Archiv für Juli, 2018

Es dauerte es gut 15 Jahre, bis Michael Mann endlich als großer zeitgenössischer Filmemacher erkannt wurde. Dabei war HEAT zum Zeitpunkt seines Erscheinens eigentlich als eine Art Rekapitulation zu sehen und für Cinephile, die sich mit dem Mann schon vorher auseinandergesetzt hatten, kaum eine Überraschung: Rückblickend erinnert sein bis dato wahrscheinlich größter Hit ein wenig an John Woos LASHOU SHENTAN, das Best-of-Abschiedgeschenk das der Action-Virtuose seinem heimischen Publikum machte, bevor er sich nach Amerika absetzte. Nicht nur, dass HEAT ein großbudgetiertes Remake von Manns eigenem Fernsehfilm L.A. TAKEDOWN war, auch sonst war er voller Elemente aus seinen früheren Filmen, die er hier mit den Mitteln eines Hollywood-Blockbusters und großer Starpower revitalisierte. Wirklich Neues fügte HEAT dem bisherigen Schaffen Manns nicht hinzu: Schon in seinem ersten großen Spielfilm, THIEF von 1981, war all das da, wofür man HEAT lobte: die Neo-Noir-Ästhetik, die Melancholie, das „Schwertkämpferethos“ der professionals, ob diese nun cops oder robbers waren, die Verdichtung eines Lebens auf schicksalhafte Augenblicke, in denen sich plötzlich alles verändert. Und dann war da ja noch MANHUNTER, das andere große Eighties-Masterpiece von Mann, ein Film, der seinerseits ein gutes Jahrzehnt reifen musste, bevor seine einsame Klasse erkannt wurde.

MANHUNTER basiert auf Thomas Harris‘ 1981 erschienenem Bestseller „Red Dragon“, mit dem der US-Autor der Welt die Figur des genialen kannibalistischen Serienmörders Hannibal Lecter schenkte, der dann zehn Jahre später dank Anthony Hopkins Darstellung in Jonathan Demmes SILENCE OF THE LAMBS, der Verfilmung der gleichnamigen Romanfortsetzung, zur popkulturellen Ikone wurde. Es war dieser bahnbrechende Erfolg, der auch Manns MANHUNTER neue Aufmerksamkeit brachte, einem nahezu vergessenen Film, der zum Zeitpunkt seines Erscheinens auf sehr durchwachsene Kritiker- wie Publikumsreaktionen gestoßen war. Sowohl Manns kühler visuelle Stil als auch die Wahl des Hauptdarstellers stießen auf Missfallen, trugen ihm den Vorwurf des „style over substance“ und der Prätention ein. Der Film floppte, auch auf internationaler Ebene. Heute muss man konstatieren, dass MANHUNTER nicht nur mit seiner Darstellung des profiling, wie es Jahre später in Fernsehserien wie CSI populär wurde, seiner Zeit weit voraus war: Der Film widmet sich seiner Thematik, der Spiegelung von Ermittler und Killer, mit großer, beunruhigender Sensibilität. Es sind dann auch keine großen Action-Set-Pieces, die den Betrachter in den Bann schlagen, sondern diese Augenblicke, in denen der Profiler Graham und seine Nemesis, der Serienkiller Dollarhyde (bzw. Lecter) miteinander verschmelzen, sowie die ungewöhnliche Darstellung der Mörder durch Brian Cox und Tom Noonan. Mir gefällt er besser als Demmes viel gepriesener Klassiker, der mir immer etwas zu perfekt erscheint. Vieles bleibt ungesagt und ungreifbar, schwelt und brodelt unter der Oberfläche: SILENCE OF THE LAMBS ist zwar auch eher als unterkühlt zu bezeichnen, aber er zeigt eine gewisse Freude am Makabren, ist insgesamt grafischer und stilistisch näher am Horrorfilm als Manns MANHUNTER, der ja von ausgesucht geschliffener Artifizialität ist. Ich liebe ihn – glücklicherweise immer noch, wie ich bei dieser ersten Sichtung nach vielen Jahren bemerken durfte.

