le protecteur (roger hanin, frankreich 1974)

Veröffentlicht: August 1, 2018 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Wenn französische Crime-Filme mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufen, dann ist Roger Hanins DEATH WISH-Rip-off LE PROTECTEUR eine wurmstichige Schweizer Kuckucksuhr. Als Thriller oder gar Actionfilm ist das Teil ein Totalausfall, als mood piece und Zeitzeugnis dafür umso wertvoller.

Der Film handelt vom Architekten Samuel Malakian (Georges Géret), dessen Tochter vor Jahren spurlos verschwand. Auch wenn man ihm beizubringen versucht, dass sie tot ist, ist er der festen Überzeugung, dass sie von irgendeinem miesen Menschenhändler zur Prostitution gezwungen wird. Seine „Ermittlungen“ führen ihn bald mit dem frustrierten Kommissar Beaudrier (Bruno Cremer) zusammen, der weiß, warum Frankreich seine Zuhälter einfach nicht los wird: Es sind die Richter und Gesetze, die zu lasch sind. Also gehen er und Malakian einen Deal ein: Beaudrier hält dem wütenden Vater auf der Suche nach der Tochter den Rücken frei und der räumt dafür ordentlich auf in der Unterwelt.

Schon ästhetisch hat LE PROTECTEUR nur wenig mit den aufgeräumten Filmen eines Jean-Pierre Melville zu tun: Zu Beginn schmettert ein übermotivierter Chansonnier einen Schmachtfetzen dahin, der einem die Schuhe auszieht, derweil Géret Erinnerungen an die glückliche Vergangenheit mit seiner Tochter nachhängt. Wer sich von so viel Harmonie nicht einwickeln lässt, den beschleichen ob des romantisch überhöhten Geknuddels der Blutsverwandten sofort ungute Gedanken, vor allem, wenn das Töchterchen im Verlaufe des Flashbacks zur attraktiven jungen Frau heranreift, die immer noch viel zuviel Zeit mit dem vor Glück griendenden Papa verbringt (obwohl der ihr in der Kindheit den wohl gruseligsten Stoffclown diesseits von POLTERGEIST geschenkt hat). Danach spielt Hanins phlegmatischer Reißer überwiegend in plüschigen Nachtbars, im Travestieclub der alten Tunte Arnaud (Robert Hossein) und in den grauenvoll eingerichteten Luxuswohnungen seiner halbseidenen Gestalten. Julien De Costa (Roger Hanin) hat über dem Schreibtisch ein riesiges, kreisrundes Porträtfoto seines stets sediert unter der Fönwelle hervorglotzenden Luxusbiene Laetitia (Helga Liné) hängen, der schwule Loddel Manzoni (Manuel de Plas) teilt mit Gérets immerhin die Vorliebe für potthässliche Plüschtiere. Der Score des Films klingt wie die Musik, die in deutschen Siebzigerjahre-TV-Shows mit Hans-Joachim Kulenkampff immer die überflüssigen Tanznummern zwischen den doofen Sketchen und Spielen untermalte, die Raumatmo in manchen Innenszenen lässt vermuten, dass da eine Autobahn direkt hinter der Zimmewand verlief. Erstaunlich, wie gelangweilt Géret durch dieses ausstatterische Fegefeuer wandelt: Wer Bronson in späteren DEATH WISHSequels für roboterhaft hält, wird seine Meinung nach Begutachtung dieser Darbietung revidieren müssen. Gerét ist, wie es auf Englisch so schön heißt, „barely there„.

Dazu kommen unerklärliche Drehbuchentscheidungen: LE PROTECTEUR beginnt damit, dass Malakian aus dem Gefängnis entlassen wird, aber es dauert eine gute Stunde, bevor geklärt wird, warum er einsaß. Das kann man so machen, aber in diesem Fall ist das eine vollkommen bescheuerte Strategie: Die Enthüllung herauszuzögern, hat keinen Sinn, viel eher würde es die Identifikation erleichtern, wenn man schon zu Beginn möglichst viel über den Protagonisten wüsste. Ist schließlich nicht gerade so, dass Gérets Spiel einen mit offenen Armen empfinge. Auch Beaudriers Aussage, Malakian habe vor Jahren seine Familie verlassen, versteht man einfach nicht: Warum „verlassen“, wenn er doch im Knast saß? Und wo war diese Familie eigentlich während der erwähnten, immerhin gut zhen Jahre abdeckenden Rückblenden? Hatte Malakian seine Gattin zu Hause im Keller eingeschlossen? Seltsam auch die Szene, in der auf Malakian, Beaudrier und einen hinzugezogenen Journalisten ein Attentat auf offener Straße verübt wird. Noch einmal so davongekommen, gehen die drei sofort an Ort und Stelle in eine Pinte, um auf den Schreck einen zu heben. Schon nach wenigen Sekunden klingelt das Telefon: Es ist Arnaud, der seinen Kumpel Malakian unter Gewaltandrohung durch die Schurken – die ja eigentlich noch gar nicht wissen können, dass Anschlag Nr. 1 fehlgeschlagen ist, geschweige denn, wo sich Malakian befindet – bittet, vorbeizukommen. Ein typisches Plotelement: Der Protagonist gehorcht dem Freund und tappt in die Falle. Doch nicht so in LE PROTECTEUR, denn Malakian tut … nichts! Er vergisst den Anruf des Freundes einfach, den wir danach nicht mehr wiedersehen.

Es ist ein bisschen schwierig, einem Film zu folgen, dessen Regisseur sich offensichtlich selbst hoffnungslos im nicht gerade komplexen Handlungsgeflecht verstrickte. Es wäre aber aauch falsch zu sagen, LE PROTECTEUR stürze sich kopfüber in den Wahnsinn – wie gesagt geht Hanins Film ein eher gemächliches Tempo, versucht sich durchaus daran, es seinen unterkühlten Vorbildern gleichzutun. Am Ende gibt es per Schrifteinblendung sogar noch einen ironischen Kommentar zur Lage der französischen Nation. Das ist schon frech, dass Hanin meint, sich zu solch komplexen Verhältnissen äußern zu können, wo er noch nicht einmal 90 Minuten Rachethriller unfallfrei hinbekommt. Saudoof, aber auch irgendwie geil.

Advertisements
Kommentare
  1. Hanin war halt Schauspieler, und LE PROTECTEUR der erste seiner wenigen Versuche als Regisseur. Aller Anfang ist schwer …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.