Archiv für April, 2019

Der Brite French (Scott Adkins) betreibt ein erfolgloses Dojo in Los Angeles und wird von argen Geldsorgen geplagt. Sein Freund Alex (Michael Paré) stellt für ihn den Kontakt zu Tommy (Vladimir Kulich) her, einem Kredithai, der immer auf der Suche nach zuverlässigen Schuldeneintreibern ist. French wird dem Säufer Sue (Costas Mandylor) zugewiesen, der den Job schon seit vielen Jahren ausübt. Gemeinsam gehen die beiden auf Tour. Einer der Männer, den sie auf Geheiß des Gangsters Barbosa (Tony Todd) verprügeln sollen, entpuppt sich als unschuldiger Pechvogel und Vater eines kleinen Mädchens …

THE DEBT COLLECTOR ist eine echte Überraschung: Jesse V. Johnson, sonst eher Spezialist für kleine DTV-Actioner, die für den kleinen Appetit auf Gewalt und ohne Anspruch auf Nachhaltigkeit gefertigt werden, legt mit diesem Crimedrama ein kleines Masterpiece im Stile des Indiekinos der Neunzigerjahre vor. Tatsächlich erinnert der Film inhaltlich und stilistisch etwas an die Legionen von Profiteuren des Tarantino-Booms, die ab Mitte der Neunzigerjahre aus dem Boden schossen und die geneigten Zuschauer mit coolen Killern und Crimelords konfrontierten, die sich wahlweise mit Kugeln oder zitatreichen Dialogen duellierten. Wer jetzt das Gesicht verzieht, dem sei gesagt, dass Johnson die extremen Auswüchse des damaligen Trends glücklicherweise vermeidet und seine Geschichte auch nicht in einer Welt ansiedelt, die ausschließlich aus popkulturellen Verweisen konstruiert wurde. THE DEBT COLLECTOR handelt – sofern man das von einem Genrefilm sagen kann, in dem krachende Fights eines der wichtigsten erzählerischen Mittel sind – durchaus von Menschen und ihren Sorgen und Nöten und er ist nicht bloß stilistische Fingerübung.

THE DEBT COLLETOR weicht seinen beiden Hauptfiguren kaum von der Seite und begleitet sie über weite Strecken als stummer Mitfahrer im Auto bei ihren Touren von Klient zu Klient. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn man die Schauspieler an Bord hat, die das Unternehmen tragen. Hier ist es vor allem Costas Mandylor, der eine Leistung für die Ewigkeit bietet: Den in die Jahre gekommenen, abgerissenen Profi, der längst nicht mehr fragt, wem er da die Fresse polieren soll, gibt er mit großer Überzeugungskraft und einer Spielfreude, die sich in kleinen Details entbirgt, die einen Charakter erst authentisch machen. Es macht einfach Spaß, ihn zu beobachten, ihm zuzuhören und seine Manierismen zu studieren. Selbst die klischierte Geschichte von der an Krebs verstorbenen Tochter und der daraufhin gescheiterten Ehe bekommt dank seines Spiels Gewicht. THE DEBT COLLECTOR lebt dann auch zuerst von der Chemie zwischen seinen beiden Hauptakteuren: Adkins kann Mandylor zwar nicht das Wasser reichen, aber er muss das auch nicht, weil er eher die Rolle des „straight man“ übernimmt und in dieser Funktion genau weiß, wann er sich zurücknehmen und dem Partner den Raum überlassen muss. Den Verlauf der Partnerschaft der beiden kennt man aus unzähligen Buddy Movies, aber wenn sich die beiden ungleichen Charaktere hier im Verlauf der nur zwei Tage, an denen der Film spielt, annähern, wirkt das glaubwürdig, weil die beiden ihre Drehbuchskizzen mit Leben erfüllen. Mindestens genauso wichtig ist der Schauplatz: THE DEBT COLLECTOR ist auch ein L.A.-Film und der Erfolg eines solchen steht und fällt natürlich mit den Schauplätzen. Auch hier liefert Johnson, kann auf ein brillantes Location Scouting und tolle Originalschauplätze zurückgreifen. Kameramann Jonathan Hall taucht alles in das ein magisches Licht, das die sommerliche Hitze Kaliforniens ebenso evoziert wie es als Vorbote jener gravierenden Entscheidung wirkt, die die Protagonisten am Ende zu treffen haben.

