filme sind mal schwächer, mal besser, insgesamt aber doch vor allem konventionelle Fernsehkrimi-Ware, die sich als einzige Extravaganz die Hauptfigur gönnt. Horst Schimanski (Götz George) war, das werden die meisten noch wissen, ein deutsches TV-Phänomen. Sein Schnäuz, die berühmte Jacke plus Cowboystiefel, der freimütige Gebrauch des Wörtchens „Scheiße“ (den die „Bild“ dann sogar mal zählte), die zahllosen Liebschaften im Verlauf seiner zehnjährigen Mattscheiben-Karriere, die Verlagerung von kopflastiger Ermittlungsarbeit hin zu handfesten Keilereien, Verfolgungsjagden und Schießereien, der üppige Pils-Konsum, der fast an alte KOMMISSAR-Zeiten erinnerte: Das alles war damals neu, hob den Duisburger Ermittler von seinen eher biederen Vorgängern ab. So neu, dass auch die Regisseure, die mit den Schimanski-Fällen betraut waren, gar nicht so recht wussten, was sie mit dieser Figur anfangen sollten. Die ersten zehn Schimanski-Filme leben in erster Linie von ihrem reizvollen Lokalkolorit – der Ruhrpott sah in den Achtzigerjahren einfach unglaublich abgefuckt aus – und eben dem Protagonisten sowie Georges Zusammenspiel mit Eberhard Feik in der Rolle des anzugtragenden Partners Thanner. Erst mit Episode 11, DAS HAUS IM WALD, einem zum Belagerungsszenario verdichteten Actionstoff von Peter Adam, und DER TAUSCH, in dem Schimanski mit Maschinenpistole gegen palästinensische Terroristen antritt (Regie: Ilse Hofmann), finden die Schimanski-Tatorte einen wirklich neuen Modus. Und der absolute Höhepunkt dieser Entwicklung ist Dominik Grafs SCHWARZES WOCHENENDE, vielleicht das erste Meisterwerk des Regisseurs.

SCHWARZES WOCHENENDE beginnt mit dem schlafenden Ermittler. Eine Einblendung verrät uns, dass es Samstag morgen ist. Sofort nimmt die Erzählung dadurch Fahrt auf: In Verbindung mit dem Titel ahnen wir, dass das, was in den folgenden 90 Minuten passieren wird, auf 48 Stunden konzentriert ist, die Schimanski alles abverlangen werden. Zu diesem Zeitpunkt weilt er aber noch im Reich der Träume und lässt dort die vergangenen Ereignisse Revue passieren: Am Vortag hatte sich ein Büroangestellter mit einer Handgranate in die Luft gesprengt, nachdem er einen Mord begangen hatte. Schüsse dringen in seinen Traum, Schritte, dann wird er auch schon geweckt. Zwischen unzähligen Bierflaschen wacht er würgend, sich den Kopf haltend auf. Direkt unter seinem Fenster ist jemand erschossen worden. Keine Zeit, Vergangenes zu verarbeiten.

Der Fall, der sich entspinnt, dreht sich um zwei seit Jahrzehnten konkurrierende Möbelunternehmer aus Ostwestfalen sowie eine dysfunktionale, patriarchisch geführte deutsche Familie: Der Tote ist Heinrich Hencken, sofort landet der Verdacht von dessen Sohn Siggi (Jochen Striebeck) auf dem ewigen Rivalen Heinz Möhlmann (Siegfried Wischnewski), seinem Sohn Hubert (Dieter Pfaff) und der Tochter Reinhild (Barbara Freier), mit der Hencken junior mal ein Verhältnis hatte. Ebenfalls involviert sind der Journalist Engelbrecht (Michael Wittenborn), der gegen die Möhlmanns wegen eines vorgetäuschten Bankrotts ermittelt sowie Erwin Patzke (Hans-Dieter Asner), einst Henckens bester Vertriebler, bevor er von Möhlmann abgeworben worden war. Die Feindschaft der Möbel-Clans reicht bis zurück in die Nachkriegszeit, als Hencken für seine Nazi-Anhängerschaft vom Konkurrenten verprfiffen worden war. Je tiefer Schimanski in den Fall eintaucht, desto mehr Verflechtungen und Verwicklungen treten zu Tage und desto schwärzer wird der Morast aus jahrzehntelang gepflegtem Hass und Missgunst.

