flashdance (adrian lyne, usa 1983)

Veröffentlicht: März 31, 2018 in Film
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Simpson, Bruckheimer, Lyne, Eszterhas. Man müsste gar nicht mehr über FLASHDANCE sagen. Er ist tatsächlich die Summe dessen, wofür diese Namen stehen: ein gelecktes, zielgruppenoptimiertes, hohles, sexistisches und quasipornografisches Nichts, das mit „Glaube an dich selbst“- und „Nutze deine Chance“-Mantra einen amerikanischen Traum reaktivieren möchte, den die Produzenten selbst längst durch Koks, Geld und käuflichen Sex ersetzt haben. Die vier Genannten haben alle ihre Leichen im Keller, aber ja auch irgendwas vorgebracht, was man bei aller hedonistischen Schmierigkeit lieben kann: Das Beste, was sich indessen über FLASHDANCE sagen lässt, ist dass es Kameramann Donald Peterman gelingt, Arbeit im Stahlwerk und den Arsch der Hauptdarstellerin gleichermaßen attraktiv aussehen zu lassen, und der Soundtrack von Giorgio Moroder ganz gut reinknallt, wenn man mit seinem pathetisch-opernhaftem Discopop klarkommt.

Die Blödheiten der Geschichte sind, glaube ich, bereits bekannt: Selbst wenn es irgendwo auf der Welt eine bildschöne 18-Jährige gibt, die ihr Geld als Schweißerin im Stahlwerk verdient und nebenbei eine talentierte Tänzerin ist, die von der Aufnahme in eine Ballettschule träumt, während sie in der Realität die grölenden, besoffenen Männer in einer drittklassigen Absteige animiert, so glaube ich nicht, dass sie sich von ihrem Gehalt diese riesige Loftwohnung leisten könnte, die sie hier bewohnt. Ich glaube auch nicht, dass sie eine erfüllende Liebesbeziehung mit ihrem großherzigen, attraktiven Chef unterhielte und statt einer Mutter eine ältere Dame mit russischem Akzent besuchte, die sie zum Studium an der Tanzakademie motiviert. Ich glaube auch nicht, dass sie die Polenwitze, die ihr Kumpel Richie (Kyle T. Heffner) bei seinen Auftritten als Comedian zu reißen pflegt, lustig fände. Oder dass sie nicht die Polizei riefe, wenn ihr Chef sie mit dem Porsche nach Hause verfolgt, nachdem er einen Korb von ihr bekommen hat. Ich glaube auch nicht, dass sich dieses Mädchen wirklich mit seinen dreckigen Arbeitsschuhen in der Akademie einschreiben wollen würde. Oder dass die allesamt brutal talentierten Tänzerinnen in ihrer Tittenbar beste Freundinnen wären. Fraglich auch, ob ihr schnauzbärtiger Geldgeber Abend für Abend die Kohle für ihe extravaganten Darbietungen und Kostüme rausschmisse und im Gegenzug nicht darauf bestünde, dass sie auch mal blank ziehen.