MANHUNTER ist ein Film voller Spiegelungen und begehrender Blicke: Es werden ständig Fotos gemacht, Bilder und Videoaufzeichnungen angeschaut, Gemälde betrachtet, Texte interpretiert, Träume entschlüsselt – und schließlich Scheiben zerschlagen. Da ist der „Rote Drache“ Francis Dollarhyde (Tom Noonan), ein Serienmörder, der töten muss, weil er die Bewunderung seiner Opfer will. Er tötet sie, drapiert sie in bizarren Tableaus als sein Publikum, nachdem er sie zuvor tagelang ausspioniert. Graham – ein Profiler, der bei der Jagd nach dem gefährlichen Mörder Hannibal Lecktor (Brian Cox) (er schreibt sich hier wirklich so) fast den Verstand verlor – muss sein mentaler „Zuschauer“ werden, sich dem Killer gedanklich erneut so weit annähern, dass er mit ihm nahezu identisch wird, ohne seine eigene Persönlichkeit ganz zu verlieren. Er umkreist die Tatorte wie sein Rivale, begibt sich in seine Gedankenwelt und findet so schließlich seine Spuren, die es ihm ermöglichen, ihn zu verstehen, seine weiteren Schritte zu antizipieren. Die Szenen, in denen Graham Eingang in den Kopf des Killers findet, seine Vorstellungswelt „aufschließt“, inszeniert Mann nicht nur als triumphale intellektuelle Augenblicke, sondern als beinahe transzendental. Graham, ein grüblerischer, stiller Typ, wächst in diesen Szenen über sich hinaus. Dass dieses Über-sich-hinaus-Wachsen damit einhergeht, dass er in einen geisteskranken Killer „hineinwächst“, birgt das Drama und das verstörende Element des Films. Der Spiegelcharakter von Betrachter und Betrachtetem zeigt sich auch in der verblüffenden Symmetrie von Schuss und Gegenschuss in den Gesprächen zwischen Graham und Lecktor, in der Tatsache, dass Graham und seine Familie dem bevorzugten Opferprofil Dollarhydes nahezu idealtypisch entsprechen, sowie in der Gestalt der blinden Reba (Joan Allen), in die der Killer sich verliebt und die Grahams Gattin Molly Kim Greist) stark ähnelt. Von den Spiegelungen und Blicken ist es nur noch ein kurzer Schritt zur Kunst: Die Taten Dollarhydes sind Performances, er wird nicht von Lust übermannt, sondern zeichnet sich durch eine artistische Vision, akribische Planung und totale Kontrolle in der Ausführung aus: So betrachtet wird Graham sein Student, er muss die Werke des Schöpfers interpretieren, um dem Menschen hinter ihnen auf die Schliche zu kommen. Dazu passt es, dass das Gebäude, in dem er den inhaftierten Lecktor besucht, weil er sich von ihm wichtige Anregungen erhofft, in Wahrheit das High Museum of Art in Atlanta ist, und Grahams Wohnhaus dem Künstler Richard Rauschenberg gehört.

In dieser Hinsicht interessant und unbedingt erwähnenswert scheint mir auch die Tatsache, dass Mann sich im selben Jahr ein weiteres Mal mit der Beziehung von Profiler und Killer auseinandersetzte und das mit verblüffend ähnlichen Mitteln: Nur wenige Woche nach dem Kinostart von MANHUNTER wurde „Shadow in the Dark“ im Fernsehen ausgestrahlt, die insgesamt 50. Episode der von Mann produzierten Erfolgsserie MIAMI VICE. In der Folge werden Crockett (Don Johnson) und Tubbs (Philip Michael Thomas) herangezogen, um einen home invader zu stellen. Der Mann pflegt in große, mit Glasfronten ausgestattete Häuser einzudringen, dort bizarre Wandgemälde zu hinterlassen, sich am Kühlschrank zu bedienen und Hosen zu stehlen. Niemand weiß, wie der Mann aussieht, noch, was er tun wird, wenn eines seiner Opfer aufwacht. Gilmore (Jack Thibeau), der eigentlich ermittelnden Polizist, ist bei dem Versuch, die Denkweise desTäters zu ergründen, wahnsinnig geworden. Nun ist es an Crockett, dem Mann auf die Schliche zu kommen, bevor er zum Mörder wird: Die Dramaturgie seiner Einbrüche legt nahe, dass dies nur noch eine Frage der Zeit ist. Auch wenn „Shadow in the Dark“ den Konventionen einer Serienepisode verpflichtet bleibt und weder die Tiefe noch die ästhetische Klasse von MANHUNTER erreicht, lohnt sich ein direkter Vergleich.