Dass SCHWARZES WOCHENDE kein durchschnittlicher Schimanski-Tatort ist, deutet sich schon während der ersten oben geschilderten Sekunden an: Aber die Sicherheit, die die Formel sonst üblicherweise bietet, bricht endgültig krachend in sich zusammen, als eine der vermeintlichen Hauptfiguren nach ca. 20 Minuten aus dem Nichts und vor den Augen des Kommissars brutal erschossen, ja: hingerichtet, wird. Auch sonst geht Graf – nach einem gemeinsam mit Bernd Schwamm geschriebenen Drehbuch – eigene Wege. Schimanski tritt als Figur in den Hintergrund, seine sonst viel Raum einnehmenden Marotten machen hier zermürbender Polizeiarbeit Platz. SCHWARZES WOCHENENDE, eigentlich schon 1984 gedreht, lag zwei Jahre im Giftschrank, wurde erst 1986 ausgestrahlt, weil die Verantwortlichen befürchteten, die Zuschauer könnten von insgesamt rund 15 Minuten intensiver Verhörszenen abgeschreckt werden. Dann ist da als ständiges Hintergrundrauschen der Polizeifunk präsent, ein Stilmittel, auf das Graf immer wieder mit großem Effekt zurückgreift. Auch die Musik (Andreas Köbner) vermittelt Dringlichkeit mit ihren kurzen, fast percussiven Akzenten. Wer Krimi als Whodunit begreift, bekommt eine harte Nuss zu knacken: Schnell ist klar, dass hier alle Dreck am Stecken haben, und mehr als die Frage nach dem „Wer“ stellt sich die nach dem „Warum“. Am Schluss sind die Motive enttarnt, die Täter dingfest gemacht, Schimmis schwarzes Wochenende, das auch noch durch einen Disput mit seiner Freundin Hilde getrübt wird, endet mit einem Happy End, die Wolken sind vorübergezogen. Aber es bleibt das Gefühl, das hier im Grunde gar nichts „gelöst“ wurde.

In den Krimis von Dominik Graf geht es ja nie nur um den Fall als singulärem Verbrechen. Er ist immer nur der aktuellste manifeste Ausdruck von Konflikten, die meist schon Jahrzehnte schwelen. Und diese Konflikte sind stets Bestandteil deutscher Geschichte, die wiederum immer, zwangsläufig, Nachkriegsgeschichte ist. Der Krieg der Möbler begann im Dritten Reich und dort wurde auch der Charakter von Patriarch Möhlmann geformt, dessen ganzes Wertesystem sich dann in seinen Kindern fortpflanzte, mt verheerendem Effekt. Wo andere Krimis und Krimiautoren ihr „Spielfeld“ aufräumen, indem sie den Ermittler Puzzleteile zu einem sinnstiftenden Ganzen zusammenfügen lassen, da ist die neu geschaffene Ordnung bei Graf nur ein Zwischenfazit, quasi der erste Schritt, der nötig ist, um sich überhaupt einen Überblick über das ganze Ausmaß des Chaos zu verschaffen. Aber unter jedem Stein, der da weggehoben wird, um den Weg freizumachen, liegen drei weitere, die erst beiseite geschaffen werden müssen. Das ist eine nie endende Aufgabe und man kann immer nur dieses Zwischenfazit, eine vorläufige Wahrheit anpeilen. Irgendwann ist man dann plötzlich selbst Teil der Gleichung.

SCHWARZES WOCHENENDE ist wunderbar konstruiert, von zupackender Dramatik und einer beinahe apokalyptischen Düsternis, die aber nie um des Effekts willen bemüht wird. Siegfried Wischnewski und vor allem Barbara Freier – mit letzterer arbeitete Graf jahrelang für DER FAHNDER zusammen – liefern Darbietungen ab, die eine große Leinwand verdient gehabt hätten (auf der landete Schimmi ja wenig später mit ZAHN UM ZAHN). Der Film entwickelt einen unwiderstehlichen Flow, der sich auch im bizarren Verlauf einer Schusswaffe durch mehrere Hände widerspiegelt, den das Drehbuch entwickelt (ein verantwortlicher Redakteur beim WDR bemängelte diesen überkomplizierten Verlauf, doch Graf und Schwamm zeigten Rückgrat und beließen ihn unverändert), und legt ein immenses Tempo vor, das nichts mit Schießereien und Verfolgungsjagden zu tun hat. Kurz vor der großen Auflösung gibt es eine wunderschöne, ruhige Sequenz, in der Schimanski die verdächtige Reinhild im Familiendomizil im herbstlichen Ostwestfalen besucht. Er findet sie, wie sie den leeren Pool im verwilderten Garten von Ästen befreit, lässt sich dann von ihr bekochen und unterhält sich mit ihr. Es ist ein Moment intimer Vertrautheit, der anderswo wahrscheinlich mit einer Sexszene geendet hätte. Hier nicht. Was bleibt ist ein Augenblick jener Latenz, in der menschliche Entscheidungen über den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmen. So oder so.