FLASHDANCE häuft wirklich eine unglaubliche Menge an Unfug an und fordert den Betrachter dazu auf, ihm das alles abzukaufen. Es gelingt ihm mit seiner unverschämten Verführungsstrategie: Jennifer Beals schaut mit ihren braunen Kulleraugen unter dem störrischen Pony einfach zu süß, ihre Oberschenkel glänzen zu schön im Neonlicht, der Dampf im Stahlwerk wabert zu dekorativ, die Synthies von Moroder orgeln zu enthusiastisch, als dass man davon nicht betäubt würde. Es ist schon auch irgendwie klar, warum FLASHDANCE ein solcher Erfolg war, warum seine beiden großen Tanzszenen am Anfang und Ende mittlerweile zum kollektiven Bilderschatz zählen: Der Film umgeht – besser: umtanzt – die Zuschauerhirne und zielt direkt auf das etwas einfältige, leicht zu beeindruckende und immer geile Lustzentrum ab, den Ort, wo Irene Caras „What a Feeling“ in Dauerschleife rotiert und alle berechtigten, aber auch kleinlichen Fragen nach dem Sinn übertönt. Warum soll man sich mit Sexismus und Altherrenschmierigkeit befassen, wenn man stattdessen Jennifer Beals (oder ihrem Body Double) auf den Hintern schauen kann? Wieso sollte man annehmen, dass dieses für ihren Traum kämpfende Feenwesen eine Fantasie notgeiler Männer ist, anstatt ein Vorbild für die jungen Mädchen da draußen, die von der blühenden Tanzkarriere träumen, während sie das Schweißgerät schwingen? Warum sollte man sich vor ihrem Chef ekeln, der sie bei ihren Auftritten ansabbert, dann mit seiner Kohle ködert, sich anschließend in ihr Leben einmischt, dafür aber vom Drehbuch als Heiliger mit von der Liebe verdrehtem Kopf behandelt wird? Sind Polenwitze eigentlich wirklich in Ordnung, nur weil ein Pole sie reißt? Oder ist das nicht vielmehr auch nur eine der fiesen Strategien, mit der dieser Film seine eigene Verlogenheit tarnen und legitimieren möchte? Und worin genau liegt die Faszination von neureichen Geldsäcken wie Bruckheimer und Simpson für die Arbeiterklasse oder das, was sie dafür halten? Die Antworten sind klar.

Andererseits komme ich mir immer furchtbar doof vor, wenn ich Ressentiments und Bedenken wiederkäue, die die Feuilletonisten schon vor 30 Jahren zu Recht runtergebetet haben. Ja, FLASHDANCE ist wirklich ziemlich impertinent, aber weil man das ja eigentlich schon längst weiß, möchte ich mal infrage stellen, ob er wirklich noch „gefährlich“ ist. Ich habe mich über den Auftritt der Rocksteady Crew gefreut. Über Lee Ving, einst asozialer Sänger der noch asozialeren Punkband Fear, in einer Nebenroll als asozialer Besitzer der noch asozialeren Konkurrenz-Tittenbar (eigentlich, so deutet das Drehbuch an, ist er aber ein guter Kerl, der nur etwas Liebe braucht). Und über Laura Branigans unverschämtes „Gloria“, das ich seit zig Jahren nicht mehr gehört habe. Ansonsten möchte ich meine unmaßgeblichen Betrachtungen zu FLASHDANCE mit einer bekannte Redensart schließen, die mir an dieser Stelle sehr passend erscheint: Dumm fickt gut.

Kommentare
  1. Funxton sagt:

    So sehr das alles stimmt, was du schreibst: Ich find‘ den toll ❤ Unter der Welle der Achtziger-Tanzfilme sogar mein mit Abstand Liebster.

    • Oliver sagt:

      Kann ich nicht begreifen. Echt nicht. Gut, der Soundtrack. Aber sonst? Lieber BREAKIN‘, der vermittelt wenigstens die Freude an der Bewegung und macht daraus keine Arbeit.

      • Funxton sagt:

        „Breakin'“ habe ich zu meiner Schande noch immer nicht gesehen. Mit „Flashdance“ ist das halt – wie so oft – ein Nostalgieding. Ich erinnere mich noch, wie die BRAVO den damals abgefeiert hat, den Song „Maniac“ habe ich als Kind geliebt und Jennifer Beals auch. Dazu kommt eben noch Lynes immense Stilisierungssucht, die hatte 83 schon was Prägendes. Natürlich kann man auch diesem Film letzten Endes wesentlich mehr vorwerfen denn ihm zugute halten, aber das macht ihn doch auch zu einem Sympathieobjekt irgendwie…

      • Oliver sagt:

        OK, gegen die Nostalgie käme auch ich nicht an. Ich wollte den wiklich mögen und hätte auch die erwähnten Doofheiten überstanden, wenn ich den Film nicht als so wahnsinnig leer und leblos empfunden hätte. Es gibt keine einzige Figur, die ich irgendwie glaubwürdig finde.