 

 

 

 

 

Im Alter von 12 Jahren beobachtet Hera (Thora Bjorg Helga), Tochter eines Bauernehepaares, wie ihr geliebter Bruder Baldur bei der Feldarbeit verunglückt und ums Leben kommt. Weil sein Tod zu Hause nie wirklich aufgearbeitet wird, Hera mit ihrer Trauer ganz allein ist, vergräbt sie sich in Baldurs Zimmer, wo sie seine Metalsammlung sowie seine E-Gitarre findet und sofort hin und weg ist. Die Musik gibt ihr die Möglichkeit, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, gleichzeitig manifestiert sich in ihr das Gefühl, eine Aussätzige zu sein, denn als rebellischer „Metalhead“ stößt sie in der ländlichen Gemeinschaft auf wenig Verständnis. Ihre Vereinsamung resultiert erst in einem Demo, das sie unter dem Namen „Svarthamar“ veröffentlicht, dann schließlich in der Verbrennung der Dorfkirche und der Flucht in die verschneite Einsamkeit des Gebirges …

Ich bin hin und hergerrissen: Auf der einen Seite ist Bragasons MÁLMHAUS ein sehr schöner Film geworden, der mit seiner großartigen (und überaus ansehnlichen Hauptdarstellerin), einer kredibilen Songauswahl (u. a. Judas Priest, Savatage, Lizzy Borden und Megadeth), kargen Bildsprache und seinem originellen Setting punktet, auf der anderen Seite büßt er einige Sympathie durch diverse ärgerliche Klischees und ein allzu versönliches Ende wieder ein. Später mehr dazu, denn man soll ja immer mit den positiven Aspekten anangen. Hervorsstechendstes Merkmal des Films ist sicher die weite, triste, winterliche Landschaft Islands, wo MÁLMHAUS gedreht wurde und spielt. Dem jäh unterbrochenen Sommeridyll der Eröffnungssequenz, die in leuchtenden, aber leicht verschleierten Farben eine vergangene unbeschwerte Kindheit herbeierinnert, steht der kalte, grau-blaue Dunst der Gegenwart entgegen. Und die Sequenz, in der Hera in eine schneegepeitschte Blockhütte flüchtet, ist von fast mythischer Qualität (ähnlich wie die Szene, in der Hera bewaffnet mit ihrer Gitarre an einer menschenverlassenen Kreuzung im Nirgendwo auf einen Bus wartet, der sie in die Stadt bringt).

Der Film spielt im beschwerlichen isländischen Winter, aber mehr noch wird hier ein innerer Zustand nach außen gedreht: Mit Baldurs Tod hat sich auch das Leben der Hinterbliebenen verabschiedet. Die Mutter (Halldóra Geirharðsdóttir) ist depressiv, schlägt sich mit suizidalen Gedanken, der Vater (Sveinn Ólafur Gunnarsson) versucht dem Schmerz über den Tod des Sohnes mit Verdrängung zu begegnen. Hera bleibt in einem Umfeld, das es ihr nicht erlaubt, ihre Gefühle zu artikulieren, nur die Flucht in eine Musik, die von weiten Teilen ihres Umfelds als Krach und damit als Provokation empfunden wird. Doch Linderung verschafft ihr auch das nicht, stattdessen wird ihre Einsamkeit nur weiter verstärkt. Thora Bjorg Helga verleiht Heras Orientierungslosigkeit und Wut ein Gesicht, sie ist glaubwürdig in ihrer neu gefundenen Begeisterung für Metal und der Film steht ihr darin meistens zur Seite, etwa wenn sich der Priester Janus (Sveinn Ólafur Gunnarsson) mit Maiden-Tattoo als Metaller entpuppt und seine Liebe für Celtic Frost und Venom gesteht. Ein schöner, für mich persönlich sehr spannender Moment, ist die Konfrontation Heras mit Black Metal: Im Fernsehen sieht sie einen Bericht über die berühmte Kirchenverbrennung im norwegischen Bergen, die entrüsteten Kommentatoren, die ein Verbot der hinter dem Anschlag steckenden Musik fordern, wecken in ihr den Wunsch, diese Musik zu hören, doch bevor sie den Beitrag aufzeichnen kann, macht ihr ein Ausfall des Signals einen Strich durch die Rechnung. Schlicht fantastisch ist auch die kurze Szene, in der Hera endlich ihr Demo aufnimmt, ganz allein, verstärkt durch einen Drumcomputer in einem Kuhstall. Das Muhen der Rinder verfeinert ihre Musik um eine verzweifelt-absurde Nuance.

