open fire (kurt anderson, usa/deutschland 1994)

Veröffentlicht: April 27, 2018 in Film
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OPEN FIRE ist kein besonders guter Film. Es handelt sich um einen Vertreter der in den Neunzigerjahren florierenden DTV-Action, aber es fehlt ihm sowohl die Absurdität als auch der Wahnsinn; Eigenschaften, die so manchen Vertreter des preisgünstigen Genres in die Lage versetzte, mit den großbudgetierten Actionfilmen zu konkurrieren. Andererseits ist es auch diese manifestierte Durchschnittlichkeit, die OPEN FIRE so immens anschaubar macht, zumindest für mich. Ein Film wie Tiefkühlpizza: Wer Genuss oder Nährwert will, ist hier definitiv falsch, aber an manchen Abenden will man halt nicht mehr, als den Ofen anzuschmeißen und sich nach ein paar Minuten etwas Essbares zwischen die Kiemen zu schieben. So funktioniert auch Andersons Film: Man muss sich keine Sorgen machen, während der 90 Minuten überfordert zu werden und danach bleibt garantiert nichts von OPEN FIRE hängen, weder im positiven noch im negativen Sinne. Aber so lange, wie’s dauert, ist die Chose voll OK – vorausgesetzt, man hat ein Faible für diese Zwei-Wort-Titel-Filme, in denen irgendein muskulöser badass einer Horde generischer Schurken den Arsch versohlt und den Anzugtypen zeigt, wo der Frosch die Locken hat.

OPEN FIRE ist ein lupenreines DIE HARD-Rip-off (sieht man schon am Poster, das dem Film außerordentlich schmeichelt): Eine Bande von Söldnern überfällt eine Fabrik, nimmt die Angestellten als Geisel und fordert die Freilassung ihres inhaftierten Anführers Stein Kruger (Patrick Kilpatrick), der einen besonderen Terrorplan hat. Nicht auf seiner Rechnung steht allerdings der einsame Ex-FBI-Agent McNeil (Jeff Wincott), dessen Papa (Lee deBroux) die Fabrik führt und der sich deshalb gegen den Befehl der FBI-Agenten auf eigene Faust in den Komplex schleicht, wo er die bösen Buben einen nach dem anderen ausschaltet. Natürlich kann Anderson mit McTiernans Klassiker nicht mithalten, es wäre absurd, dies anzunehmen: Wincott ist kein Willis, Kilpatrick kein Rickman, die traurige Fabrik mit ihren austauschbaren Metalltreppen und Rohren kein Nakatomi Tower. Die Action ist eher bescheiden, besteht darin, dass Wincott den Bösewichten die Fresse poliert, ihnen das Genick bricht, sie erschießt oder aufspießt, und dafür, dass er es mit einer „elite group of mercenaries“ zu tun hat, stellen diese sich ziemlich dämlich an. Einmal geht ein Auto in die Luft, aber viel mehr darf man nicht erwarten: Gemessen an dem irrwitzigen Spektakel, das das Vorbild abfackelte, ist OPEN FIRE eher traurig. Aber eben auch sehr sympathisch. Ich kann nicht anders, als den Mut der Verzweiflung zu honorieren, mit dem sich Anderson der – betrachtet man die ihm zur Verfügung stehenden Mittel – absolut hoffnungslosen Herausforderung stellte, einen der erfolgreichsten und besten Actionfilme seiner Zeit zu kopieren.

OPEN FIRE sammelt darüber hinaus Punkte mit seiner Ansammlung liebenswerter wie infantiler Klischees, die den Betrachter in geradwegs ins Jahr ’94 zurückversetzen. In seiner ersten Szene tritt Wincott als MacNeil mit ölig-freiem Oberkörper, Dreitagebart, Kopftuch, Sonnenbrille und Zigarillo im Mundwinkel als echter Malocher auf, der einem Statisten erst einmal erklärt, wie man einen Motor repariert, bevor er einen Telegrafenmasten hochkraxelt und seinen Papa anruft, der ihn dazu motivieren will eine freie Managementposition in seinem Unternehmen anzutreten. Aber dieser McNeil schleppt seelischen Ballast mit sich herum, wie wir wenig später erfahren: Weil er einen Befehl seines Vorgesetzten missachtete, starb seine Partnerin bei dem Versuch, einen bewaffneten Psychopathen festzunehmen. Bevor wir jedoch seiner quälenden Erinnerungen in einer Rückblende teilhaben, gibt es die obligatorische Kneipenschlägerei, bei der der mittlerweile sauber rasierte und in weit geschnittenes Denim-Wear gekleidete McNeil ein paar Proleten zusammenwichst, die einen tapferen, aber hilflosen Tropf beim Billard bescheißen. Am andere Ende des Spektrums stehen Patrick Kilpatrick als Stein Kruger, was schön evil und deutsch klingt und phonetisch gewiss nicht zufällig dem Namen von Alan Rickmans DIE HARD-Schurken „Gruber“ ähnelt. Die „elite mercenaries“, die der um sich schart, bestehen aus den typischen Verdächtigen: langhaargen Asiaten, kaugummikauenden Grinsfressen, einem blonden Hünen sowie zwei Frauen, die mit der MP in der Hand hoffnungslos überfordert aussehden. Der FBI-Mann ist ein anzugtragender Großkotz, der zwar absolut recht hatte, als er McNeil suspendierte, aber vom Film dafür trotzdem wie ein schlechter Verlierer mit Penisneid behandelt wird, der Knastwärter ein sadistischer Fiesling, der Kruger ständig irgendwelcher Schläger auf den Hals hetzt, weil er zu feige ist, ihm selbst gegenüberzutreten. Der Altman-Veteran Bert Remsen ist auch am Start und wird in den Credits auch an vorderer Stelle genannt, hat aber – wenn ich das richtig im Kopf habe – nicht eine Dialogzeile und tut wenig mehr, als dekorativ, aber deplatziert (und halbdement) herumzusitzen.

Diese Klischees zu zu suchen und abzuhaken ist deutlich unterhaltsamer als der eigentliche Film. Bruce Willis durch die Architektur des Nakatomi Towers turnen zu sehen, ist einfach was anderes, als Wincott dabei zuzuschauen, wie er durch eine Fabrik schleicht und hier und da auf einen doof herumstehenden Bösewicht zu treffen. Zum Showdown geht es dann in einen traurigen Lagerhallenkomplex irgendwo in der Pampa und Kruger wird nicht etwa blutigst hingerichtet, sondern schlicht überwältigt und verhaftet. „Antiklimaktisch“ ist gar kein Ausdruck. Dass angesichts der zahlreichen Verfehlungen des Films mit dem Schlussbild tatsächlich ein Sequel in Assicht gestellt wird, finde ich allerdings wieder ziemlich geil. Leider ist meines Wissens nichts daraus geworden. Würde ich mir auch auf jeden Fall geben.

 

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Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Dein Text war unterhaltsamer als der Film. Sei bedankt!

    Hast du eigentlich bereits den Trailer zu Seagals neuestem Streich gesehen?

    Der Film sieht in Relation zu seinen letzten Werken beachtlich aus. Das Drehbuch kommt vom Maestro selbst, er war mit Herzblut bei der Arbeit (betätigte sich gar als Location-Scout) und der Trailer verspricht einiges mit Blick auf die Seagal’sche Selbstmythologisierung.

    Hier ist der Trailer:
    http://www.saradanmedia.co.uk/films/attrition/?wvideo=8ohsmsw3n2

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