málmhaus (ragnar bragason, island 2013)

Veröffentlicht: Juli 19, 2018 in Film
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Im Alter von 12 Jahren beobachtet Hera (Thora Bjorg Helga), Tochter eines Bauernehepaares, wie ihr geliebter Bruder Baldur bei der Feldarbeit verunglückt und ums Leben kommt. Weil sein Tod zu Hause nie wirklich aufgearbeitet wird, Hera mit ihrer Trauer ganz allein ist, vergräbt sie sich in Baldurs Zimmer, wo sie seine Metalsammlung sowie seine E-Gitarre findet und sofort hin und weg ist. Die Musik gibt ihr die Möglichkeit, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, gleichzeitig manifestiert sich in ihr das Gefühl, eine Aussätzige zu sein, denn als rebellischer „Metalhead“ stößt sie in der ländlichen Gemeinschaft auf wenig Verständnis. Ihre Vereinsamung resultiert erst in einem Demo, das sie unter dem Namen „Svarthamar“ veröffentlicht, dann schließlich in der Verbrennung der Dorfkirche und der Flucht in die verschneite Einsamkeit des Gebirges …

Ich bin hin und hergerrissen: Auf der einen Seite ist Bragasons MÁLMHAUS ein sehr schöner Film geworden, der mit seiner großartigen (und überaus ansehnlichen Hauptdarstellerin), einer kredibilen Songauswahl (u. a. Judas Priest, Savatage, Lizzy Borden und Megadeth), kargen Bildsprache und seinem originellen Setting punktet, auf der anderen Seite büßt er einige Sympathie durch diverse ärgerliche Klischees und ein allzu versönliches Ende wieder ein. Später mehr dazu, denn man soll ja immer mit den positiven Aspekten anangen. Hervorsstechendstes Merkmal des Films ist sicher die weite, triste, winterliche Landschaft Islands, wo MÁLMHAUS gedreht wurde und spielt. Dem jäh unterbrochenen Sommeridyll der Eröffnungssequenz, die in leuchtenden, aber leicht verschleierten Farben eine vergangene unbeschwerte Kindheit herbeierinnert, steht der kalte, grau-blaue Dunst der Gegenwart entgegen. Und die Sequenz, in der Hera in eine schneegepeitschte Blockhütte flüchtet, ist von fast mythischer Qualität (ähnlich wie die Szene, in der Hera bewaffnet mit ihrer Gitarre an einer menschenverlassenen Kreuzung im Nirgendwo auf einen Bus wartet, der sie in die Stadt bringt).

Der Film spielt im beschwerlichen isländischen Winter, aber mehr noch wird hier ein innerer Zustand nach außen gedreht: Mit Baldurs Tod hat sich auch das Leben der Hinterbliebenen verabschiedet. Die Mutter (Halldóra Geirharðsdóttir) ist depressiv, schlägt sich mit suizidalen Gedanken, der Vater (Sveinn Ólafur Gunnarsson) versucht dem Schmerz über den Tod des Sohnes mit Verdrängung zu begegnen. Hera bleibt in einem Umfeld, das es ihr nicht erlaubt, ihre Gefühle zu artikulieren, nur die Flucht in eine Musik, die von weiten Teilen ihres Umfelds als Krach und damit als Provokation empfunden wird. Doch Linderung verschafft ihr auch das nicht, stattdessen wird ihre Einsamkeit nur weiter verstärkt. Thora Bjorg Helga verleiht Heras Orientierungslosigkeit und Wut ein Gesicht, sie ist glaubwürdig in ihrer neu gefundenen Begeisterung für Metal und der Film steht ihr darin meistens zur Seite, etwa wenn sich der Priester Janus (Sveinn Ólafur Gunnarsson) mit Maiden-Tattoo als Metaller entpuppt und seine Liebe für Celtic Frost und Venom gesteht. Ein schöner, für mich persönlich sehr spannender Moment, ist die Konfrontation Heras mit Black Metal: Im Fernsehen sieht sie einen Bericht über die berühmte Kirchenverbrennung im norwegischen Bergen, die entrüsteten Kommentatoren, die ein Verbot der hinter dem Anschlag steckenden Musik fordern, wecken in ihr den Wunsch, diese Musik zu hören, doch bevor sie den Beitrag aufzeichnen kann, macht ihr ein Ausfall des Signals einen Strich durch die Rechnung. Schlicht fantastisch ist auch die kurze Szene, in der Hera endlich ihr Demo aufnimmt, ganz allein, verstärkt durch einen Drumcomputer in einem Kuhstall. Das Muhen der Rinder verfeinert ihre Musik um eine verzweifelt-absurde Nuance.