Nach dem viel beachteten BLOOD SIMPLE kollaborierten die Coens unter anderem mit ihrem Kumpel Sam Raimi bei dessen leider sträflichst unterschätzter Komödie CRIME WAVE. Die cartoonhafte Komik von RAISING ARIZONA, die nach dem bei allen schwarzhumorigen Anflügen doch ziemlich düsteren Debüt für einige Überraschungen gesorgt haben dürfte, kam also nicht völlig unerwartet. Mit Raimi teilen die Coens die Liebe für grelle Tex-Avery-Cartoons und surrealen Slapstick, die in ihrem Zweitling deutlich zum Tragen kommt – und in den Folgejahren zu einer der wichtigsten Säulen ihres persönlichen Stils werden sollte. BLOOD SIMPLE und RAISING ARIZONA bilden so gesehen die beiden Chromosomen, die dann gemeinsam das Coen’sche Werk herausbilden sollten. (Oder so ähnlich, ich war in Bio immer schlecht.)

Zunächst mal wieder Voice-over: H. I. McDunnough (Nicolas Cage) berichtet via Rückblenden-Montage, wie er seine Gattin Ed (Holly Hunter) kennen lernte. Er, ein Gewohnheits-krimineller, landete mehrfach auf dem Polizeirevier, wo die Polizeibeamtin Ed die Täterfotos von ihm machte, bevor es für ihn ins Kittchen ging. Irgendwann schließlich die Gewissheit, dass sie die richtige Frau ist, für die es sich lohnt, rechtschaffen zu werden. Die Hochzeitsglocken klingeln, dann die Ernüchterung: Ed ist unfruchtbar, sein Vorstrafenregister steht einer Adoption leider im Weg. Mitten hinein ins Unglück titelt die örtliche Zeitung, dass der Möbelgroßhändler Nathan Arizona (Trey Wilson) mit Fünflingen gesegnet wurde: Kurzerhand wird eines der Babys gemopst, das Familienleben im eigenen Trailer kann beginnen. Doch dann stehen H.I.s Knastkumpels Gale (John Goodman) und Evelle (William Forsythe) auf der Matte: Nicht nur wollen sie H. I. zu einem großen Ding überreden, sie haben auch Gefallen an dem Baby gefunden …

Unbeirrbares Timing, atemloses Tempo, Over-the-Top-Performances aller Mitwirkenden, ein Superscore von Carter Burwell, die wunderbare Fotografie von Barry Sonnenfeld, irrwitzige Regieeinfälle am laufenden Meter: RAISING ARIZONA wird für mich immer zu den Höhepunkten im Werk der Coens gehören und markiert darüber hinaus eine Sternstunde der amerikanischen Komödie. Hier werden völlig disparate Einflüsse kunstvoll und mit hohem Stilbewusstsein zu einem homogenen, eigenständigen Werk zusammengeführt. Neben den oben genannten Cartoons müssen mit Sicherheit Preston Sturges und Frank Capra als wichtigste Inspirationsquellen genannt werden, aber auch Elemente des Film Noir, des Road Movies, des Western, des Juvenile-Delinquents- und des Heist Movies werden aufgegriffen und kunstvoll zu einem Ganzen verwoben, das auf rätselhafte Art und Weise gleichzeitig hochgradig artifiziell ist und doch voller ungebändigter Lebenslust steckt. Das muss man erst einmal so hinbekommen: RAISING ARIZONA bewegt sich immer mit voller Drehzahl, selbst Dialoge mutieren dank atemloser Pointierung und Vollgasinszenierung zu Actionszenen, Zurückhaltung und Ruhe sind Modi, die der Film nicht kennt. Trotzdem fühle ich mich bei diesem Film nie überfordert, angeschrieen oder genervt, wie das eine nur konsequente Folge wäre. Das Geheimnis des Erfolges liegt meines Erachtens darin, dass diese turbulente Hektik Ausdruck des Innenlebens der Protagonisten ist. Ihr Leben ist in Aufruhr: erst die Liebe, dann die Hiobsbotschaft der Unfruchtbarkeit, die Freude über das gewonnene Familienmitglied, direkt gefolgt von der Panik, es zu verlieren. Die Coens packen das alles auf engstem Raum zusammen und potenzieren die auch im „echten Leben“ verheerenden Folgen eines solchen Schicksals, indem sie zwei Menschen damit konfronieren, die sowieso schon ausgesprochene Nervenbündel am Rande des totalen Zusammenbruchs sind.

