oddballs (miklós lente, canada 1984)

Veröffentlicht: Juni 17, 2019 in Film
Schlagwörter:, , , ,

ODDBALLS, eine kanadische Low-Budget-Produktion, gehört zu den Komödien, in denen der damals große Einfluss der Filme von Zucker-Abrahams-Zucker sichtbar wird: Hier werden die Gags im Sekundentakt an die Wand geschmissen, in der Hoffnung, dass irgendwas davon schon kleben bleiben wird und mit der Gewissheit, dass die Trefferzahl bei 1.000 Versuchen höher ist als bei 100. Die Erfolgsquote ist eher bescheiden, aber das spielt eigentlich gar keine Rolle: Schon der Enthusiasmus, mit dem die Beteiligten wirklich jede sich bietende Gelegenheit nutzen und sich dabei auch für die hohlste Zote nicht zu schade sind, ist bewundernswert. Und irgendwann kann man als Betrachter eh nicht mehr zwischen gut und misslungen unterscheiden: Der Film schafft sich seinen eigenen Kosmos, in dem außerhalb davon geltende Maßstäbe hinfällig sind. Der Wahnsinn bemächtigt sich der Unternehmung und verschlingt alles.

ODDBALLS beginnt mit einer im Jahr 1984 wahrscheinlich unvermeidlichen INDIANA JONES-Persiflage: Auf der Flucht vor der rollenden Kugel stürzt der Archäologe aus dem Busch mitten auf eine Straße – und vor den Bus, der die jugendliche Protagonistenschar zum Handlungsort des Filmes bringt. Mit dem ersten von unzähligen albernen Soundeffekten klatscht der Abenteurer gegen die Winschutzscheibe, von der ihn der Busfahrer – der sich ein paar Szenen später als Blinder entpuppt – mithilfe des Scheibenwischers entfernt. Bis die Kiddies im mitleiderregenden Camp Bottomout angekommen sind, wird außerdem ein mit seinem Pappraumschiff notgelandeter Marsmensch passiert, der im weiteren Verlauf für zeitgenössische E.T.-Gags herhalten muss. Die Filmreferenzen – später werden in kurzer Folge erst die Hexe aus WIZARD OF OZ und Mary Poppins vom Himmel geballert – gehören zugegebenermaßen zu den kläglicheren Humorversuchen von ODDBALLS, aber auch sie stehen für die „Volle Kraft voraus!“-Strategie, der sich der Regisseur aufopferunngsvoll hingibt.

Camp Bottomout ist ein absolutes Dreckloch, das Gelände übersät mit Fahrzeugwracks, zwischen denen sich in den Totalen immer wieder Römer und Wikinger balgen, die Zimmer sehen nicht besser aus (in einem Bett liegt eine halbverweste Leiche) und die Trunkenheit des depressiven Eigentümers wird nur noch von seinem Kinderhass übertroffen. Zuständig für die „sozialen Unternehmungen“ ist ein verurteilter Kinderschänder, weil der nun einmal so preiswert zu haben war, Camp Counsellor Laylo Nardeen (Mike MacDonald) hingegen beglückt die Kinder mit seinen Aufreißtipps und Ausflügen in den lokalen Amüsierbetrieb namens „Meat Racket“. Einziger Lichtblick für die desillusionierten Kinder – die hier übrigens tatsächlich Kinder sind und keine Dreißigjährigen, die Teens spielen – sind das am anderen Ufer des Sees liegende Camp Bountiful, dessen Gäste allesamt gut gebaute Mädels sind, die den lieben langen Tag nichts anderes machen als Aerobic im Freien, die üppigen Brüste der Camp-Krankenschwester und das sonnige Gemüt von Bassetts Enkeltochter Jennifer (Konnie Krome). Der Konflikt, den es für die Jungs zu bewältigen gibt, ist die Auseinandersetzung mit Bountiful-Chef Skinner (Donnie Bowes), der das Bottomout-Grundstück kaufen will, um darauf eine Shopping Mall zu errichten und in der Verfolgung dieses Plans vor keiner Gaunerei zurückschreckt. Dass er ein echter Teufel ist, zeigen schon die Bilder über seinem Schreibtisch: der Crimson Ghost und Adolf Hitler.

Das eine Element von ODDBALLS, das ohne Wenn und Aber großartig ist, ist Bassett-Darsteller Brooks: Der Comedian machte sich einen Namen mit der Darstellung von „lovable drunks“ und nimmt man seine Darbietung hier zum Maßstab, führte er diese Kunst zur makellosen Perfektion. Bevor ich wusste, wer Brooks ist, hatte ich die Vermutung, dass der Darsteller des Bassett tatsächlich sternhagelvoll bei den Dreharbeiten war – dem Film wäre es zuzutrauen gewesen: Er imitiert die typischen Merkmale, den müden, wegdriftenden Blick, dieses Schlurfen der Sprache, mit solcher Brillanz, dass man kaum glauben mag, dass es nur gespielt ist. Und der Charakter eines angebrannten, alternden Kinderhassers, der dazu gezwungen ist, ein Feriencamp zu leiten, ist einfach nur komödiantisches Gold, ganz gleich ob Bassett nun von einem brav und stumm dreinblickenden Lausebengel Backsteine vor die Rübe gedonnert bekommt oder auf den Vorwurf der Enkelin, sie habe 18 leere Whiskey-Flaschen bei ihm entdeckt, entgegnet, er kaufe niemals leere Whiskey-Flaschen.

Bemerkenswert ist auch die Vielzahl der verschiedenen Humor-Spielarten, die der Film bedient: Ich erwähnte schon die Filmzitate, hinzu kommen typische Sight Gags – Skinners dämlicher Sohn trägt ein Poloshirt, an dessen Brust ein echter Babyalligator befestigt ist, hinter der Klotür mit der Aufschrift „Men“ verbergen sich eben Männer, bis ein cleveres Kerlchen das Schild mit dem Edding kurzerhand um die Buchstaben „Wo“ ergänzt -, Slapstickeinlagen und dusselige Puns (als Skinner dem begriffsstutzigen Filius den Begriff „to woo“ erklärt und das Wort dazu mehrfach wiederholt, treten auf einmal Indianeer ins Bild und fragen, warum man sie gerufen habe) sowie lupenreiner Metahumor: Als sich in Vorbereitung eines Flashbacks dieser bekannter Wabereffekt über das Bild legt, wundern sich die Charaktere über den komischen Nebel und einmal knallt der jugendliche Hauptdarsteller bei einem Zoom mit dem Kopf gegen die Kamera, sodass ein Sprung auf der Mattscheibe sichtbar wird. Einer der inspirierteren Gags dreht sich in Anlehnung an ANNIE HALL um plötzlich eingefügte Untertitel – „für die Kunstfans“ -, mit denen eine der Figuren beleidigt wird. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass David Wain, Schöpfer der ganz ähnlich gelagerten Kultkomödie WET HOT AMERICAN SUMMER, diese kleine kanadische Bizarrerie nicht unbekannt ist und sein Werk entscheidend mitbeeinflusste: In ihrer no holds barred-Strategie sind beide Filme Seelenverwandte – auch wenn Wains Komödie deutlich geschliffener daherkommt. Drehbuchautor Ed Naha fand hier das Sprungbrett für eine Karriere, in der er unter anderem die Scripts für TROLL, C.H.U.D., DOLLMAN und HONEY, I SHRUNK THE KIDS sowie dessen Fortsetzung verfasste. Ein liebenswerter kleiner Film, dessen Hingabe seine Defizite aber mehr als aufwiegt und objektiv „besseren“ Werken seine singulär-beknackte Haltung voraus hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.