Dass ich MÁLMHAUS am Ende doch eher zwiegespalten gegenüberstehe, liegt an der Auflösung, die er für die Probleme von Hera und ihren Eltern bereithält, und an der Einstellung gegenüber der Musik, die darin zum Ausdruck kommt. Bragason banalisiert sowohl die kreative Kraft ihrer Schöpfer, wenn er Metal in erster Linie als das Resultat psychischer Dispositionen begreift, als auch den in ihr zum Ausdruck kommenden Zorn. Metaller, so sieht es ein wenig aus, sind einfach nur nicht richtig liebgehabt worden und die Wut und der Hass, die Metal in seinen extremsten Ausprägungen auszeichnen, sind reine Kompensation. Das ist eine gut abgehangene These, die mir einerseits zu einfach ist, zu sehr Holzhammerpsychologie, andererseits der Kunstform selbst nicht gerecht wird. Besonders frappierend wird es, wenn de Black Metal ins Spiel gebracht wird: Es wirkt ein bisschen so, als sei das vor allem deshalb geschehen, um das schicke Plakatmotiv zu rechtfertigen und eine Art finaler Eskalationsstufe hinzufügen zu können, die der Film eigentlich nicht mehr gebraucht hätte. Black Metal ist für Bragason lediglich der konsequente Endpunkt einer verhängnisvollen Entwicklung, viel mehr scheint ihm diese spezielle Musik nicht zu sagen – was sich auch darin zeigt, dass sie auf dem Soundtrack mit Abwesenheit glänzt. Wahrscheinlich waren die Black Metaller, auf die Bragason mit dem Fernsehbericht Bezug nimmt, selbst vor allem fehlgeleitete Jugendliche, aber dass sie aus ihrer Verzweiflung etwas schufen, was ganz und gar einzigartig ist, wird kaum gewürdigt. Kurz vor Schluss tauchen drei norwegische Metaller auf, die Hera unter Vertrag nehmen wollen, nachdem sie ihr Demo erreicht hat. Dass einer von ihnen Oystein heißt – der echte Vorname von Mayhem-Gründungsmitglied, Helvete-Inhaber, Labelboss, Black-Metal-Zar und Varg-Vikernes-Mordopfer Euronymus – ist gewiss kein Zufall, und diese drei werden von Bragason mehr oder weniger zu Witzfiguren degadiert, die dann auch noch dabei mithelfen müssen, die von Hera niedergebrannte Kirche wiederaufzubauen.

Am Schluss stellt sich die Familie dem verdrängten Unglücksfall, Hera wird wieder in der Gesellschaft aufgenommen und darf ihren großen Auftritt im Gemeindehaus absolvieren. Mit ihrem rasenden Black Metal stößt sie nur auf schockierte Gesichter, sodass sie nach kurzem Innehalten zu anderen Mitteln greift: Sie interpretiert ihren Song mit zurückgenommener Gitarre und elfengleichem Gesang, sodass er auch ihre unmetallisierten Mitmenschen mit seiner Botschaft erreicht. MÁLMHAUS endet dann mit der Megadeth-Nummer „Symphony of Destruction“, zu der Hera gemeinsam mit ihrem Vater und der ebenfalls therapierten Mama ausgelassen bangt. Ich sehe ein, dass das das Ende ist, das der Film brauchte, aber ein bisschen weniger hätte es meiner Meinung nach auch getan. Was für mich rüberkommt: Metal ist Musik für gestörte Seelen und wenn es ihnen erst einmal wieder gut geht, gewöhnen sie sich auch diesen infernalischen Krach ab. Damit kann ich mich nur bedingt anfreunden. Mir ist das einfach zu kurz gegriffen und es wird der Vielfalt und Energie dieser Spielart der populären Musik genauso wenig gerecht wie den Menschen, die sich ihr verschrieben haben,. Schade, dass sich Bragason hier so vergreift. Meines Erachtens verrät er damit nicht nur die Musik, um die es in seinem Film geht (und die das sicherlich ganz gut verkraften kann), sondern auch seine Protagonistin.

35 mm # 27

Veröffentlicht: Juli 9, 2018 in Film, Zum Lesen
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