Wie gesagt: THE DEBT COLLECTOR ist eine tolle Überraschung, ein Actionfilm mit Herz, Geist und Witz, der das oft berechtigte Vorurteil, dass DTV-Actioner ästhetisch eher uninteressant sind, eindrucksvoll widerlegt. Aber die Schublade des Actionfilms ist für Johnsons Werk eigentlich eh zu klein, auch wenn hier überdurchschnittlich oft Maulschellen verteilt werden und die Bloodsquibs platzen. Sein Film hat es verdient, breitere Anerkennung zu erhalten.

SAVAGE DOG bildet den Auftakt zu einer kleinen Scott-Adkins-Reihe, die gleichzeitig auch eine Jesse-V.-Johnson-Reihe ist. Der britische Regisseur, Stuntman und Stunt Coordinator (u. a. TOTAL RECALL, MARS ATTACKS! und  THE AMAZING SPIDER-MAN) drehte seine ersten Filme bereits in den Neunzigern und legte danach in regelmäßigen Abständen nach, aber seit 2017 darf man einen beachtlichen Produktivitätsanstieg verzeichnen: In den fünf Filmen, die er seitdem inszenierte, wirkte Adkins vier Mal mit (der etwas stullig betitelte AVENGEMENT steht bereits in den Startlöchern und ist ebenfalls mit dem englischen Actionstar besetzt). Der erste Titel der Reihe ist SAVAGE DOG und es handelt sich um einen jener DTV-Actioner, die gleichermaßen aufwändig produziert wie konzeptionell unterentwickelt wirken. Er lässt das Potenzial Johnsons zweifelsfrei erkennen, zeichnet sich durch sauber choreografierte und inszenierte Fights und Shootouts aus, verblüfft darüber hinaus mit wenig zurückhaltender Gewaltdarstellung, fliegt aber auch ein bisschen wirkungslos am Betrachter vorbei.

Der Film erzählt von dem nordirischen Soldaten Martin Tillman (Scott Adkins), den es in die Wirren des Indochina-Konflikts verschlagen hat, wo er sich zur Belustigung des Ex-Nazis Steiner (Vladimir Kulich) in brutalen Faustkämpfen behauptet. Als er sich seine Freilassung erkämpft, findet er Unterschlupf in der Dschungelkneipe des Amerikaners Valentine (Keith David), der auch als Voice-over-Erzähler fungiert. Tillman verliebt sich in die schöne Bardame Isabelle (Juju Chan). Doch die alte Bekanntschaft zu Steiner und seinem Killer Rastignac (Marko Zaror) holt ihn ein und am Ende zieht Tillman in die Schlacht, um den Tod seines Freundes und seiner Geliebten zu rächen …

Die Story ist direkt dem „Kleinen Handbuch des Actionfilms“ entnommen und wurde von Johnson ohne großes Schnickschnack oder erzählerische Ambition umgesetzt. Das gewährleistet in Verbindung mit der erwähnten handwerklichen Präzision, dass SAVAGE DOG gut reinläuft und actiongeladene Kurzweil ohne Längen bietet, verhindert aber auch, dass hier irgendetwas echte Spuren hinterlassen würde. Dass die letzten Worte des Films das zuvor Gezeigte zu einer Art Origin Story und somit zum Auftakt für eine ganze Reihe von Abenteuern um Tillman aufblasen, ist angesichts der Beliebigkeit dieser Geschichte schon fast wieder rührend: Es ist schwer, dem Helden des Films irgendwelche unverwechselbaren Eigenschaften abseits seines Namens zuzuordnen, die dafür sorgten, dass man ihn in einem Sequel überhaupt wiedererkennen würde. Aber ich will nicht meckern: Die finale Aufräumaktion Tillmans macht ordentlich Feuer unter dem Arsch, die Effekte sind überwiegend handgemacht, das schmutzigbraune Blut sprudelt literweise und die Abrechnung, die sich Tillman für den fiesen Rastignac ausgedacht hat, lässt auch den abgezocktesten Betrachter schlucken. Die Tötungsszene ist so over the top, dass man meinen könnte, Johnson habe sich damit ein Bisschen für die Beliebigkeit des Vorangegangenen entschuldigen wollen. SAVAGE DOG ist außerdem ein Vertreter jenes kleinen, exklusiven Kreises von Filmen , in denen der Erzähler den Film auch nach seinem Ableben noch weiter begleiten darf (siehe etwa MENACE II SOCIETY). Bei aller Kritik: SAVAGE DOG macht durchaus Laune, aber am besten schaut man ihn, wenn man was richtig Gutes zum Nachlegen hat.

Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks gleichnamigem Roman, einer fiktionalisierten Aufarbeitung der Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, eines Säufers, der in den Siebzigerjahren mehrere Frauen in seine Wohnung lockte, dort vergewaltigte, umbrachte und verstümmelte, war bei der Berlinale für viele Zuschauer zu viel. Tatsächlich ist der Film schwer zu schlucken – und stellt selbst den „geübten“ Horrorfilm-Seher vor eine harte Probe. DER GOLDENE HANDSCHUH führt den Betrachter in eine Welt, die man in der Regel nur vom schnellen Vorbeigehen und verschämten Wegschauen kennt: Es ist die Welt der graugrünbraunen, ohrenschmalzgelben, tabakrauchverhangenen und fuselgeschwängerten Siebziger, der schäbigen Absteigen, in denen verlorene Alkoholikerseelen in einem ewigen Limbo zwischen Tag und Nacht dumpf über Bier und Korn am Tresen brüten und theatralischer Schlagerschmalz mit überzeichneten Bildern exotischer Länder und zentnerschwerer Sehnsucht wie ein Blitz in die undurchdringliche Tristesse fährt. Hier, zwischen Altnazis, Suffköppen, Malochern sowie alten und aufgedunsenen Gelegenheitsprostituierten, ist der entstellte und mittellose Honka nicht nur „normal“, er findet auch einen unerschöpflichen Vorrat an Opfern: Für eine Pulle Fusel tun die Frauen alles, sind sogar bereit, über die krummgeschlagene Nase, die faulen Zähne und das Schielen Honkas hinwegzusehen. In seiner Dachgeschosswohnung, zwischen an die Wand geklebten Tittenbildern, abgegriffenen Plastikpuppen und einer vollgemüllten Küche, wird zu Adamos „Es geht eine Träne auf Reisen“ erst einmal eine Flasche Korn niedergemacht, dann schließlich, ohne jede Anwandlung von Zärtlichkeit, das alte Rein-Raus-Spiel zelebriert, bei dem Kochlöffel oder Knackwurst zum Einsatz kommen. Wer von den Frauen nicht spurt, wird von „Fiete“ beschimpft, brutal verdroschen oder gleich umgebracht, zersägt und hinter einer Wandverkleidung verstaut. Den Gestank von Fäulnis übertüncht der Mörder mit Duftbäumchen und großzügig verteiltem Raumspray.

DER GOLDENE HANDSCHUH schwankt beständig zwischen Milieustudie, bitterer Komödie, Tragödie und runterziehendem True Crime-Kino und schickt den Betrachter damit durch ein Wechselbad der Gefühle. Evozieren die Ausflüge in die titelgebende Kneipe mit ihren kaputten, sprücheklopfenden Stammgästen noch manchen Lacher, der dann sogleich wieder im Halse steckenbleibt („Ich könnte Fotzen fressen wie Kartoffelsalat“, gibt der Ex-Waffen-SS-Mann „Soldaten-Norbert“ (Dirk Böhling) einmal zum Besten), stellen die Mordszenen, in denen die Kamera von Rainer Klausmann den Zuschauer in eine unbeteiligte, distanzierte Beobachterrolle zwingt, einen harten Schlag in die Magengrube dar. Es ist dann auch eher die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen von Honka attackiert werden, die schockiert, als eine besonders grafische Ausmalung der Morde mithilfe von Effekten: Wenn DER GOLDENE HANDSCHUH auch mit garstigen Bildern nicht gerade zimperlich ist, hat er mit den äußersten Auswüchsen des Splatterkinos nichts zu tun. Oft wird das blutige Werk Honkas verdeckt, spielt sich abseits des sichtbaren Bereichs ab, aber was wie ein gnädiges Entgegenkommen wirkt, hat nur zur Folge, dass der Schrecken sich im Kopf einnistet.