      • Funxton sagt:

        Ich finde das sehr nachvollziehbar. Wenn man „Flashdance“ zum ersten Mal mit 42 sieht, dazu 35 Jahre nach der Premiere, wird der gesunde Menschenverstand gewiss sehr auf die Probe gestellt.

    • Jan Bantel sagt:

      Wenn ich drüber nachdenke, dann ging es mir ähnlich mit „Bodyguard“. Den hatte ich vorher noch nie gesehen, kannte höchstens seinen Ruf, den Whitney Houston-Song und dass es offensichtlich nach wie vor eine gewisse Fan-Basis für den Film gibt. Als ich ihn dann gesehen hatte, konnte ich ihn nicht mal als Guilty Pleasure abstempeln.

      • Funxton sagt:

        Der gehört zu den wenigen Filmen, die ich meide wie der Teufel das Weihwasser. Schon der Begleitsong ist so grauenvoll, dass sich mir jeder weitere Kontakt verbietet.

  2. Jan Bantel sagt:

    Ich meine, ein Film ist oder kann zumindest auch immer das sein, was man mit ihm macht. Ich kann also die große Riege an B-Actionfilmen der 80er-Jahre als menschenverachtenden und ideologischen Dreck abtun oder Gefallen an ihnen als Actionfilm nach eigenen ästhetischen Regeln und der Zeit geschuldeten formalen Standards finden. Ich denke, das gilt für einen solchen durchkalkulierten Tanzfilm wie „Flashdance“ ebenso. Entweder, wir fallen auf das zugegeben wenig erbauliche Kalkül herein, oder aber wir durchschauen es, nehmen den Film an uns und transformieren ihn auf eine Art und Weise, die dieses Kalkül negiert.

    Nun muss ich allerdings zugegeben, „Flashdance“ noch nie gesehen zu haben. Letztlich kann man ja nur mit dem arbeiten, was einem an Material zur Hand gegeben wird.

    • Oliver sagt:

      Also mit dem Hinweis bist du hier echt an der falschen Adresse. Ich habe vor zehn Jahren mit Marcos zusammen für den Actionfilm gekämpft, als der nahezu keine intellektuelle Lobby hatte, feiere hier regelmäßig Filme ab, von denen andere nicht einmal zugeben würden, dass sie sie gesehen haben, und habe – um beim Genre zu bleiben – die STEP UP-Filme abgöttisch geliebt. Ich hatte auch auf FLASHDANCE Bock, mag den Soundtrack und liebe etwa 9 1/2 WEEKS, SHOWGIRLS und TOP GUN. FLASHDANCE sieht famos aus, aber ansonsten hat er nichts hinterlassen bei mir – außer einem milde amüsierten Kopfschütteln. Er schafft es noch nicht einmal, die Freude am Tanz auf den Zuschauer zu übertragen, weil er sich ganz auf die sabbernd-voyeuristische (männliche) Zuschauerebene zurückzieht.

      • Jan Bantel sagt:

        Oh, das ist bitte nicht misszuverstehen, ich feiere den Actionfilm, insbesondere besagte Epoche nicht minder ab. Darum ging es mir im Grunde gar nicht. Ich meinte bloß, da Deine Kritik ja regelrecht vernichtend anmutet, dass man dieses Kalkül, das der Film fraglos an den Tag legt, überwinden kann, mit der entsprechenden Einstellung zum Film, indem man sich eben der (unterstellten) Intention der Macher entgegenstellt und den Film nicht so rezipiert, wie er von diesen gedacht war, sondern aus etwaigen fragwürdigen Entscheidungen, die ihm zugrunde liegen, etwas schönes heraus liest, sich eben den Film zueigen macht. Ist wahrscheinlich unglücklich und missverständlich ausgedrückt, aber ich hoffe, Du verstehst, worauf ich hinaus will. Kurz gefasst: das Auge des Betrachters. Denn ein solches Kalkül kann man natürlich auch vielen „B“-Actionfilmen unterstellen, sie ideologisch angreifen, wegen nicht unähnlicher Entscheidungen der Verantwortlichen. Aber gerade Du verstehst es doch wunderbar, dem Actionfilm etwas abzugewinnen, was über ein solches Kalkül hinausgeht. Das finde ich ist das schöne daran.