RAISING ARIZONA ist ein Real-Live-Looney-Tunes-Cartoon voller liebenswert-bescheuerter Charaktere: Nic Cage gibt mit Struwwelfrisur, Schnubi und Woody-Woodpecker-Tattoo eine seiner allerbesten Perormances ab, Holly Hunter gibt die Vollblutmum, mit der man sich besser nicht anlegen sollte, mit großer Autorität. Goodman und Forsythe interpretieren ihre liebenswerten Schurken als ausgewachsene Toddler mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – und Pomadenfrisur. Sam McMurray und Frances McDormand haben einen herrlichen Gastauftritt als billiges Mittelklasse-Ehepaar: Er reiß ständig schlechte Polenwitze, sie verfällt beim Anblick des Babys sofort in kulleräugiges Kauderwelsch. Trey Wilson bildet den Fels des Understatements in der tosenden Brandung, weiß aber auch in den Momenten der großen Familientragödie immer noch den Claim seines Möbelhauses in die Kameras zu sprechen. Und dann ist da noch Randall „Tex“ Cobb als wandelnder Spezialeffekt. Denn die Coens wären nicht die Coens, wenn sie nicht auch das finstere, gewalttätige Potenzial ihrer Geschichte andeuteten. Und so kommt eben besagter Cobb als Reiter der Apokalypse ins Spiel, die Verkörperung des herannahenden Unheils, das personifizierte Ende aller schönen Träume. Ein großer Wurf, der dem Film einen epischen Bogen, einen philosophischen Überbau und eine zusätzliche Spannungsdramaturgie verleiht. RAISING ARIZONA ist leider nicht zum verdienten Klassiker gereift, aber immerhin wurde dieser Einfall in SPONGEBOB SQUAREPANTS: THE MOVIE referenziert. Und das wiegt gewiss schwerer als alles Kritikerlob.

Während sich seine Kollegen von der singenden Zunft noch in Lustspielen und ähnlichen Klamotten verdingten, z. B. aus der Schmiede der LISA-Film, da wandelte Christian Anders auf den Spuren des damals immer noch schwer angesagten Bruce Lee. Der Karatekämpfer Anders schrieb und inzenierte den vielleicht ersten echten deutschen Kung-Fu-Film – und spielte auch noch die Hauptrolle darin, because who else? Was sich anhört wie ein drogeninduzierter Fiebertraum, kann Menschen, die Anders‘ zweite Regiearbeit kennen, den schier unglaublichen Sektensexfilm TODESGÖTTIN DES LIEBESCAMPS, zwar nicht mehr so richtig schocken, aber DIE BRUT DES BÖSEN hat dennoch die Wirkung eines Handkantenschlags gegen den Kehlkopf.

Anders ist Frank Mertens (was wahlweise „Fränk Mertens“ oder „Frank Mörtens“ ausgesprochen wird), Leiter einer Karateschule, die er von seinem weisen Meister Takimura übernahm, nachdem dieser auf mysteriöse Art und Weise ums Leben gekommen war. Die Schüler bewundern ihn und schauen zu ihm auf, vor allem die schöne Ingrid (Maribel Martin), die auch als Sekretärin der Schule fungiert. Doch dann kommt eines Tages der fiese Zweg van Bullock (Deep Roy) des Weges und plant, direkt gegenüber seine eigene Kampfsportschule aufzumachen. Franks Etablissement ist ihm dabei natürlich im Wege, also hetzt der dem Blondschopf seine Häscher auf den Leib. Als alle Versuche nicht fruchten, schickt der Schurke – der natürlich auch für den Tod Takimuras verantwortlich ist – die rassige Cora (Dunja Rajter) vorbei: Frank lässt sich nicht lang bitten: Und sitzt wenig später im Knast, weil man Heroin bei ihm gefunden hat …

