les innocents (andré téchiné, frankreich 1987)

Veröffentlicht: August 6, 2018 in Film
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Jeanne (Sandrine Bonnaire) kommt auf ihrer ersten Reise aus ihrer Heimat im Norden Frankreichs in die Mittelmeerstadt Toulon: Anlass ist die Hochzeit ihrer Schwester Maité (Christine Paolini), aber eigentlich möchte sie ihren jüngeren Bruder nach Hause holen, den taubstummen Alain (Stéphane Onfroy), den sie seit dem Tod der Eltern versorgt und der den Sommer über bei der Schwester war. Doch kaum, dass sie ihm von ihren Plänen berichtet hat, ergreift er die Flucht. Auf der Suche nach ihm begegnet sie Stéphane (Simon de la Brosse), der nach einem Unfall daran arbeitet, wieder der alte zu werden. Nach einem Anschlag auf sein Leben hatte er im Koma gelegen. Über die genaueren Umstände schweigt er sich zunächst aus. Doch nach und nach kommt Jeanne hinter sein Geheimnis: Stéphane hatte sich als Mitglied einer nationalistischen Vereinigung mit dem jungen Nordafrikaner Said (Abdellatif Kechiche) angelegt. Said unterhielt nicht nur eine Affäre mit dem Dirigenten Klotz (Jean-Claude Brialy), sondern auch eine enge Freundschaft mit Alain. Und auch Jeanne ist von ihm fasziniert …

Sein politisches Thema wird in LES INNOCENTS nie explizit verhandelt. Stéphanes ausländerdeindliche Gesinnung bleibt ungenannt und Begriffe wie „rechts“, „nationalistisch“, „rassistisch“ etc. kommen nie vor. Wahrscheinlich, weil solche Zuschreibungen nach Téchinés Überzeugung eh unzureichend sind. Hinter politischen Überzeugungen stecken persönliche, psychologische Gründe, die man verstehen muss, wenn man vom Weg des Humanismus Abgekommene wieder zurückholen will. Ob man das für richtig oder praktikabel hält, möchte ich hier nicht diskutieren. Im Fall Stéphanes jedenfalls scheint es einleuchtend, sein „Engagement“ als Akt der Provokation oder auch als Ausdruck einer richtungslosen Wut zu begreifen. Er scheint selbst am wenigsten zu verstehen, was er da eigentlich getan hat. Es ist erst diese schwer zu beschreibende Mischung aus Weichheit und Bestimmtheit Jeannes, die ihn sich öffnen lässt. Aber da sind die Zahnräder schon in Bewegung geraten und es ist zu spät, noch etwas zu ändern.

LES INNOCENTS erzählt sehr viel mehr über seine Atmosphäre, Stimmungen, Blicke und die Art, wie sich seine Charaktere bewegen, als über Plot oder Aktion im klassischen Sinne. Wie schon in den zuvor gesehenen Filmen Téchinés – vor allem LES ROSEAUX SAUVAGES und HÔTEL DES AMERIQUES – spielt auch der Schauplatz wieder eine wichtige Rolle: Toulon sieht mit seinen sandfarbenen Häusern und den staubigen Straßen aus wie ein über das Mittelmeer gerückter Vorposten Nordafrikas. Jeanne behauptet erst, die Stadt zu hassen, dann will sie dort bleiben: HEimatverbundenheit ist nicht immer kostenlos zu haben. Man fühlt die von allen beklagte Hitze, die über der Stadt liegt, auch wenn es sich nicht um einen typischen „Schweißfilm“ handelt. Aber alle wirken ein wenig müde, mürbe gemacht von den Temperaturen und empfindlich für kleine Reizungen. Niemand scheint sich unbedingt länger als nötig in der Gesellschaft anderer aufhalten zu wolle. Eine Ausnahme ist die Hochzeitsfeier, mit der der Film eröffnet: In einem schattigen, baumbewachsenen Innenhof feiert die überwiegend nordafrikanische Gesellschaft ausgelassen und unermüdlich, tanzt und singt freudetrunken zur rythmischen, ekstatischen Musik. Dass es eine Kluft gibt zwischen „Einheimischen“ und den sogenannten Migranten wird eher implizit deutlich: Es gibt kaum eine Mischung zwischen den beiden Gruppen. Selbst Maité hat ihren Mann Noureddine nur geheiratet, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, lebt sonst neben ihm her, unterhält Sex-Beziehungen mit Franzosen. Said will unbedingt weg in die Heimat, die er – auch das lässt tief blicken – noch nie gesehen hat, weil er in Frankreich geboren wurde. Aber wie kann er sich in einem Land zu Hause fühlen, in dem er aufgrund seiner Hautfarbe befürchten muss, umgebracht zu werden.

Jeanne verliebt sich innerhalb zweier Tage gleich zweimal – und das in zwei Männer, die sich gegenseitig umbringen wollen. Téchiné ist einerseits der Idealist und Träumer, der in Jeannes positiver Blindheit für das Vordergründige die Liebe als Mittel der Völkerverständigung plausibel macht, andererseits der Realist, bei dem dieser Traum am Ende zwei Kugel zum Opfer fällt, die leider sehr viel folgerichtiger wirken als Jeannes Liebe.

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