Kritiker könnten Akin vorwerfen, so etwas wie „Elendspornografie“ zu betreiben: Der Film suhlt sich nicht ohne Lust in Darstellungen der Armut, des körperlichen und geistigen Verfalls und des Drecks. Die Darsteller und Darstellerinnen, allen voran jene von Honkas weiblichen Opfern, stellen das unter Beweis, was in Pressetexten gemeinhin als „Mut zur Hässlichkeit“ bezeichnet wird. Die Sprache ist derb, die Gewalttaten gleichen brutalen Ausbrüchen. Ein Kommentar bleibt aus, Fatih Akin begnügt sich damit, die Dinge zu zeigen, er verzichtet darauf, einen Charakter zu installieren, der eine griffige, explizite Moral verkörpern würde – vielleicht wurden die beiden Jugendlichen Willi (Tristan Göbel) und Petra (Greta Sophie Schmidt), die aus der Peripherie der Geschichte in deren Zentrum rutschen, mit diesem Hintergedanken integriert, und sie fügen sich dann auch nicht wirklich nahtlos ins sonst so homogene Ganze ein, werden den Ruch des narrativen Kunstgriffs nicht ganz los. Es sind die kleineren, unauffälligeren Momente, die die Schauermär in einen größeren Kontext rücken und DER GOLDENE HANDSCHUH zu einem Film über die verlorenen Kinder des Zweiten Weltkriegs machen. Der Suff, in dem sie sich ergehen, ist ihr Weg, den Schmerz zu vergessen, aber natürlich auch die Ursache eines neuen Leids. Zweimal werden Krieg bzw.Holocaust explizit erwähnt, einmal in einem Dialog, in dem Honkas Bruder Willi (Marc Hosemann) davon berichtet, dass der Vater wegen seiner Sympathien für die Kommunisten ins KZ wanderte, ein anderes mal als eine von „Fietes“ Eroberungen gesteht, dass sie von den Nazis zur Prostitution gezwungen wurde. Diese Offenbarungen bleiben ohne Folgen, sie werden einfach so in den Raum gestellt wie Aussagen über das Wetter oder das Mittagessen. Die Erfahrungen hindern die Protagonisten nicht daran, dennoch mit Soldaten-Norbert zu saufen: Es hat keine Verarbeitung stattgefunden, über das passiv-resignierte Ertränken der Erinnerungen im Alkohol sind die Betroffenen nicht hinausgekommen. Und dann ist da der allgegenwärtige, gesellschaftlich nicht nur tolerierte, sondern gewissermaßen normierte Sexismus: Frauen sind kaum mehr als Fickfleisch und die ärmsten von ihnen haben sich längst desillusioniert in diese Rolle gefügt, weil das Spreizen der Beine am Ende des Tages wenigstens den Schnaps bringt, der dabei hilft, die eigenen Sorgen zu vergessen. Wir wird etwa Helga Denningsen (Katja Studt) enden, die putzen geht, während ihr Mann sich von ihr aushalten lässt, weil er nichts mit sich anzufangen weiß? Es ist ganz gewiss kein Zufall, dass die Gewalt von Männern an Frauen verübt wird und nichts darauf hindeutet, dass sich daran etwas ändern könnte. Insofern ist DER GOLDENEN HANDSCHUH weitaus mehr als ein Period Piece. Er zeigt uns, wo wir herkommen und was immer noch in uns steckt.

