morbid movies 4: forced entry (shaun costello, usa 1973)

Veröffentlicht: Juli 4, 2019 in Film
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Bei der Premiere unseres kleinen Festivals des menschenfeindlichen Films zeigten wir damals mit WATER POWER den „anderen“, zweiten großen Schock-Porno von Shaun Costello. Man kann sicherlich Argumente dafür finden, den Nachfolger von 1976 als den ekligeren von beiden zu beschreiben, denn ganz gewiss folgt er einer gewissen Überbietungslogik; diese macht ihn aber auch etwas, nunja, „goutierbarer“ (no pun intended) als diesen schonungslos pornografischen Beitrag zum Serienmörder- und Heimkehrerfilm. FORCED ENTRY eilt nicht zu Unrecht ein sehr spezieller Ruf voraus und während andere, durchaus ebenfalls streitbare Vertreter des Hardcore-Porns und Horrorfilms längst ihre HD-Veröffentlichung mit angeschlossener cineastischer Reevaluierung feiern durften, muss man bei diesem Werk nach wie vor mit einer lieblos-schmuddeligen DVD Vorlieb nehmen. Für manche ist FORCED ENTRY nicht mehr als eine abgeschmackte Fingerübung in Niedertracht, ein unüberstehbarer Härtetest für jeden Humanisten – selbst Hauptdarsteller Harry Reems distanzierte sich von dem Werk und warf damit die Frage auf, bei was für einem Film er denn da eigentlich glaubte mitgespielt zu haben. Für den, der Film ausschließlich mit „Spaß“ und „Zerstreuung“ assoziiert, ist dieses Ding definitiv nicht gemacht: Aber ich komme nicht umhin, die Thematisierung von Vietnamkrieg und Vergewaltigung in einem Porno für geradezu explosiv subversiv zu halten. Kann man sein Publikum noch härter ficken als Costello das tat?

Reems spielt einen namenlos bleibenden Tankwart, von dem wir aus verfremdeten Flashbacks lediglich wissen, dass er in Vietnam war und von dort einige psychische Probleme mitgebracht hat. Bei einem Spaziergang beobachtet er ein Paar beim Sex und das weckt etwas in ihm: In der Folge zieht er dreimal los, überfällt einsame Frauen, zwingt sie mit vorgehaltener Waffe dazu, ihn oral zu befriedigen, fickt sie und ermordet sie schließlich. Das wiederholt sich dreimal, beim letzten Mal drehen seine Opfer – zwei Hippiemädchen – den Spieß um. Der Vergewaltiger wird seinerseits umgebracht. Ende.

Zunächst einmal: Es ist seltsam, solche recht klassisch aufgebauten Pornos zu rezipieren. Aufgrund ihrer Nummerndramaturgie verschwimmen sie mir regelmäßig in der Erinnerung: Über weite Strecken bestehen sie ja aus – haha! – „Füllmaterial“, das sich nicht adäquat erinnern lässt. Die breit ausgewalzten Sexszenen sorgen schon bei der Sichtung dafür, dass die Gedanken auf Wanderschaft gehen, da wird nicht unbedingt „Information“ vermittelt – trotzdem ist die Länge dieser Szenen natürlich von integraler Bedeutung für die Wirkung, die ein Werk wie FORCED ENTRY ausübt. Aber wie schon bei WATER POWER sitze ich eine knappe Woche später nun da und tue mich schwer, das Sichtungserlebnis in Worte zu fassen, das, was den Film auszeichnet, für jemanden greifbar zu machen, der nicht dabei war. Klar, man kann hier mit bestimmten Schlüsselreizen operieren: Wie viele „normale“ Filme aus der Zeit und die großen New-York-Exploiter der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre ist FORCED ENTRY einmalig schmuddelig, dreckig, roh und abgeranzt. Er wirkt unmittelbar, beinahe wie Snuff, mit seinen grobkörnig-schwarzweißen Flashback-Einsprengseln wie ein im Kopierer komponiertes Punkrock- oder Underground-Fanzine. Er ist sehr einfach in seiner Struktur, bevor er dann mit einem raffinierten Zirkelschluss abschließt. Und dann ist da natürlich seine Kritik: Einem Publikum, das sich gemütlich einen abwedeln will, Sexszenen vorzuhalten, die man nur dann geil finden kann, wenn man entschieden einen an der Waffel hat, es mit (der eigenen?) Vietnam-Traumatisierung zu konfrontieren und die Frage zu stellen, ob der „Krieg“ wirklich nur auf der anderen Seite des Ozeans stattfindet oder nicht längst in den Straßen der USA tobt, ist schon ziemlich gewagt. Und schlägt man den Bogen zur gesamten filmischen Kultur des Jahrzehnts, so kann man kaum anders, als Shaun Costello für seinen Vorreiterstatus zu loben. TAXI DRIVER folgte ganze drei Jahre später und musste den Psychopathen zur Identifikationsfigur machen, um seine Kritik unterzubringen. Ich würde nicht sagen, dass FORCED ENTRY der bessere Film ist, aber er kommt ohne großes Federlesen, dafür mit viel Nachdruck zum Punkt. Er schreit dir seine Wut und Verachtung ins Gesicht, ohne sich groß darum zu kümmern, ob dir diese Art der Konversation gefällt, weil er davon überzeugt ist, einen Punkt zu haben. (Es hilft natürlich, dass er ihn wirklich hat.)

Gerade vor diesem Hintergrund ist es eigentlich völlig unverständlich, dass sich noch niemand bemüht hat, FORCED ENTRY aus den Niederungen der Grabbelkisten-Pornografie zu bergen und ihn in adäquatem Gewand neu aufzulegen. In Zeiten, in denen sich der Zorn der Kinogänger nur noch daran entzündet, dass ein Kritiker das 100-Prozent-Fresh-Rating des Lieblings-Superheldenfilms kaputtgemacht hat, oder erhitzt diskutiert wird, ob ein ehemals weißer/männlicher Filmcharakter im Remake farbig/weiblich sein darf, zeigt FORCED ENTRY eindrucksvoll, was wir aufgegeben haben: das Wissen, dass Filmschauen/-machen mal verdammt gefährlich und verdammt schmerzhaft war.

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