the debt collector (jesse v. johnson, usa 2018)

Veröffentlicht: April 22, 2019 in Film
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Der Brite French (Scott Adkins) betreibt ein erfolgloses Dojo in Los Angeles und wird von argen Geldsorgen geplagt. Sein Freund Alex (Michael Paré) stellt für ihn den Kontakt zu Tommy (Vladimir Kulich) her, einem Kredithai, der immer auf der Suche nach zuverlässigen Schuldeneintreibern ist. French wird dem Säufer Sue (Costas Mandylor) zugewiesen, der den Job schon seit vielen Jahren ausübt. Gemeinsam gehen die beiden auf Tour. Einer der Männer, den sie auf Geheiß des Gangsters Barbosa (Tony Todd) verprügeln sollen, entpuppt sich als unschuldiger Pechvogel und Vater eines kleinen Mädchens …

THE DEBT COLLECTOR ist eine echte Überraschung: Jesse V. Johnson, sonst eher Spezialist für kleine DTV-Actioner, die für den kleinen Appetit auf Gewalt und ohne Anspruch auf Nachhaltigkeit gefertigt werden, legt mit diesem Crimedrama ein kleines Masterpiece im Stile des Indiekinos der Neunzigerjahre vor. Tatsächlich erinnert der Film inhaltlich und stilistisch etwas an die Legionen von Profiteuren des Tarantino-Booms, die ab Mitte der Neunzigerjahre aus dem Boden schossen und die geneigten Zuschauer mit coolen Killern und Crimelords konfrontierten, die sich wahlweise mit Kugeln oder zitatreichen Dialogen duellierten. Wer jetzt das Gesicht verzieht, dem sei gesagt, dass Johnson die extremen Auswüchse des damaligen Trends glücklicherweise vermeidet und seine Geschichte auch nicht in einer Welt ansiedelt, die ausschließlich aus popkulturellen Verweisen konstruiert wurde. THE DEBT COLLECTOR handelt – sofern man das von einem Genrefilm sagen kann, in dem krachende Fights eines der wichtigsten erzählerischen Mittel sind – durchaus von Menschen und ihren Sorgen und Nöten und er ist nicht bloß stilistische Fingerübung.

THE DEBT COLLETOR weicht seinen beiden Hauptfiguren kaum von der Seite und begleitet sie über weite Strecken als stummer Mitfahrer im Auto bei ihren Touren von Klient zu Klient. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn man die Schauspieler an Bord hat, die das Unternehmen tragen. Hier ist es vor allem Costas Mandylor, der eine Leistung für die Ewigkeit bietet: Den in die Jahre gekommenen, abgerissenen Profi, der längst nicht mehr fragt, wem er da die Fresse polieren soll, gibt er mit großer Überzeugungskraft und einer Spielfreude, die sich in kleinen Details entbirgt, die einen Charakter erst authentisch machen. Es macht einfach Spaß, ihn zu beobachten, ihm zuzuhören und seine Manierismen zu studieren. Selbst die klischierte Geschichte von der an Krebs verstorbenen Tochter und der daraufhin gescheiterten Ehe bekommt dank seines Spiels Gewicht. THE DEBT COLLECTOR lebt dann auch zuerst von der Chemie zwischen seinen beiden Hauptakteuren: Adkins kann Mandylor zwar nicht das Wasser reichen, aber er muss das auch nicht, weil er eher die Rolle des „straight man“ übernimmt und in dieser Funktion genau weiß, wann er sich zurücknehmen und dem Partner den Raum überlassen muss. Den Verlauf der Partnerschaft der beiden kennt man aus unzähligen Buddy Movies, aber wenn sich die beiden ungleichen Charaktere hier im Verlauf der nur zwei Tage, an denen der Film spielt, annähern, wirkt das glaubwürdig, weil die beiden ihre Drehbuchskizzen mit Leben erfüllen. Mindestens genauso wichtig ist der Schauplatz: THE DEBT COLLECTOR ist auch ein L.A.-Film und der Erfolg eines solchen steht und fällt natürlich mit den Schauplätzen. Auch hier liefert Johnson, kann auf ein brillantes Location Scouting und tolle Originalschauplätze zurückgreifen. Kameramann Jonathan Hall taucht alles in das ein magisches Licht, das die sommerliche Hitze Kaliforniens ebenso evoziert wie es als Vorbote jener gravierenden Entscheidung wirkt, die die Protagonisten am Ende zu treffen haben.

Wie gesagt: THE DEBT COLLECTOR ist eine tolle Überraschung, ein Actionfilm mit Herz, Geist und Witz, der das oft berechtigte Vorurteil, dass DTV-Actioner ästhetisch eher uninteressant sind, eindrucksvoll widerlegt. Aber die Schublade des Actionfilms ist für Johnsons Werk eigentlich eh zu klein, auch wenn hier überdurchschnittlich oft Maulschellen verteilt werden und die Bloodsquibs platzen. Sein Film hat es verdient, breitere Anerkennung zu erhalten.

Kommentare
  1. Dominik Graf sagt:

    Hallo Oliver, bin Deinem Tip gefolgt.
    Fabelhafte Unterhaltung, das Herz lacht mit bei den kracherten Prügeleien, vieles überraschend und fantasievoll inszeniert.
    Bis auf den etwas stereotyp wirkenden Anfang im Karate-Studio -obwohl auch da die Prügelszene stark ist- hebt der Film einige Male sogar richtig ab, finde ich. Louis Mandylor war mir bislang überhaupt kein Begriff und was der manchmal an Tiefe hinkriegt ist für diesen Fim gerade richtig.
    Herrlich einfach vor sich hin erzählend, anfangs wie eine tolle Nummernrevue, lustig, liebenswert, dach tragisch. Daß es das noch gibt…laufen solche Filmnur auf VOD-Basis? Ganz billig ist der ja auch nicht, obwohl er starke B/C-Film-Qualitäten hat.
    Danke für den Tip Dominik

    • Oliver sagt:

      Hallo Dominik, freut mich, dass dir der Film gefallen hat. Wie du anscheinend auch liebe ich diese Art von Filmen, die einfach so dahinfließen, in denen man einen oder mehrere Menschen begleitet und ihnen bei ihrem Smalltalk und der Verrichtung banaler Aufgaben beiwohnt. Der Film fängt außerdem dieses Gefühl gut ein, wie es ist, wenn man einen neuen Job anfängt. Der Schauspieler heißt Costas Mandylor und seine Karriere begann in den frühen Neunzigern. Er spielte in MOBSTERS mit, das war so ein Versuch eines Gangsterfilms mit jungen, attraktiven Darstellern, die sicherlich als Reaktion auf den Erfolg von YOUNG GUNS entstand. Er spielte dann oft in Genrefilmen mit, die in Deutschland nur selten ins Kino gelangten, etwa der Live-Action-Verfilmung des Martial-Arts-Splatter-Animes FIST OF THE NORTH STAR. In der SAW-Reihe hatte er außerdem eine wiederkehrende Rolle, aber sogst wie in THE DEBT COLLECTOR habe ich ihn noch nie gesehen.

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