le lieu du crime (andré téchiné, frankreich 1986)

Veröffentlicht: August 11, 2018 in Film
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Der junge Thomas (Nicolas Giraudi) stößt auf den entflohenen Häftling Martin (Wadeck Stanczak), der ihn um Geld bittet. Thomas organisiert ein paar Francs, doch Martins Freund, der ebenfalls ausgebrochene Luc (Jean-Claude Adelin) traut dem Jungen nicht und versucht ihn umzubringen. Martin ersticht den Freund und trifft wenig später völlig verstört auf Lili (Catherine Deneuve), die Mutter Thomas‘. Die hat sich nie von den eigenen Eltern emanzipiert, ist mit ihrem eigenen Lben unzufrieden und wird von ihrem geschiedenen Mann Maurice (Victor Lanoux) in einen Streit um das Sorgerecht für Thomas verwickelt. Sie verliebt sich in Luc, dessen Situation sie an ihre eigene erinnert …

Téchiné Mischung aus Krimi, Ehe- und Familiendrama und Coming of Age-Film entfaltet sich in der sommerlichen, südfranzösischen Trägheit, wo der Pfarrer über das Wohlgeraten der Kinder wacht, die Kommunion ein gesellschaftlich bedeutendes Ereignis ist und Probleme gern unter den Teppich gekehrt, statt besprochen werden. Lili versucht, ihre geplatzten Jugendträume nachträglich mit einem auf der Garonne schwimmenden Tanzlokal zu verwirklichen, doch die Nähe zum restriktiven Elternhaus, das ihre Bedürfnisse nie verstanden hat, hemmt jede Befreiungsbemühung. Dass Thomas seine Eltern verleugnet, Todes- und Zerstörungsfantasien mit sich herumträgt, kann sie nur zu gut verstehen, wie sie auch die Reaktionen des Pfarrers, ihrer Eltern und ihres Ex-Mannes an ihre eigene Jugend erinnern. Was aus der Reihe tanzt, sich nicht fügt, nicht fehlerfrei funktioniert, das muss bekämpft und gebrochen werden. Den Ausbruch aus dieser Enge inmitten einer unbegrenzt wirkenden Natur symbolisiert – logisch – der Ausbrecher Martin, ein Melancholiker, dessen Verletzlichkeit ihn für Lili sofort zum Verbündeten macht.

Natürlich kann es kein echtes Happy End geben, das wäre dann doch zu schön. Aber Téchiné übt sich auch nicht im heute so weit verbreiteten Fatalismus. LE LIEU DU CRIME ist von bittersüßer Melancholie, er befreit gewissermaßen den Existenzialismus von seiner erdrückenden Schwere. Seine Charaktere haben mitunter ein schwere Last zu tragen, die sie nicht abschütteln können, sondern zu tragen lernen müssen, aber das ist bei ihm nicht an einen asketisch-protestantischen Pflichtgedanken gekoppelt. Das Leben ist einfach so und vor seinen Herausforderungen zu kapitulieren hieße auch, sich der Glücksmomente und Schönheit zu berauben. Am klarsten tritt diese Schönheit in der ruhigen Teilnahmslosigkeit der Natur zutage, die Téchiné zusammen mit Kameramann Pascal Marti einfängt und die oft an alte Ölgemälde mit ihren pastoralen Landschaftsdarstellungen erinnert. Die Chancen auf einen Neuanfang, sie werden sich eröffnen, wenn man Geduld hat und dann mit Mut seine Chance ergreift. Verbunden ist damit aber auch immer die Möglichkeit, dass nicht alles so kommt, wie man es sich erträumt hat. Auch wenn ich LE LIEU DU CRIME nicht als deprimierend bezeichnen würde, im Vergleich zum hoffnungsfrohen LES ROSEAUX SAUVAGES ist er schon eher ernüchternd. Es gibt keine wirklich glücklichen Figuren im Film und die Perspektive, der Lili entgegensieht, ist ganz gewiss nicht das, was sie sich erträumt hat. Dennoch: Sie hat eine Wahl getroffen und den Schritt aus der Passivität getan. Es kann ja nur besser werden für sie. (Das ist dann doch wieder voll auf Sartre-Linie.)

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