Dass ich MÁLMHAUS am Ende doch eher zwiegespalten gegenüberstehe, liegt an der Auflösung, die er für die Probleme von Hera und ihren Eltern bereithält, und an der Einstellung gegenüber der Musik, die darin zum Ausdruck kommt. Bragason banalisiert sowohl die kreative Kraft ihrer Schöpfer, wenn er Metal in erster Linie als das Resultat psychischer Dispositionen begreift, als auch den in ihr zum Ausdruck kommenden Zorn. Metaller, so sieht es ein wenig aus, sind einfach nur nicht richtig liebgehabt worden und die Wut und der Hass, die Metal in seinen extremsten Ausprägungen auszeichnen, sind reine Kompensation. Das ist eine gut abgehangene These, die mir einerseits zu einfach ist, zu sehr Holzhammerpsychologie, andererseits der Kunstform selbst nicht gerecht wird. Besonders frappierend wird es, wenn de Black Metal ins Spiel gebracht wird: Es wirkt ein bisschen so, als sei das vor allem deshalb geschehen, um das schicke Plakatmotiv zu rechtfertigen und eine Art finaler Eskalationsstufe hinzufügen zu können, die der Film eigentlich nicht mehr gebraucht hätte. Black Metal ist für Bragason lediglich der konsequente Endpunkt einer verhängnisvollen Entwicklung, viel mehr scheint ihm diese spezielle Musik nicht zu sagen – was sich auch darin zeigt, dass sie auf dem Soundtrack mit Abwesenheit glänzt. Wahrscheinlich waren die Black Metaller, auf die Bragason mit dem Fernsehbericht Bezug nimmt, selbst vor allem fehlgeleitete Jugendliche, aber dass sie aus ihrer Verzweiflung etwas schufen, was ganz und gar einzigartig ist, wird kaum gewürdigt. Kurz vor Schluss tauchen drei norwegische Metaller auf, die Hera unter Vertrag nehmen wollen, nachdem sie ihr Demo erreicht hat. Dass einer von ihnen Oystein heißt – der echte Vorname von Mayhem-Gründungsmitglied, Helvete-Inhaber, Labelboss, Black-Metal-Zar und Varg-Vikernes-Mordopfer Euronymus – ist gewiss kein Zufall, und diese drei werden von Bragason mehr oder weniger zu Witzfiguren degadiert, die dann auch noch dabei mithelfen müssen, die von Hera niedergebrannte Kirche wiederaufzubauen.

Am Schluss stellt sich die Familie dem verdrängten Unglücksfall, Hera wird wieder in der Gesellschaft aufgenommen und darf ihren großen Auftritt im Gemeindehaus absolvieren. Mit ihrem rasenden Black Metal stößt sie nur auf schockierte Gesichter, sodass sie nach kurzem Innehalten zu anderen Mitteln greift: Sie interpretiert ihren Song mit zurückgenommener Gitarre und elfengleichem Gesang, sodass er auch ihre unmetallisierten Mitmenschen mit seiner Botschaft erreicht. MÁLMHAUS endet dann mit der Megadeth-Nummer „Symphony of Destruction“, zu der Hera gemeinsam mit ihrem Vater und der ebenfalls therapierten Mama ausgelassen bangt. Ich sehe ein, dass das das Ende ist, das der Film brauchte, aber ein bisschen weniger hätte es meiner Meinung nach auch getan. Was für mich rüberkommt: Metal ist Musik für gestörte Seelen und wenn es ihnen erst einmal wieder gut geht, gewöhnen sie sich auch diesen infernalischen Krach ab. Damit kann ich mich nur bedingt anfreunden. Mir ist das einfach zu kurz gegriffen und es wird der Vielfalt und Energie dieser Spielart der populären Musik genauso wenig gerecht wie den Menschen, die sich ihr verschrieben haben,. Schade, dass sich Bragason hier so vergreift. Meines Erachtens verrät er damit nicht nur die Musik, um die es in seinem Film geht (und die das sicherlich ganz gut verkraften kann), sondern auch seine Protagonistin.

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