So

 

Den Bahnhofskino-Podcast mit Patrick Lohmeier aufzunehmen, ist eine der größten Freuden meiner Bloggertätigkeit. Diesmal habe ich Patrick zwei Teeniekomödien aus den Achtzigerjahren vorgeschlagen bzw. aufgedrängt: Greydon Clarks jede nach unten offene Niveauskala sprengenden JOYSTICKS sowie MAKING THE GRADE, einen in Deutschland nur wenig bekannten Genrebeitrag der seligen Cannon mit dem wenig später zur Bratpack-Ikone aufgestiegenen Judd Nelson. Patrick war gerade von JOYSTICKS nicht ganz so überzeugt wie ich, aber dennoch habe ich nicht locker gelassen, ihn vom schmuddeligen Charme des Films zu überzeugen. Wer 90 Minuten Zeit und Lust hat, unsbeim Plaudern zuzuhören ist hiermit herzlich eingeladen. Hier geht’s zum Podcast: https://www.bahnhofskino.com/2019/04/vidioten-zoff-hoover-academy-podcast.html

Wie auch immer man nun über Serien denkt, ob man sie für die Neuerfindung oder Revolutionierung des narrativen Rades hält oder auch nur für netten Zeitvertreib: die populärsten Vertreter des Genres regen längst ebenso hitzige Debatten und thinkpieces an wie die großen Blockbuster. Für mich erstaunlich dabei, dass es eigentlich immer dieselben Titel sind, die da Erwähnung finden, zumindest in meiner Social-Media-Filterblase. Über JUSTIFIED, eine Serie, die es zwischen 2010 und 2015 auf sechs Staffeln brachte und dabei in den USA ebenso gute Kritiken wie Einschaltquoten erzielte, hat sich in meinem Dunstkreis bislang allerdings noch niemand geäußert, was ich angesichts der Qualität des Gebotenen (und der Tatsache, dass sie thematisch eigentlich genau auf der Linie meiner filmaffinen Facebook-Freundschaften liegt) erstaunlich finde. Vielleicht liegt es daran, dass Erfinder Graham Yost einen angenehm bodenständigen Ansatz wählt: Er nimmt nicht für sich in Anspruch, mit JUSTIFIED das Genre neu zu erfinden oder, wie man es heute formuliert, zu „dekonstruieren“, vielmehr liefert er auf der Basis des von Elmore Leonard erfundenen US Marshals Raylan Givens und der Kurzgeschichte „Fire in the Hole“ einen hardboiled Crime-Stoff, der durch sein interessantes rurales Setting, einprägsame, vielseitige und sympathische Charaktere, geschliffene, aber niemals selbstverliebte Dialoge, einen exzellenten Cast sowie eine ausgewogene Mischung aus Thrill, Action, Drama und Witz überzeugt. Wer sich also TV-Serien zuwendet, weil er das serielle Erzählen für „innovativer“ hält, für den ist JUSTIFIED vielleicht zu konservativ. Ich hingegen schaue die Serie gerade zum zweiten Mal und finde sie bei diesem Durchlauf sogar noch besser als zuvor: Grund genug, sie hier vorzustellen.