DIE BRUT DES BÖSEN wird gegen jede Wahrscheinlichkeit und die Sabotageversuche der Realität von der schieren Willenskraft seines Schöpfers zusammengehalten. Christian Anders legt sich voll ins Zeug, flext die Muckis, wirft böse Blicke, schreit, faucht, keift, spendet Trost, trauert, droppt Wisdom-Bombs auf die andächtig lauschenden Schüler, reißt politisch unkorrekte Zwergen-Sprüche, ist ein guter Kumpel und rastet am Ende schließlich total aus. Das große Vorbild hat er genau studiert, kopiert Lees Trademarks bis ins Detail und kommt dabei gar nicht mal so schlecht weg. Sein Film hat einen wunderbar kruden Charme, der nicht zuletzt daher rührt, dass er sich geografisch nicht so recht verorten lässt. Gedreht wurde der Film in Spanien und einmal heißt es auch, man befände sich in Madrid, aber weder nutzt Anders die Kulisse der spanischen Hauptstadt für pittoreske Establishing Shots – was ja durchaus naheliegend gewesen wäre -, noch wird sonst irgendwie auf den Handlungsort eingegangen: Da ist also dieser Deutsche (?) namens Frank Mertens, der ausgerechnet in Madrid die Karateschule eines verstorbenen Japaners betreibt und darüber in Clinch mit dem Inder (?) van Bullock (?) gerät, dessen Reichtum aus nicht weiter spezifizierten Geschäften stammt, wahrscheinlich dem Betrieb einer megaerfolgreichen Kampfsportschule in Belfast. Friss oder stirb. Und man tut es.

Ganz einfach deshalb, weil DIE BRUT DES BÖSEN sich nicht lang mit Kinkerlitzchen aufhält, sondern seine tausendfach erprobte Story zielstrebig, ohne falsche Ambitionen und mit sperrangelweit offenstehendem Hosenlatz abspult. Man ist sich hier wirklich für nichts zu schade, kein Plotbaustein ist zu doof, um ihn nicht auch noch zu verwerten, wenn er denn passt. Warum will van Bullock unbedingt einer Kampfsportschule aufmachen? Warum muss es unbedngt an diesem Ort sein? Egal! Und wenn der Mertensfrank sich weigert, mitzumachen, beschmeißt man ihn einfach mit einem Berg von Geld, den dieser, edelmütig wie er ist, auch noch ablehnt! Bei einer Friedhofskeilerei wird ein bisschen die Nebelmaschine angeworfen, der Showdown spielt im Wald mit Rauschebach. Frank Mertens Schule besteht aus zweieinhalb Zimmerchen, dem Kampfraum, einer Umkleide und einem Bürokabuff. Abends räumt er das Karateequipment weg und baut ein Bettchen auf. Der Eingang ist eine mit den Buchstaben „FM“ beschriebene Doppel-Schwingtür tritt, die mich ein bisschen an das Restaurant aus der Sesamstraße erinnert hat.

Der Hinweis auf die Kindersendung ist eh treffend, weil der Film einer durch und durch kindlichen Logik verpflichtet ist, selbst wenn es um Heroin geht oder van Bullock sich am Hintern der scharfen Cora reibt. Die Moral von der Geschicht ist, dass die Bösen böse sind und deshalb Böses tun und die Guten das Gegenteil davon. Den großen Vorbildern wird mit viel Spucke und Ehrgeiz nachgeeifert, aber was am Ende dabei rumkommt, ist meilenweit daneben. Am meisten gilt das für die Kung-Fu-Fights, die furchtbar unelegant und unbeeindruckend daherkommen und belegen, dass das reine Beherrschen einer Kampfkunst noch nicht ausreicht, sie auf Film adäquat darzustellen. Ob man das auch selbst gemerkt hat? Christian Anders spielt gänzlich ohne Augenzwinkern: zum Glück, denn sein Frank Mertens muss so geradeaus und echt sein wie ein Tritt in die Nüsse, voll brennenden Zorns und mit festem Gerechtigkeitssinn. Aber Deep Roy und Fernando Bilbao, Darsteller von van Bullocks hünenhaftem Gehilfen Komo, lassen stark vermuten, dass die Beteiligten sehr genau wussten, was sie da taten. Besonders ersterer dreht gnadenlos auf und hatte allem Anschein nach viel Spaß daran, einen schön überzeichneten Bösewicht zu geben. In einer meiner Lieblingsszenen versucht Komo, den armen Frank mit einem goldenen Rolls Royce zu überfahren. Unauffälliger geht’s nicht.

Über einige der Probleme von Terrence Malicks „neuem“ Stil, hatte ich ja schon in meinem Text zu THE TREE OF LIFE geschrieben: Diese hymnische Inszenierung, mit der er Bilder, Musik und Dialogfetzen zu einer Eloge auf die (göttliche) Schöpfung komponiert, läuft stets äußerste Gefahr, zum philosophisch-religiös-spirituellen Ethnokitsch zu kippen. Beim Vorläufer gelang es ihm meines Erachtens noch weitestgehend, die Balance zu halten: Nicht nur, weil er die eben ziemlich große, ewige Frage nach dem Ursprung und Sinn des Lebens stellte, sondern auch, weil er einen Blick zurück durch die Zeit auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre und eine dem Zuschauerhorizont schon ziemlich entrückte Epoche warf – was dann auch seinen collagenhaften Erzählstil gewissermaßen rechtfertigte. Auch da wurde es aber mitunter schmerzhaft, wenn er nämlich in die Gegenwart schaltete und einen desorientiert-bedeutungsvoll ins Nichts glotzenden Sean Penn dabei ablichtete, wie der – auf der Suche nach der großen Wahrheit – über die schroffen Wüsteneien und endlosen Strände der menschlichen Existenz wandelte.