        Da ich bisher „Flashdance“ nicht gesehen habe, weiß ich natürlich nicht, wie gesagt, ob er überhaupt Qualitäten hat, die man anders als von den Produzenten intendiert hochhalten kann. Es war im Grunde auch nur ein kleines Gedankenexperiment: der eine sieht ihn „Flashdance“ ein kalkuliertes, manipulierendes Stück Tanzfilm, der andere etwas, dass über das Kalkül hinausgeht.

      • Oliver sagt:

        Ich habe dich schon richtig verstanden. Ich trete eigentlich an jeden Film mit der Intention heran, „mehr“ darin zu sehen, als das, was man vielleicht von ihm erwartet, wenn man nur Genre, Titel und die dahinterstehenden Macher in Betracht zieht. Deswegen mein Hinweis auf meine Actionfilmtexte, auf die STEP UP-Filme. Es lassen sich andere Titel in meinem Blog finden, die belegen, dass ich nicht bloß den Konsens nachbete.

        Bei FLASHDANCE ist es mir leider nicht gelungen, mehr in ihm zu sehen, obwohl die Bereitschaft da war. Gern hätte ich ihn abgefeiert. Leider erweist sich der Film als noch blöder als ich das befürchtet hatte.

        Von meinem jetzigen Standpunkt aus, würde ich behaupten, dass man etliche ziemlich offenkundige Eigenschaften ausblenden müsste, um in FLASHDANCE etwas anderes zu sehen, als ein Werbefilmchen zum Verkauf eines Soundtracks und eine Wichsvorlage für Leute, die sich nicht trauen, Pornos zu schauen. Mit den genannten vier Protagonisten im Hintergrund finde ich FLASHDANCE und die Art, wie er seiner Hauptfigur nachstelzt, sie buchstäblich ansabbert, zudem ziemlich ekelhaft. Aber das habe ich ja schon geschrieben.

      • Jan Bantel sagt:

        Es war auch eigentlich keine Kritik an Deinem Kommentar zu „Flashdance“. Das ist mir gar nicht möglich, da ich den Film (noch) nicht gesehen habe. Es war mehr Grübelei für mich, wie man mit einem solchen Kalkül umgehen kann, ob man mit ihm umgehen kann, ohne, dass es in Verklärung ausartet. Ist so ein bisschen Symptom meiner Ernüchterung angesichts des hundert Prozent durchkalkulierten Blogbusterkinos, dass zurzeit das Kino quält (chapeau Disney) und ob es angesichts dessen noch Hoffnung gibt, sich das Kino wieder anzueignen – vorausgesetzt, es liegen den Filmen Qualitäten zugrunde, an denen man sich festhalten kann.
        Ich lese übrigens Deinen Blog gerade wegen Deiner Fähigkeiten, Dinge jenseits eines verkopften, methodisch gnadenlos filmtheoretisch durchanalysierten Kinos auch in „kleinen“ Filmen zu sehen, die ihnen einen Mehrwert geben, der sich vielleicht nicht auf den ersten Blick, vielleicht erst recht nicht mit einer programmatisch analytischen Einstellung, erkennen lässt. Ich stimme möglicherweise nicht immer mit Dir überein (oft genug aber doch), aber, und das erhebt Dich in meinen Augen über die meisten prätentiösen Kritiker, beinahe jede Kritik gibt einem zumindest einen erfrischenden Denkanstoß. So auch hier, selbst wenn ich missverständlich rübergebracht habe, was es in diesem Fall war. Sorry! 🙂

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