JUSTIFIED beginnt mit einer Szene, die den Titel erklärt und bereits den Protagonisten einführt: Der in Miami tätige, stets mit einem Stetson bekleidete US-Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) trifft auf der luxuriösen Dachterrasse eines Nobelhotels den schmierigen Drogengangster Tommy Bucks (Peter Greene), der dort gerade sein Essen einnimmt. Er habe ihm 24 Stunden Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen, erklärt Givens, und diese Frist laufe nun ab. Bucks könne der Aufforderung nun Folge tragen oder er müsse mit den tödlichen Konsequenzen leben. Bucks weigert sich natürlich, denn was kann Givens schon tun: Ihn hier vor allen Leuten erschießen? Givens lässt sich aber nicht beirren, zählt weiter die verbleibenden Sekunden herunter, bis es Bucks schließlich zu dumm wird: Er zieht die Waffe – und wird vom Gesetzeshüter eiskalt erschossen. Natürlich kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben: Givens wird von seinem Vorgesetzten strafversetzt, und zwar in seine einstige Heimat Kentucky, der er vor Jahren mit der Hoffnung den Rücken zukehrte, nie wieder zurückkehren zu müssen. Auch wenn Givens beharrlich darauf hinweist, dass Bucks zuerst gezogen habe und seine Reaktion damit „justified“ gewesen sei, muss er mit dem Ruf leben, den Schusswechsel in kühler Berechnung provoziert zu haben und ein unberechenbarer Cowboy zu sein, dessen alttestamentarische Rechtsvorstellung in der heutigen Welt keinen Platz mehr hat. Doch in Kentucky, wo der Southern Drawl breit ist, der Selbstgebrannte aus Einmachgläsern getrunken wird und Hillbillys Methlabore im Wald betreiben, ist Givens‘ Masche gar nicht so sehr aus der Welt gefallen: In seiner alten Heimat bekommt er es mit seinem ehemals besten Freund Boyd Crowder (Walton Goggins) zu tun, der sich mittlerweile als White Supremacist ausgibt, um so willige Nazis für Banküberfälle zu rekrutieren, mit seiner Ex-Frau Winona (Natalie Zea), seinem kriminellen und ungeliebten Vater Arlo (Raymond J. Barry) sowie seiner Highschool-Flamme Ava (Joelle Carter), die just ihren Gatten Bowman Crowder, den gewalttätigen Bruder Boyds, in die ewigen Jagdgründe befördert hat. Dazu wird der inhaftierte Anführer des Crowder-Clans Bo (M.C. Gainey) aus der Haft entlassen, um sein Backwood-Imperium zu alter Stärke zu führen und zu allem Überfluss hat auch das Drogenkartell aus Miami noch ein Hühnchen mit dem Gesetzeshüter zu rupfen …

In den 13 knapp einstündigen Episoden der ersten Staffel verbindet Schöpfer Yost bekannte Motive des Cop- bzw. Western- und Actionfilms auf sehr leichtfüßige, liebevolle und clevere Art und Weise. Das beginnt mit der Zeichnung von Protagonist Raylan Givens, der rein optisch mit seinem Stetson zwar als Cowboy und somit als Relikt aus einer vergangenen Zeit erscheint, dabei aber niemals zur grimmigen Law-and-Order-Karikatur verkommt. Er ist nicht der schießwütige Soziopath mit chronisch vibrierendem Abzugsfinger und brennendem Hass auf alle Gesetzesbrecher, sondern ein eigentlich ein ziemlich reflektierter und intelligenter Vertreter seiner Gattung. Was ihn von anderen unterscheidet, ist lediglich, dass er bereit ist, in Extremsituationen bis zum Äußersten zu gehen, wenn es gilt, Unschuldige, Kollegen oder sich selbst zu schützen, und alle anderen Wege verbaut sind. Der biografische Ballast, den er mit sich herumschleppt, allem voran die mit „dysfunktional“ noch freundlich umschriebene Beziehung zu seinem Vater, tut das Übrige: Man bekommt einen Einblick in das Seelenleben des Helden, erhält eine Ahnung davon, warum er so handelt, wie er es tut, aber die Drehbücher vermeiden das Fettnäpfchen, alle Entscheidungen Givens‘ mithilfe küchenpsychologischer Weisheiten totzuerklären. So klischiert die Figur des „am Rande der Legalität auf eigene Faust“ kämpfenden Cops auch ist, in JUSTIFIED wird sie in der Darstellung Olyphants zum differenzierten Charakter aus Fleisch und Blut – was man auf nahezu alle handelnden Personen ausweiten kann. Die genretypischen Konflikte mit dem Vorgesetzten Art Mullen (Nick Searcy) etwa wirken vor dem kleinstädtisch-provinziellen Hintergrund der Serie familiärer und persönlicher: Er schätzt seinen Angestellten als Mensch, verzweifelt zwar manchmal an dessen Grenzüberschreitungen, nicht zuletzt weil sie ihn gegenüber Vorgesetzten in Erklärungsnotstände bringen, kann aber aus seiner Sympathie keinen Hehl machen. Alle Figuren sind durch enge, oft Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückreichende Verbindungen miteinander verwoben, die sich nicht so einfach kappen lassen – auch dann nicht, wenn das Gesetz im Weg steht. Auch wenn JUSTIFIED also zuerst dem Genre der Crime Fiction zuzuordnen ist, könnte man die Serie ebenso gut als „Familiendrama“ bezeichnen: Das verschlafene Hillbilly-Nest Harlan nimmt im Laufe der sechs Staffeln ähnlich komplexe Strukturen an wie das Baltimore von THE WIRE. Niemand steht seinem Gegenüber dort unvorbelastet entgegen, jeder hat eine Geschichte mit dem anderen, die eine saubere Lösung nahezu unmöglich macht. Was JUSTIFIED meines Erachtens nach ebenfalls besser hinbekommt als andere Serien ist das Switchen zwischen Makro- und Mikroerzählung: In der ersten Staffel werden im Wesentlichen die Freundschaft/Feindschaft von Raylan Givens und Boyd Crowder sowie die Hassliebe zwischen dem Protagonisten und seinem Vater eingeführt, die wesentlich für die zukünftige Handlungsentwicklung sind. In zweiter Instanz geht es um die Rachepläne des Kartells und Bos Ansinnen, seine Geschäfte wieder aufzunehmen. Aber einzelne Episoden widmen sich auch kleineren Fällen, die dann innerhalb der Stundenfrist gelöst werden und für den Rest der Erzählung keine weitere Bedeutung haben. Dennoch wirken diese Nebenarme nie wie zwischengeschoben (wie das m. E. bei HANNIBAL der Fall ist) oder wie pflichtschuldiges Abwickeln von Aufbauarbeit: Alles fügt sich schlüssig zusammen und strickt mit am großen Gesamtbild.

