hôtel des amériques (andré téchiné, frankreich 1981)

Veröffentlicht: August 3, 2018 in Film
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Auch der vierte Film, den ich von Téchiné (nach LES VOLEURS, LES TÉMOINS und LES ROSEAUX SAUVAGES) gesehen habe, ist wunderbar, wenn auch mit kleinen Abstrichen. HÔTEL DES AMÉRIQUES gehört zu dieser Gattung Liebesdrama, bei dem das Glück der beiden Protagonisten daran scheitert, dass beide unheilbare Neurotiker sind. Das kann schon manchmal die Geduld strapazieren – vor allem, wenn man sich für eher praktisch veranlagt hält, wie ich das tue. Mehr als einmal hätte ich diesen Gilles Tisserand (Patrick Dewaere) gern gepackt, kräftig durchgeschüttelt oder ihm eine schallende Ohrfeige gegeben, damit er endlich zur Besinnung kommt. So richtig nachvollziehen konnte ich die Probleme, die er und Hélène (Catherine Deneuve) miteinander haben nicht. Aber wirklich gestört hat es mich auch nicht, weil auch dieser Film so wunderbar fotografiert ist, so entspannt und elegant dahingleitet – und weil ich Biarritz, wo der Film spielt, bei meinen zwei Kurzaufenthalten irgendwie ins Herz geschlossen habe.

Gilles, der mit seiner Familie ein kleines Hotel in BIarritz betreibt, und Hélène, eine Arzthelferin, begegnen sich, als sie ihn eines Abends mit ihrem Auto anfährt. Ihm passiert nichts, aber er ist sofort fasziniert von ihr und sie besteht darauf, seine Personalien aufzunehmen. In dem Café, in dem sie einkehren, kommen sie ins Gespräch: bis sie schließlich einschläft. Er bleibt die ganze Nacht bei ihr und überredet sie dazu, sich wieder mit ihm zu treffen. Langsam taut die kühle Hélène auf und öffnet sich ihm: Doch als sie ihm von ihrem ehemaligen Lebenspartner erzählt, der im Meer ertrunken ist, stößt sie bei ihm auf Widerstand. Er hat das Gefühl, nur die Nummer zwei hinter dem Verstorbenen, einem visionären Architekten, zu sein …

Der Star des Films ist eindeutig Catherine Deneuves tannengüner Trenchcoat, der für HÔTEL DES AMÉRIQUES fast dieselbe Bedeutung einnimmt, wie der rote Regenmantel aus Roegs DON’T LOOK NOW. Sie sticht mit diesem Mantel in jeder Szene hervor, hebt sich von den Hintergründen ab und wird durch ihn als rekonvaleszente Traumapatientin gekennzeichnet. Er, ein etwas blässlicher Hänfling, trägt hingegen immer einen beigen Blouson. Schon in dieser Diskrepanz wird das Drama des Films deutlich: Da die überirdisch schöne, gebildete Hélène, da der schmächtige Gilles, ein Mann ohne hervorstechende Eigenschaften oder Talente. Ihr ist das zwar egal, weil sie etwas anderes in ihm sieht, aber er zerbricht an seiner vermeintlichen Mittelmäßigkeit.

Es zieht sich noch ein anderes Motiv durch den Film, das auch mit dem Titel korrespondiert: Seine Charaktere sind nie zu Hause nie angekommen, immer nur auf der Durchreise. Das passt auch zu Biarritz, einem Urlaubsort an der Atlantikküste, der außerhalb der Saison völlig ausgestorben ist. Gilles bester Freund, der Musiker Bernard (Etienne Chicot), lebt im Hotel, reist mal hierhin, mal dorthin; Gilles Schwester erzählt von ihrer ersten großen Liebe, einem Touristen, der eine Nacht in ihrem Hotel übernachtet habe. Alle reden immer davon wegzuwollen. Hélène kann sich nicht entscheiden, wie sie die Wand ihrer Wohnung streichen will. Die Charaktere entscheiden sich immer um, beerdigen ihre Pläne, bevor sie sie in die Tat umgesetzt haben, können sich nicht entscheiden, was sie wollen. Auch die Beziehung der Protagonisten folgt diesem Auf und Ab, das an die Brandung des Meeres erinnert. Hélène setzt dann irgendwann einen Schlusspunkt und macht Nägel mit Köpfen, reist nach Paris ab. Da bekommt Gilles dann Panik und eilt zum Bahnhof, um ihr hinterherzufahren. Der HÔTEL DES AMÉRIQUES endet dann am nächtlichen Bahnsteig, wo Gilles auf seinen Zug wartet. Tränen laufen ihm die Wangen herunter, weil er nun versteht, was er verloren hat und der Film endet. Genau in jenem Zustand des Dazwischen, in dem fast alle Charaktere gefangen sind.

Wie gesagt: Diese neurotische Hin und Her ist ein bisschen anstrengend und kann auf „normal“ veranlagte Personen etwas forciert wirken. Aber ich neige hier dann doch dazu, diese Figuren wenn schon nicht zu verstehen, so doch zu akzeptieren, dass es für sie Gründe gibt, so zu handeln, wie sie es tun. Das alles wurde mir durch die ästhetischen Qualitäten des Film enorm erleichtert.  Er ist wie ein Tag in Biarritz, an dieser stürmischen, schroffen, aber ungemein malerischen Küste, wo man die Zeit dabei vergessen kann, einfach auf das Meer hinauszuschauen. Ein paar Jahre später entdeckte Eric Rohmer dort dann ja auch LE RAYON VERT

 

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Kommentare
  1. Dominik Graf sagt:

    Wunderschön beschrieben, trotz aller offensichtlichen Skepsis dem Film gegenüber. Habe „Hotel des Amériques“ nie gesehen, aber man könnte diesen Text nehmen und ihn einfach neu drehen. Der grüne Regenmantel…..
    Danke

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