In TO THE WONDER verkommt Malicks Stil nun zur gnadenlosen Selbstparodie, die meine Gattin und ich nur im gehässigen Waldorf-und-Stadler-Modus unbeschadet überstanden haben. Der Film handelt, soweit man das so sagen kann, von der wandelhaften Beziehung zwischen dem Amerikaner Neil (Ben Affleck) und der Französin Marina (Olga Kurylenko). Sie ist Mutter einer zehnjährigen Tochter aus einer vorigen, gescheiterten Ehe und begleitet ihn schließlich nach Amerika, ins endlose Oklahoma, wo er Bodenuntersuchungen vornimmt. Die elfenhafte Marina findet sich in der neuen Heimat aber genauso wenig zurecht wie die Tochter, sodass sie gemeinsam nach Paris zurückkehren. Während er sich die Zeit mit einer alten Schulfreundin (Rachel McAdams) vertreibt, findet sie keinen Job und verliert die Tochter an den Ex-Mann. Nach ihrer reuigen Rückkehr in die USA heiratet sie Neil, doch die große Romanze ist längst vorbei. Am Ende verlässt sie ihn, nach nicht enden wollenden Streitereien, deren Ursachen im Verborgenen bleiben, und fliegt nach Europa zurück. That’s life.

Der Stoff eines Ehedramas, könnte man meinen, SZENEN EINER EHER: THE RETURN gewissermaßen, aber Malick interessiert sich überhaupt nicht für das Nitty-gritty dieser gescheiterten transatlantischen Ehe, auch nicht  für den Konflikt zwischen alter und neuer Welt, obwohl der zwischen den Bildtableaus eine Rolle spielt. Dazu hätte es ja eines genaueren Blicks auf die Charaktere bedurft, überhaupt wäre es nötig gewesen, Charaktere zu entwickeln, die über ein Innenleben verfügen, das sich nicht bloß in Klischees äußert. Weil Psychologie aber überhaupt nicht Malicks Sache ist, er immer nur das irgendwie „wunderbare“ Schwurbeln des Seins mit all seinen ach so kuriosen Grillen anhimmelt, kommt während der zwei Stunden von TO THE WONDER nicht viel mehr rum als ein zugegebenermaßen ganz hübsch anzusehendes Ambientvideo, das man statt des Kaminfeuers über den Bildschirm flackern lassen kann. Wobei der Film dem Vorgänger auch hier keine Konkurrenz machen kann: Irgendwann hat man sich an fließendem Wasser und Wolkentürmen im Sonnenuntergang einfach satt gesehen. Und Dinos gibt’s hier auch nicht.

Und weil es eben kaum Überraschungen gibt und nichts, woran man sich sonst klammern könnte, treten die Schwächen umso stärker in den Blick. Besonders genervt hat mich die Figur der Marina, die Malick im Stile des väterlichen Trenchcoat-Onanisten als fragiles Feenwesen mit Schmollmund und unzähmbarer Haarpracht inszeniert, das sich nur in Pirouetten fortzubewegen weiß, in ständiger Verzückung noch vor den banalsten Selbstverständlichkeiten zerfließt (Oh, Dreck an meiner Hand!) und sich ausschließlich in dahingehauchten französischen Poesiealbums-Sentenzen artikuliert. Affleck agiert hingegen im Batman-Modus und stapft kantig durch die Prärie, wenn er sich nicht gerade mit seinen jeweiligen Gespielinnen in kreativen Liebesbezeugungen ergeht: Bei Malick sieht romantischer Liebesalltag aus, wie die Outtakes eines 9 1/2 WEEKS-Remakes mit Freigabe ab 6: Da wälzt man sich stundenlang angezogen auf dem Hochflorteppich herum, beobachtet ergriffen Bauchnabel und Schulterblatt des Partners oder wickelt dessen Gesicht in die Seidengardine ein. Nach hochgezogenem und ins Waschbecken gespucktem Orgasmus – für richtigen Sex, so mit Reinstecken, Schwitzen, Abspritzen und wieder Rausziehen, ist in Malicks Welt kein Platz – geht es dann raus zum enthemmten Hasch-mich im Kornfeld. Vergeblich wartete ich auf die Szene, in der sich die Verliebten einen Berg runterrollen lassen: eine leichtfertig vertane Chance. Und damit wir nicht vergessen, dass wir all diese mannigfaltigen Wunder dem alten Mann mit dem Rauschebart (nein, nicht dem Weihnachtsmann!) zu verdanken haben, kommt dann noch Javier Bardem als Priester ins Spiel, der die Armen besucht und kluge Ratschläge verteilt, dessen weitere Funktion sich mir aber nicht erschlossen hat.

