les témoins (andré téchiné, frankreich 2007)

Veröffentlicht: Juli 24, 2018 in Film
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Mitte der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ereignete sich ein Paradigmenwechsel, der das Leben, wie es bis dato gelebt wurde, radikal veränderte. Das Aufkommen von AIDS bedeutete nicht nur, dass Sexualität deutlich bewusster und damit vorsichtiger praktiziert werden musste, es bedeutete für die, die zur Risikogruppe gehörten- Homosexuelle, Drogenabhängige -, ein zusätzliches soziales Stigma. André Téchiné beleuchtet in seinem im Jahr 1984 auf der Schwelle zu diesem „neuen Zeitalter“ angesiedelten Film, wie sich dieser historische Wandel im Privaten abzeichnete – und wie das Leben trotz katastrophischer Zäsuren weitergeht: ohne bequeme Indifferenz oder gar Ignoranz, aber auch ohne ohnmächtig machenden Fatalismus, sondern voller Hoffnung und Mut.

Der hübsche, jugendliche Homosexuelle Manu (Johan Libéreau) kommt aus der Provinz nach Paris und zieht dort bei seiner Schwester Julie (Julie Depardieu) ein, einer angehenden Opernsängerin. Das Hotel, in dem die beiden mangels finanzieller Mittel wohnen, ist eine billige, von Prostituierten und halbseidenen Gestalten bewohnte Absteige, aber für Manu spielt das keine Rolle. Er genießt die Möglichkeiten, die ihm das neue Leben in der Metropole bietet, stürzt sich in das schwule Pariser Nachtleben wie ein Verdurstender in einen See. Beim cruisen in eine Park trifft er Adrien (Michel Blanc), einen mittelalten homosexuellen Arzt, der sich sofort in die Unbeschwertheit Manus verliebt und ihn in seinem Beanntenkreis einführt: An einem Wochenende am Mitelmeer lernt Manu die eben Mutter gewordene Schriftstellerin Sarah (Emmanuelle Béart) und ihren Ehemann, den Polizisten Mehdi (Sadi Bouajila) kennen. Als er mit letzterem eine heiße Liebesaffäre beginnt und er wenig später Anzeichen einer rätselhaften, schweren Krankheit zeigt, gerät das bis dahin feste freundschaftliche Gefüge in Bewegung …

LES TÈMOINS – deutscher Titel: WIR WAREN ZEUGEN – entspricht nicht unbedingt dem zeitgenössischen cineastischen Chic: André Téchinés Film hat keinen großen Clou, keine Pointe, er verabreicht keine griffige Moral, keinen Lehrspruch, den man daraus mitnehmen oder weitergeben könnte. Er ergeht sich auch nicht in präapokalyptischem Nihilismus, suhlt sich nicht in Bildern des Leids, um dem Zuschauer Empathie abzuringen. Er sieht das moderne Leben nicht als selbstgefällig-blinden Tanz auf einem brodelnden Vulkan, sondern erlaubt sich den überaus seltenen und wohltuenden Luxus, an das Gute im Menschen zu glauben, an seine Vernunft zu appellieren. Dazu passt, dass er nicht mit dem Finger zeigt, keine Urteile ausspricht. In LES TÈMOINS betrachtet er alle seine Charaktere ohne Vorurteile, er bringt allen die gleiche Sympathie entgegen, konfrontiert den Betrachter erst einmal nur mit ihren Sorgen und Befindlichkeiten und fordert von ihm dann die gleiche unvoreingenommene Haltung ihnen gegenüber ein, die auch er einnimmt. Sie alle sind nicht perfekt, aber wer ist das schon: Manu ist hoffnungslos naiv und ja, auch rücksichtslos in seinem Streben nach Lust und Liebe, aber es ist auch diese Energie und Lebenfreude, die ihn liebenswert macht. Das sieht auch Adrien so und man muss ihn der Träumerei bezichtigen: Hat er denn wirklich geglaubt, dass dieser strahlende Cherub bei ihm bleiben würde, einem glatzköpfigen, kurzgewachsenen Mittfünfziger? Sarah ist keine besonders gute Mutter, aber wir vertrauen ihr, dass sie mit den Herausforderungen der neuen Aufgabe wachsen wird. Der maghrebinische Macho Mehdi ist ein Feigling, aber wer wollte es ihm verübeln: als Polizeibeamter dunkelhäutig und bisexuell? So progressiv und tolerant sind sein Arbeitgeber und die Kollegen dann doch nicht, auch wenn sie ihm die Koteletten gestatten.

Mit der Katastrophe konfrontiert, ändert sich alles, am stärksten natürlich für Manu: Eben noch gehörte ihm die Welt, jetzt kann er dabei zusehen, wie sein jugendlicher Körper vor seinen Augen zerfällt. Mit Mehdis Bequemlichkeit hat es ebenfalls ein Ende: Er muss Verantwortung gegenüber seiner Ehefrau und seinem Kind übernehmen und ihr sein Doppelleben gestehen.  und eine Sarah muss sich entscheiden, wie sie damit umgeht, dass ihr Gatte sie mit einem Jugendlichen betrogen hat und Adrien die ersten wissenschaftlichen und organisatorischen Schritte unternehmen, um das Land für die neue Epidemie zu wappnen. Am Ende treffen sich die Freunde wieder am Mittelmeer, den Platz des verstorbenen Manu hat eine andere junge Eroberung Adriens eingenommen. Es ist nicht klar, ob Mehdi und Adrien sich jemals wieder offen betrachten können, aber sie lassen es auf den Versuch ankommen. Ihre gemeinsame Geschichte kettet sie aneinander. Es sind diese Ehrlichkeit, dieser befreiende Optimismus und die Lebenslust, die LES TÉMOINS auszeichnen und zu etwas Besonderem machen. Téchiné muss dafür nicht die Augen vor der Realität verschließen: Seine Charaktere sind echt in ihren Sorgen, aber auch in ihrem Streben nach Glück, das sie letztlich aneinander bindet, über alle vermeintlich trennenden Unterschiede. Und das ist ein stärkeres Band als Missgunst, Verachtung und Hass.

 

 

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