accident man (jesse v. johnson, großbritannien 2018)

Veröffentlicht: April 22, 2019 in Film
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Ein Psychopath mit einer Axt. Eine Ausreißerin, die von einem Ronin in Japan lernte, das Katana zu schwingen. Zwei Special-Force-Soldaten, die sich darüber streiten, ob nun die USA oder das United Kingdom die meisten Diktatoren zur Strecke gebracht haben. Ein sabbernder Giftmörder mit Rattengesicht. Ein dicklicher Durchschnittsbrite mit Aktentasche. Nur einige der schillernden Charaktere, die Jesse V. Johnsons ACCIDENT MAN und einen Pub bevölkern, der ihnen als Zentrale einer exklusiven Gruppe von Auftragsmördern dient. War schon Johnsons THE DEBT COLLECTOR ein deutlicher Nineties-Throwback, erinnert auch dieser Film an die Zeit, in der skurrile Charaktere im Minutentakt mit Standbild eingeführt wurden. In Verbindung mit Einflüssen aus dem politisch inkorrekten Comicfilm à la DEADPOOL oder KICK-ASS ist ein überraschend schmackhafter Genrehybrid entstanden, der 90 Minuten gewalttätigen Fun mit viel Style und tollen Performances bietet.

Ich weiß, dass die obige Beschreibung nicht unbedingt Großes, sondern eigentlich sogar Abscheuliches verheißt. Hätte man mir die Reize von ACCIDENT MAN so nahegelegt, hätte ich wahrscheinlich das Gesicht verzogen und dankend abgewunken, schließlich gehört DEADPOOL für mich zu den unerträglichsten Gurken, die ich in den vergangenen Jahren ertragen musste. Auch ACCIDENT MAN ist grell und comichaft überzeichnet, gefällt sich im Tabubruch und der Grenzüberschreitung und ist im Grunde genommen nicht viel mehr als eine reichlich infantile Gewaltfantasie. Aber – oh Wunder – irgendwie funktioniert das Ganze und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich verständlich erklären kann, woran das liegt. Ganz sicher hat es etwas damit zu tun, dass ACCIDENT MAN schon aufgrund seines Stellenwertes als DTV-Film weniger marktschreierisch rüberkommt, weniger Aufmerksamkeit für sich reklamiert, als die genannten Großproduktionen, die ihre Unkorrektheit so unangenehm ostentativ vor sich hertrugen. Johnson inszeniert seinen Film aller stilistischen Extravaganzen zum Trotz auch vergleichsweise bodenständig: Es gibt hier keinen Helden, der sich augenzwinkernd dem Betrachter zuwendet und ihm seine Witzchen erklärt. Und das führt auch dazu, dass sich ACCIDENT MAN nicht in Spielereien und Gimmicks verliert, sondern letztlich sehr straightes Acionkino bleibt, das lediglich mit diesen skurrilen Figuren angereichert ist. Wobei sich Johnson seine bizarreren Kreationen für Kurzauftritte aufhebt: Im Wesentlichen konzentriert er sich auf das Vater-Sohn-Duell zwischen Scott Adkins‘ Mike Fallon, der feststellen muss, dass  ausgerechnet seine Ex-Freundin auf der Todesliste seiner Kollegen landete, und seinem Lehrmeister Big Ray (Ray Stevenson), von dem er als Teenie das Handwerk des Auftragsmords erlernte. Letzterer liefert mit seiner Darbietung dann auch schon genug Gründe, sich den Film anzuschauen. Weiterhin hervorzuheben sind die exzellenten Dialoge: Sonst sind sie gewiss nicht unbedingt die Stärke des DTV-Actioners, aber hier merkt man, wie viel Liebe und Kreativität in das Drehbuch flossen und dass man sich allergrößte Mühe gab, jedem Charakter eine unverwechselbare Stimme zu geben. Es hilft sicherlich, dass Johnson die britische Herkunft des Films nicht verschleiert, sondern mit Lust in den Vordergrund drängt: Man bekommt hier einfach etwas zu sehen, was man in dieser Form nicht an jeder Ecke geboten bekommt. Als hätten sich Michael Winner, Guy Ritchie, Isaac Florentine und Taika Waititi zusammengetan, die Verfilmung eines britischen Comics abzuliefern, den zu zeichnen sich noch niemand dann doch tatsächlich jemand getraut hat.

Selbst die wenigen Kritikpunkte spielen ACCIDENT MAN in die Karten: Dass der Protagonist unangenehm homophob rüberkommt, wenn er sich mit Charlie (Ashley Greene) anlegt, der lesbischen Lebenspartnerin seiner Ex, baut immer wieder kleine Hürden bei der Identifikation auf: Nicht nur, dass diese Idee der Freundin, die lesbisch wird, bzw. der Lesbe, die dem Mann die Freundin ausspannt, in sich schon ein frauenfeindliches Klischee ist: Die beleidigten bitchfights, die Fallon mit Charlie anzettelt, lassen ihn nicht gerade heldenhaft erscheinen. Johnson bekommt aber rechtzeitig die Kurve und so macht dieser Aspekt den Film tatsächlich noch eine Nummer interessanter: Man hätte diesen zusätzlichen Konflikt auch einfach ganz weglassen können, ohne dass ACCIDENT MAN Schaden genommen hätte, stattdessen baute man einen Störfaktor ein, der ja auch daran erinnert, dass wir uns in einem durch und durch streitbaren Milieu befinden, in dem Fortschrittlichkeit und Toleranz nicht die ausgeprägtesten Stärken sind. Auch hier erscheint mir der Film ehrlicher als DEADPOOL mit seinen Arschfick- und Pimmelwitzen.

 

 

Kommentare
  1. Nils sagt:

    „Als hätten sich Michael Winner, Guy Ritchie, Isaac Florentine und Taika Waititi zusammengetan, die Verfilmung eines britischen Comics abzuliefern, den zu zeichnen sich noch niemand getraut hat.“ – Die Regiecombo war es nicht, aber den Comic hat sich jemand getraut zu zeichnen. Es ist ein eher unbekannter britischer Comic von Pat Mills und Tony Skinner, den Adkins aber unbedingt verfilmen wollte, weshalb er auch das Drehbuch schrieb.

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