Ehrlich, wenn ich Ben Affleck gewesen wäre, hätte ich Olga Kurylenko schon nach einer halben Stunde einen Arschtritt verpasst. Oder dem Terrence mit seinen Regieanweisungen: „Ben, kannst du das Gefühl ein bisschen gelber machen?“

 

Das Innere eines Autos. Eine einsame nächtliche Landstraße. Eine schäbige Bar irgendwo im Nirgendwo. Das ebenso schäbige Hinterzimmer, in dem der Barbesitzer residiert, schwitzend, an die Decke starrend. Vier Orte, ohne die das amerikanische Kino kaum denkbar wäre. Vor allem der Film Noir kreiste immer wieder um sie herum, wie die Motte ums Licht, angezogen von einer rätselhaften Wahrheit im Dunkel – wie die Menschen von der verheißungsvollen Schwärze des Kinosaals, wo Träume und Albträume sich in gleißenden Bildern manifestieren. In ihrem viel beachteten Debüt von 1984 setzten die Coen Brothers dem amerikanischen Film Noir ein kleines, schwarz funkelndes Denkmal, das fast ausschließlich an den genannten Orten spielt.

Ray (John Getz) arbeitet in der Bar des schmierigen Marty (Dan Hedaya). Marty ist mit Abby (Frances McDormand) verheiratet. Ray liebt Abby. Abby liebt Ray. Beide schlafen miteinander, nachdem sie beschlossen hat, Marty für Ray zu verlassen. Der Privatdetektiv Loren Visser (M. Emmet Walsh) fotografiert sie im Auftrag Martys, der immerhin Erleichterung darin findet, dass sie ihn nicht mit einem Schwarzen hintergangen hat. Doch nach einer Nacht, in der er den Zorn hat gären lassen, gibt er bei Visser dennoch den Tod des Pärchens in Auftrag. Visser hat aber einen eigenen Plan: Er täuscht den Tod der beiden vor, tötet Marty mit Abbys Pistole und nimmt dem Toten das Geld ab. Wenig später stolpert Ray über die Leiche und die Waffe der Geliebten. In dem Glauben, sie habe ihren Gatten umgebracht, macht er sich daran, den leblosen Körper zu entsorgen. Doch Marty ist noch gar nicht tot.

Mit BLOOD SIMPLE begann die Karriere eines der berühmtesten Bruderpaare des amerikanischen Kinos. Der Film war nicht nur der Auftakt einer spannenden Filmografie, die noch heute regelmäßig fortgesetzt wird und als immens einflussreich bezeichnet werden muss, sondern auch ein kreativer Höhepunkt des Noir-Revivals der Achtzigerjahre. Wie ich oben bereits andeutete, verdichten die Coens klassische Noir-Motive und -Erzählstrategien, reduzieren sie auf eine überaus überschaubare Zahl von Personen, Settings und Motivationen, die ganz wesentlich durch Misstrauen und Nichtwissen getrieben sind. Der zum Coen-Trademark gewordene Voice-over-Erzähler erklärt Texas schon in den ersten Sekunden des Films zum Vorhof der Hölle, wo jeder sich selbst am nächsten ist und keiner dem anderen vertrauen kann. Die allgegenwärtige Hitze ist weit mehr als ein meteorologisches Phänomen, der Schweiß, der alle bedeckt, eine Art Stigma: Der Sündenfall ist meist nur eine durchwachte Nacht und eine unausgegorene Idee entfernt. Jeder Morgen bringt einen Kater und die Gewissheit, dass alles genauso beschissen bleibt wie zuvor. Das Versprechen der Liebe, das zwischen Ray und Abby seinen Kopf reckt, sinkt in sich zusammen, kaum dass Marty seinem Angestellten gesteckt hat, dass sie eine Schlampe sei und er nur einer von vielen, denen sie in den letzten Jahren den Kopf verdreht habe. Es braucht immer nur einen kleinen Schubser, um die großen Träume zum Einsturz zu bringen, den Mann in den Angstbeißer zu verwandeln, der das wenige, was er hat, mit seinem Leben verteidigt, auch wenn es den Einsatz doch kaum lohnt.