Der 2013 verstorbene Elmore Leonard gilt zusammen mit Hardboiled-Ikonen wie Mickey Spillane, Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder dem immer noch fleißigen James Ellroy als einer der großen Autoren des Genres und der amerikanischen Gegenwartsliteratur überhaupt, und seine Bücher und Short Stories werden bereits seit den Sechzigerjahren regelmäßig verfilmt (u. a. HOMBRE, THE BIG BOUNCE, THE MOONSHINE WAR, MR. MAJESTYK, THE AMBASSADOR, STICK, 52 PICK-UP, GET SHORTY, JACKIE BROWN oder OUT OF SIGHT). Kritiker heben besonders seine authentische Sprache, allen voran die von der Straße aufgeschnappten Dialoge hervor: Leonards Helden sind keine einsilbigen, wortkargen Typen, die markige One-Liner absondern, sondern meist mit einem eloquenten mouth piece und einem feinen Sinn für Humor ausgestattet. Es sind harte Typen und Einzelgänger, oft mit kriminellem oder militärischem Background, aber keine Soziopathen, die ihre Depressionen in Whisky ersäufen und sich in Zynismus und Menschenhass ergehen. Der Ton der Bücher ist daher auch – durchaus ungewöhnlich für das Genre – beschwingt und locker, Gewalt wird nicht geschönt, aber sie gehört eben zum Leben seiner Figuren und zu dem Milieu, in dem sie sich bewegen, dazu. JUSTIFIED fängt diesen Ton sehr gut ein und vermeidet das Fettnäpfchen, die Geschehnisse „tarantinoesk“ zu überzeichnen oder zu glorifizieren. Ja, Raylan Givens ist eine coole Socke, aber er wirkt nie wie die der Posterboy eines propagierten Lifestyles unangepasster, ungebeugter Männlichkeit. Er ist einfach wie er ist: Manchmal erscheint er als strahlender Ritter, dann wieder stehen ihm die eigenen Prinzipien meterhoch im Weg. Wenn ich einen Kritikpunkt habe, dann ist es Walton Goggins. Sein Boyd ist eine der schillerndsten und komplexesten Schurkenfigur der letzten Jahre und gibt anhaltende Rätsel auf, aber ich nehme sie Goggins nicht ganz ab. Wahrscheinlich liegt das aber auch nur daran, dass Goggins als Detective Shane Vendrell in THE SHIELD so unfassbar brillant war, dass ich ihn in einer anderen Rolle kaum noch akzeptieren kann.