burn after reading (joel coen/ethan coen, usa/großbritannien/frankreich 2008)

Veröffentlicht: Januar 20, 2018 in Film

Wenn die Coens INTOLERABLE CRUELTY und THE LADYKILLERS machen mussten, um NO COUNTRY FOR OLD MEN drehen zu können, dann mussten sie vielleicht BURN AFTER READING machen, um nach dem desillusionierenden Spätwestern zu A SERIOUS MAN in der Lage zu sein. In dem Maße wie NO COUNTRY FOR OLD MAN unverklärt und A SERIOUS MAN mit neuem Mut auf das Arschloch namens „Leben“ schaut, wirkt BURN AFTER READING als erster Coen-Film vor allem zynisch.

Die Geschichte um den Geheimdienstmitarbeiter Osbourne Cox (John Malkovich), der von einem Tag auf den anderen degradiert wird und daraufhin seinen Job hinwirft, um seine eiskalte Gattin Katie (Tilda Swinton), die ihn mit dem ebenfalls verheirateten womanizer Harry Pfarrer (George Cloney) hintergeht, um die frustrierte Mittvierzigerin Linda Litzke (Frances McDormand), die sich unbedingt einer mehrfachen Schönheitsoperation unterziehen will, um für die Männerwelt interessant zu sein, und ihren idiotischen Fitnesscenter-Kollegen Chad (Brad Pitt), mit dem sie zusammen vermeintlich empfindliche Geheimdienstdaten aus Cox‘ Besitz an die Russen verkaufen will, ist so konstruiert wie alle anderen Coens zuvor auch, aber nie hatte man wie hier das Gefühl, dass sei alles reiner Selbstzweck.

Auch die Figuren aus BURN AFTER READING sind den Brüdern entglitten: Selbst jämmerlichen Waschlappen, Opportunisten und Lebensmüden wie Lundegaard, dem Dude oder Llewelyn Moss begegneten die Coens immer mit Empathie und Verständnis, so dumm, unvernünftig oder verantwortungslos sie sich auch verhalten mochten. Immer verstand man als Zuschauer, was sie antrieb, was sie dahinbrachte, das zu tun, was sie taten. Hier ist das anders: Cox und seine Frau, Pfarrer, Litzke und Chad, aber auch die Nebenfiguren, wie Litzkes unglücklich verliebter Chef (Richard Jenkins) oder Pfarrers Kinderbücher schreibende Ehefrau, sind entweder Idioten, vollkommen unfähig, über ihren Tellerrand hinauszusehen, Neurotiker jenseits aller Selbstreflexion, Gefangene ihrer eigenen hirnrissigen Wünsche, oder selbstsüchtige Egomanen. Und dahinter steht ein mitleidloser Staatsapparat, der die sich zum Ende hin türmenden Leichenberge einfach so entsorgen lässt. Wenn man sich darauf einlassen kann, ist BURN AFTER READING nicht ohne Witz und Drive, zumal die Darsteller – allen voran Malkovich, der hier mal etwas gegen den Strich besetzt ist, und Pitt, der sein Schönlingsimage aufs Korn nimmt – allesamt gut aufgelegt sind, aber insgesamt ist der Film schon eine eher ätzende, bittere Angelegenheit, an deren Ende man sich eigentlich auch gleich das Leben nehmen kann. Von den guten Coen-Filmen (also INTOLERABLE CRUELTY und THE LADYKILLERS ausgenommen) bis hierhin mit Abstand der schwächste.

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