Die Stärken, die man am Werk der Coens schätzt, erstrahlen hier schon in voller Blüte: Das Script ist so tight wie eine alte Rockkapelle, die sich ihre Sporen durch jahrelanges Tingeln über die Bühnen ranziger Kellerclubs verdient hat, und weiß, dass ein lässig hingewichster Groove allemal besser kommt als krampfige Showoffery. Die Besetzung ist auf den Punkt: Walsh und Hedaya variierten die hier festgenagelten Charakterstudien später nur noch und fuhren damit nicht schlecht. John Getz gibt den toughen, letztlich aber doch wankelmütigen Loner mit großer Überzeugung: Der Ausdruck, mit dem er aus dem Film scheidet, ist herzzerreißend, verleiht einer ganzen Ahnengalerie ent-täuschter Noir-Männer ein Gesicht zu spät einsinkender Erkenntnis. Und Frances McDormand, die Joel Coen im selben Jahr heiratete, ist über drei Viertel des Films großäugige Passivität, Projektionsfläche für die Gewaltfantasien von Männern, die nicht wissen, wohin mit ihrem Zorn, bevor sie sich dann ein Herz fasst. Dann ist da dieses Geschick, Wahrheiten des Lebens im Blick durch das Genre-Objektiv festzuhalten, die herzzerreißende Jämmerlichkeit irdischen Seins in Bildern einzufrieren, die gleichermaßen komisch wie traurig, hässlich und schön zugleich sind: Man denke nur an den ungläubigen Blick des sterbenden Privatdetektivs auf den über ihm hängenden Wassertropfen, der jeden Moment auf ihn herabfallen und seinem eh schon ärgerlichen Tod endgültig jede Würde nehmen wird. Vielleicht aber auch nur die gerechte Strafe für den Spott, den er über den gebrochenen, in einer albernen Schiene steckenden Zeigefinger des gehörnten Ehemanns Marty ausschüttet: In welchem Arschloch der denn nun wieder gebohrt habe? Das Leben ist voller Missgeschicke und Schadenfreude: Wie ein Tex-Avery-Cartoon, von denen sich die Coens in den kommenden Jahren immer wieder inspiriert zeigten.

Und dann natürlich immer wieder das Coen’sche Talent für den großen Showstopper: Hier ist das natürlich die Szene, in der Ray den toten Marty loswerden möchte. Ein Vorhaben, dass sich zum nicht enden wollenen Albtraum entwickelt, der auch dann noch weitergeht, als der Körper endlich unter der Erde liegt. Die Blutstropfen auf der Autorückbank, die noch durchs dickste Handtuch sickern, sind natürlich auch ein Zeichen dafür, was so ein Mord mit einem anrichtet. Ray mag mit seinem Schubladenkiefer noch so lässig auf seiner Kippe herumkauen, seiner Nemesis noch so entschlossen hinterherstieren: In dieser einen Nacht auf der Landstraße stößt er an seine Grenzen. Wie fast alle Männer des Films – und des Noir. Das wird auch bei den Coens so bleiben: Amerikanische Geschichte ist ein von Männern verfasstes Gewaltpoem.

 

 

 

wörthersee und exploitation

Veröffentlicht: Dezember 28, 2017 in Film, Zum Lesen
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„Wörthersee & Exploitation“: Bei Schwerenötern, Leichtfüßern, Kurschatten aus Bad Spenzer und natürlich Lesern meines Blogs schrillen hier alle Alarmglocken. Tatsächlich schließt Band 2 der vom Filmarchiv Austria herausgegebenen Reihe „Film Geschichte Österreich“ mit dem Werk über die LISA-Film eine bislang schmerzhaft klaffende Lücke. In dem reich bebilderten Buch gibt es u. a. einen ausführlichen Aufsatz über die Geschichte der deutsch-österreichischen Produktionsfirma, eine komplette LISA-Filmografie – und drei Texte von mir zu ausgesuchten Schönheiten des Schaffens der findigen Filmschmiede (oder doch eher „schmierigen Filmfinde“?). Verantwortlich für die Schönheit ist der liebe Florian Widegger aus Wien, Besuchern des ofbauer-Kongresses vertraut als Adrian Hoven der Cinephilie. Das 100 Seiten starke Buch kann und sollte man hier bestellen: http://filmarchiv.at/produkt/woerthersee-exploitation/ Bei einem Preis von schlappen 9,90 Euro kann man nun wirklich nichts falsch machen. Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder!