the premature burial (roger corman, usa 1962)

Veröffentlicht: Mai 6, 2019 in Film
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THE PREMATURE BURIAL, die Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, ist der dritte Eintrag in Cormans Poe-Zyklus nach HOUSE OF USHER und THE PIT AND THE PENDULUM, mit denen der zuvor auf schnell und billig im Doppelpack heruntergekurbelte Exploiter spezialisierte Regisseur einen großen Schritt Richtung Respektabilität gemacht und angedeutet hatte, was in Zukunft noch von ihm zu erwarten sein sollte. Die Entstehungsgeschichte von THE PREMATURE BURIAL ist trotzdem einigermaßen kurios: Eigentlich wollte Corman den Film nicht mehr mit Arkoffs AIP machen, seiner angestammten Produktionsfirma, und er kontaktierte die Franzosen von Pathé, die bislang die Entwicklung seiner Filme übernommen hatten. Sie schlugen ein, was auch der Grund ist, warum hier nicht Vincent Price vor der Kamera steht: Der hatte nämlich einen Exklusivvertrag mit Arkoff. Doch just in dem Moment, als die Dreharbeiten begannen, wurde Corman von der Nachricht überrascht, dass die AIP den Franzosen den Film abgekauft hatte und somit alles beim Alten blieb – mit Ausnahme der Besetzung der Hauptrolle eben. Wobei Ray Milland die perfekte Wahl für den von der Angst, lebendig begraben zu werden, besessenen Guy Carrell darstellt: Dass er sich auf die Darstellung solcher getriebenen, am Rande des Zusammenbruchs stehenden Figuren verstand, hatte er nicht zuletzt in Billy Wilders THE LOST WEEKEND bewiesen – wahrscheinlich seine berühmteste Rolle und beste Leistung. Die Vorlage Poes – eine reine Ich-Erzählung – erweiterte Corman zusammen mit seinen Drehbuchautoren Charles Beaumont und Ray Russell zwar um einige Aspekte, zu denen auch die etwas unbefriedigende, ganz auf bekannte Genrekonventionen und Plotmechanismen beruhende Auflösung gehört (dazu später mehr), blieb dabei aber dennoch enger am Original als das etwa bei der Adaption von THE RAVEN oder THE MASQUE OF THE RED DEATH (notgedrungen) der Fall war.

Zur Geschichte: Alle Vorfahren des aristokratischen Guy Carrell waren auf unnatürliche Art und Weise verstorben: Zuletzt sein Vater, der – davon ist der Sohn jedenfalls überzeugt – aufgrund seiner Katalepsie bei lebendigem Leibe in der Familiengruft beigesetzt wurde und dort jämmerlich erstickte. Die Anwesenheit bei einer Exhumierung, die den Blick auf eine Leiche freigibt, die offensichtlich das gleiche Schicksal wie den Vater ereilt hatte, weckt die verdrängte Erinnerung und löst bei Guy eine panische Angst aus, die auch die fürsorgliche Emily (Hazel Court), die er schnell ehelicht, nicht besänftigen kann. Die Furcht nimmt Guy immer mehr gefangen, beschäftigt ihn Tag und Nacht und kulminiert in der Konstruktion eines Mausoleums, das mit etlichen Vorsichtsmaßnahmen Sicherheit für den hypothetischen Ernstfall gewährleisten soll. Es ist bereits eingetroffen, was Emilys Gatte befürchtet: Die Angst hält ihn gefangen wie ein Sarg und statt sein Leben zu führen, beschäftigt er sich ausschließlich mit seinem Tod. Die Zerstörung der Gruft scheint seine Phobie schließlich zerschlagen zu haben, doch dann erleidet er einen Rückfall und seine schlimmste Angst bewahrheitet sich …

Cormans Poe-Verfilmungen fallen für den heutigen Betrachter wahrscheinlich am ehesten unter den Begriff „Gruselfilm“, mit dem wir etwa auch die Werke der britischen Hammer Studios versehen. Wie diese leben auch die Corman-Poes nicht zuletzt von ihrem Dekor, den deutlich als solche erkennbaren, trockeneisnebelumwaberten Studiosettings, dem eher langsamen und gemächlichen Erzähltempo und dem Verzicht auf allzu vordergründige Effekte zugunsten der sanften Suggestion (wobei die Hammers bei der damaligen Kritik ja vor allem wegen ihrer damals ungewohnt zeigefreudigen Gewaltdarstellung verpönt waren). Doch Corman war mitnichten ein Traditionalist, sondern im Gegenteil ein junger Wilder, ein Rebell im Filmgeschäft, und die respektable literarische Vorlage diente ihm auch als eine Art trojanisches Pferd, mit dem er seine subversiven Ideen ins feindliche Lager schmuggeln konnte. Am deutlichsten zeigt sich das gewiss in einer langen Albtraumsequenz, in der sich jede einzelne der von Carrell für seine Gruft erdachten Sicherheitsvorkehrungen als fehlerhaft und damit nutzlos erweist. Die ganze Sequenz mutet mit dem bunten Schleier, der sich über sie legt, wie ein psychedelischer Rausch an und darf somit als Vorbote für Cormans spätere Gegenkultur- und Drogenfilme THE WILD ANGELS, THE TRIP oder GAS-S-S-S verstanden werden. Aber auch auf inhaltlicher Ebene kann man THE PREMATURE BURIAL als Allegorie auf den in den frühen Sechzigerjahren kurz vor der Eruption stehenden Generationenkonflikt lesen, der lediglich durch die Besetzung mit dem damals bereits über 50-jährigen Milland getrübt wird, der nun beim besten Willen nicht mehr als Jugendlicher durchgeht. Dennoch ist THE PREMATURE BURIAL von Bildern durchzogen, die den schädigenden Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart darstellen: Das Anwesen, das Carrell bewohnt, ist selbst ein Grabmal, umgeben von einer Sumpflandschaft, toten, knorrigen Bäumen und einem Friedhof. Im Inneren des alten Gemäuers ist es unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen, überall wird man mit dem Geist der Vorfahren konfrontiert, der durch die Grüfte im Keller spukt und empfindliche Seelen wie Carrell keinen Frieden finden lässt. Traute Zweisamkeit und Intimität gibt es für das Ehepaar nie: Immer sind irgendwelche Verwandte oder Freunde des Hauses anwesend, wartet irgendeine auf alter Verbundenheit basierende Verpflichtung – oder es ist eben Carrells Phobie, die der Liebe einen Strich durch die Rechnung macht. Aber auch die gründet sich ja auf Erlebnissen aus der Vergangenheit. Und dann ist das Carrell selbst, ein vom Tod Besessener, der am Ende zum augenrollenden Mörder wird. Wie schon erwähnt, wirkt das Ende von THE PREMATURE BURIAL gerade vor diesem Hintergrund wie behelfsmäßig angeklebt und ich bin mir fast sicher, dass sich Corman kein Stück dafür interessierte, wer denn da am Ende der bzw. die Böse ist. Seine Inszenierung lässt eigentlich keinen Zweifel an den Hintergründen von Carrells Besessenheit und die menschlichen Motive, die die Autoren in letzter Sekunde aus dem Ärmel zaubern, fügen der Geschichte nichts außerhalb einer höchst oberflächlichen, der Zuschauererwartung entsprechenden Lösung der Schuldfrage hinzu, die sorgfältig ins Gesamtwerk zu integrieren, Corman sich gar nicht erst die Mühe gibt.

Im Gedächtnis bleiben stattdessen andere Dinge: die schon erwähnten Bilder einer ans Groteske grenzenden, unwirklichen Außenwelt, deren Trostlosigkeit aber keiner der Protagonisten überhaupt zu bemerken scheint (weil es eben eine veräußerte Innenwelt ist), Millands unangenehme Verkrampftheit und Steife, die die Ehe zur schönen Emily von Anfang an als Farce erscheinen lässt, schließlich der Wahnsinn, der sich in seinem Blick entbirgt, als er seine Gruft mit ihren Geheimtüren, Strickleitern und sonstigen Auswegen vorführt. Spätestens hier wird ganz klar, dass die panische Angst vor dem Lebendig-Begraben-Werden und die Faszination für den Tod eng beisammen liegen, wenn nicht gar identisch sind. Carrells Todessehnsucht mag vordergründig nur die bizarre Marotte eines einsamen Spinners sein: Aber in den Sechzigerjahren, in denen eine ganze Generation von Amerikanern auf Geheiß der Altvorderen in den Tod gehetzt wurde, kam sie den Zuschauern des Film wahrscheinlich sehr bekannt vor. Mit Stahlhelm, Maschinengewehr, Kampfmesser und Handgranate wurden sie nach Vietnam geschickt: Und wenn alle diese Waffen nicht mehr halfen, gab es die Zyankalikapsel. Ganz wie in Carrells Gruft.

 

Kommentare
  1. Martin Däniken sagt:

    War einer der Filme,die ich immer bei meinen Grosseltern heimlich geguckt habe…
    in der ZDF-Reihe „Der phantastische Film“.

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