wonder woman (patty jenkins, usa/china/großbritannien/hongkong/italien/kanada/neuseeland 2017)

Veröffentlicht: Dezember 8, 2017 in Film
Schlagwörter:, , , , , , , , , ,

Um mal gleich in medias res zu gehen: Ja, WONDER WOMAN ist tatsächlich allein deshalb schon ungewöhnlich, weil es bislang der erste in der in den letzten zehn Jahren auf uns niedergegangenen Flut von großbudgetierten, mit viel Marketingpower in die Multiplexe gepushten Superhelden-Comicverfilmungen ist, der sich den Luxus einer echten weiblichen Hauptfigur gönnt. Und auch wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der das so sieht, halte ich es für mitnichten für einen Zufall, dass er aus dem Hause DC kommt und nicht von Marvel stammt, die sich wohl auch in hundert Jahren noch nicht dazu entscheiden können werden, ihrer Black Widow ein Soloabenteuer zu gestatten: Das MCU verströmt für mich in erster Linie gepflegte, weitestgehend mutlose Langeweile, während DC es mit ihren überkandidelten Kraftbolzen geschafft haben, so ziemlich jeden gegen sich aufzubringen. Weiter so! Die Kehrseite der Medaille: Es ist heute wahrlich nicht viel nötig, einen Film zu produzieren, der geradezu als feministisches Manifest gefeiert werden muss. Das möchte ich aber nicht Patty Jenkins ankreiden, vielmehr sagt es ziemlich viel über den Status quo in Hollywood aus, das ein Film allein deshalb schon revolutionär daherkommt, weil er eine Frau ins Zentrum eines effektgespickten, großbudgetierten, nicht explizit auf ein weibliches Publikum hin optimierten Eventmovies stellt.

Das ist in der Tat ziemlich traurig, macht WONDER WOMAN aber kein bisschen schlechter. Vielleicht wird man sich irgendwann, wenn sich der Rauch gelegt hat, daran erinnern, welche Vorarbeit Jenkins (oder Produzent und Drehbuchautor Zack Snyder) geleistet haben: Der Film war ein großer Erfolg, was angesichts der vernichtenden Kritiken, die MAN OF STEEL, BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE oder SUICIDE SQUAD zuvor eingefahren haben, an ein kleines Wunder grenzt, und könnte insofern einen neuen Präzedenzfall geschaffen haben: Ja, Superheldenfilme können tatsächlich auch dann Geld einspielen, wenn sie um eine Frau kreisen. Dass WONDER WOMAN diesen Aspekt gleich an der Oberfläche seiner Handlung mitverhandelt, liegt in der Natur der Sache. Schon die Comicvorlage entstand in den 1940er-Jahren aus der Beobachtung ihres (männlichen) Schöpfers, dass es keine weiblichen Superhelden gab. Er erdachte die Amazonenprinzessin Diana, die auf einer fernab der Zivilisation liegenden Insel ohne männliche Population aufwächst und die es dann für ihre Heldentaten in „unsere“ Welt verschlägt.

Auch im Film muss sich Diana (Gal Gadot) in einer reinen Männerwelt behaupten, eine Herausforderung, die die Auswahl der geeigneten Garderobe genauso miteinschließt wie den Einsatz auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Ganz selbstverständlich ist das in WONDER WOMAN nicht: Die ohne Männerkontakt aufgewachsene und deshalb in und an Liebesdingen ebenso unerfahrene wie uninteressierte Schönheit, muss natürlich die Liebe zu einem Mann entdecken und ihn mit Fragen über Sex und Beziehungen löchern. Ferner stehen ihr nach dem Auftakt auf ihrer Heimatinsel ausschließlich harte Macker zur Seite, die ihr helfen: Zum großen Sieg am Ende ist das Opfer ihres Freundes Steve (Chris Pine) nötig und in einer tränenreichen Rückblende gibt es dann auch das verbale Liebesgeständnis. Einen ähnlichen Rückzieher macht WONDER WOMAN auch in anderer Hinsicht: Als sie den vermeintlich für den Krieg Verantwortlichen Ludendorff (Danny Huston) umgebracht hat, in dem Glauben danach kehrte der Frieden ein, und feststellen muss, dass der einfach weiter geht, glaubte ich für einen Augenblick tatsächlich, WONDER WOMAN könnte ohne den langweiligen Superschurken und das obligatorische Duell enden. Dem ist natürlich nicht so: Wie alle DC-Filme, an denen Snyder mitgewurschtelt hat, verliert sich auch dieser in einem überkandidelten, vor Pathos triefenden und dem naiven Charme des Films krass zuwiderlaufenden Scharmützel mit einem in letzter Sekunde aus dem Hut gezauberten Obermotz.

Aber grundsätzlich hat mir WONDER WOMAN ganz gut gefallen: Mit seinem historischen Hintergrund schlägt er wunderschön die Brücke zu den Ursprüngen der Superheldencomics, als sich Captain America und Konsorten bevorzugt mit Nazis rumprügelten. Die gibt es hier zwar nicht, aber zwischen den deutschen Kriegsverbrechern des Ersten Weltkriegs und den Schergen um den Führer besteht zumindest in diesem Film nur ein äußerst marginaler Unterschied. Sogar ein entstelltes wissenschaftliches Mastermind gibt es, die teuflisch-geniale Giftgaserfinderin Dr. Maru (Elena Anaya). Die Mischung aus Action, Fantasy und Humor funktioniert über weite Strecken sehr gut und daran, dass bei den Spezialeffekten die Devise herrscht „mehr ist mehr“ habe ich mich dann mittlerweile auch gewöhnt. WONDER WOMAN ist einer der besseren Filme die die Superheldenwelle hervorgebracht hat: Das macht ihn zwar nicht zu einem Meisterwerk, schon gar nicht zu einem, das den Eventmovie genderpolitisch revolutionieren wird, aber man kann gewiss darauf aufbauen. Was ich so gelesen habe, reißt JUSTICE LEAGUE mit dem Arsch aber wieder ein, was Jenkins hier aufgebaut hat …

Advertisements
Kommentare
  1. Kozure Okami sagt:

    Bei der ersten Sichtung im Kino fand ich „Wonder Woman“ ziemlich ernüchternd. So lobenswert die weibliche Hauptfigur (im Superheldenkino) auch ist: das als alleiniges Herausstellungsmerkmal reicht mir nicht. Nun ist der Film wahrlich keine Katastrophe, aber denkwürdig finde ich nichts daran – abgesehen davon, dass er Weiblichkeit auf Augenhöhe in das von Männern dominierten Superheldensujet eingießt – eine Leistung, die es zu loben gilt, ganz klar, ebenso wie den ihr beschiedenen Erfolg.
    Trotzdem kann ich dem Rest, dem Drumherum, der Geschichte, der Inszenierung, ganz besonders der Action wenig abgewinnen. Alles fand ich fad bis unfreiwillig komisch (dieser Zeitlupeneinsatz! Das hat nichts damit zu tun, dass hier Frauen entsprechend in Szene gesetzt werden. Die akrobatischen Einlagen der Amazonen-Kriegerinnen hätte ich schon ziemlich toll gefunden… hätte man sie in normaler Geschwindigkeit ablaufen lassen. So wurde ein gänzlicher gegenteiliger Effekt erzielt: die Kampfszenen wurden ihrer Spektakularität beraubt!) – und Gal Gadot fand ich erschreckend schlecht in der Hauptrolle (nachdem sie mir in BvS im Grunde gut gefallen hatte), meine Begleitung hatte damals richtig angemerkt, dass Gadot beim Schauspiel gegen David Thewlis gnadenlos unterlag. Und von dem Effektgewitter gegen Ares brauchen wir gar nicht erst zu sprechen.

    Andererseits fand ich „Man of Steel“ u. BvS beim ersten Mal ebenfalls nicht so dolle, beim zweiten Mal hat sich das gewandelt. Vielleicht geschieht mir bei „Wonder Woman“ ja ähnliches, ein klassischer „Second Date Candidate“ für mich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s