north dallas forty (ted kotcheff, usa 1979)

Veröffentlicht: Juli 26, 2019 in Film
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Die Siebzigerjahre waren ein merkwürdiges Jahrzehnt: Gesamtgesellschaftlich prägten die Demütigung in Vietnam und der Watergate-Skandal die Stimmung in den USA, sorgten für eine beachtliche Depression, die dann mit Drogen, Hedonismus, Yacht-Rock und Disco bekämpft wurde. Das zeigt sich auch an einer kleinen Reihe von Sportfilmen, die die nationalen Helden in ihren Football-, Baseball-, Basketball- oder Eishockeytrikots von ihrem Podest stießen. International am bekanntesten dürfte wahrscheinlich George Roy Hills wunderbarer SLAP SHOT sein (ein ewiger Lieblingsfilm): Er widmete sich den fragwürdigen Methoden, mit denen ein erfolgloses, zum Verkauf freigegebenes Eishockeyteam den eigenen Marktwert zu steigern suchte, und zeichnete die Sportler als Bande von ungebildeten Proleten, Säufern, Schlägern und Zynikern. Selbst ein „Kinderfilm“ wie THE BAD NEWS BEARS, den man wahrscheinlich als putzige Komödie abgespeichert hat, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als mindestens ambivalent: ein desillusionierter Säufer, der ein Kinder-Baseballteam betreut? Wenn man sich nicht einmal auf dem Sportplatz mehr sicher sein konnte, dass die amerikanischen Ideale Bestand hatten, woran konnte man sich dann überhaupt noch festhalten?

NORTH DALLAS FORTY, Kotcheffs Film über den Titelkampf einer texanischen Football-Mannschaft, beginnt mit dem Blick auf Wide Receiver Philipp Elliott (Nick Nolte), der morgens wie zerschlagen auf einem mit Nasenblut besudelten Kopfkissen aufwacht, sich mit schmerzenden Knochen stöhnend erhebt und die Schmerztabletten mit einem offenen Bier runterspült, bevor er von seinen wild mit einer Schrotflinte herumballernden Teamkollegen zur „Jagd“ auf Kühe abgeholt wird. Dieser Beginn setzt den Ton, der bis zum Ende ohne Brechungen durchgehalten wird. Philipp, mit Anfang/Mitte 30 bereits ein körperliches Wrack, wird von seinem ekligen Manager (G. D: Spradlin) aufs Abstellgleis geschoben, weil er angeblich nicht über genug „Teamgeist“ verfüge. Was immer er tut, es wird gegen ihn ausgelegt. Umgeben ist er von grunzenden Psychopathen wie Jo Bob (Bo Svenson) oder O.W. (John Matuszak), der Teambesitzer (Steve Forrest) ist ein schleimiger Menschenfänger, der stets seine anzugtragenden Vollstrecker vorschickt, um ungeliebte oder ausgediente Spieler rauszuschmeißen. Die Spieler werden mit miesen Manipulationen dazu gebracht, sich fitspritzen zu lassen, im gleichen Atemzug kann eine Dose Bier oder ein Joint den Rauswurf nach sich ziehen, wenn man eh schon auf der Abschussliste steht. Während die Sportler also Blut, Schweiß, Tränen und letztlich ihre Gesundheit geben, stehen hinter ihnen eiskalt kalkulierende Arschgeigen im Anzug, für die das alles nur ein Business mit austauschbaren Spielfiguren ist.

Es gibt Vieles an NORTH DALLAS FORTY, was ich mag: Die Besetzung mit Kerlen mit Stiernacken sowie Tabak- und Whiskey-gegerbten Stimmen. Die saxophonlastige, melancholisch-plüschige Musik von John Scott. Den schmerzhaften Humor, der allerdings ganz ohne Gags und Lacher auskommt. Die großartige Fotografie von Paul Lohmann. Diese ätzende, selbstzersetzende Resignation. Gleichzeitig schafft Kotcheff es aber leider nicht, das alles in eine Form zu gießen, in der es wirklich sinnhaft würde. NORTH DALLAS FORTY gefällt sich irgendwie in seinem Zynismus und seiner einseitigen Sicht der Dinge – Sportler sind vielleicht etwas „einfach“, aber eigentlich gute Kerle, die Besitzer sind hingegen profitgeile Kapitalisten ohne Empathie -, kulminiert in einer flammenden Rede, die Elliott vor dem Management hält und färbt die Entgleisungen seiner Teammitglieder als verzeihliche Marotten schön. Dazu kommen klischierte Elemente wie Elliotts Beziehung zur intelligenten Charlotte (Dayle Haddon), der er sein vor Jahren gekauftes, aber immer noch unbebautes Grundstück auf dem Land zeigt, un die ihn dazu überreden will, die Schuhe an den Nagel zu hängen – womit sie den obligatorischen Wutausbruch heraufbeschwört, denn Football ist natürlich sein Leben. Alles läuft exakt so ab, wie man das vorhergesehen hat, ohne Überraschungen und auch ohne echten Mehrwert. Die Kritik, die Kotcheff auf der Grundlage des autobiografischen Romans des Footballspielers Peter Gent übt, wirkt vorgeschoben: Sie ist letztlich ein Vorwand, um Verfall, Dekadenz und Tabubrüche publikumsträchtig auf die Leinwand bringen zu können. Dem Film fehlt sowohl die satirische Schärfe als auch ein gewisser Idealismus. Interessant ist NORTH DALLAS FORTY allerdings im Kontrast zum heutigen Business: Seine kettenrauchenden, saufenden und herumhurenden Sportler könnten das Pensum der hochgezüchteten Stars von heute gar nicht mehr absolvieren, ohne zusammenzubrechen. Ironischerweise steht hinter dieser Entwicklung aber weniger die „Moral“ als vielmehr die wirtschaftliche Risikominimierung. Insofern ist die kleine Welle bitterer Sportfilme, für die auch NORTH DALLAS FORTY steht, durchaus relevant. Die Beobachtungen, die ihre Macher damals – aus welchen Gründen auch immer – machten, waren geradezu prophetisch.

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Ich fand den bei letzter Betrachtung unglaublich gut und war wohl gerade sehr naiv-empfänglich, da ich den Film nie vorausahnen konnte. Deswegen, anders als bei dem von mir ebenfalls gefeierten (vielleicht sogar ein Lieblingsfilm) SCHLAPPSCHUSS, empfand ich die Kritik viel tiefgehender. Anders als bei Hill oder dem themenverwandten ZWEI AUSGEBUFFTE PROFIE, wurden die Sportler bei Kotcheff eben nicht als eigentlich gutmütige Kerle gezeigt, sondern als vom System korrumpierte, ja es schließlich sogar nutzende und im Falle von Seth verstehende Opportunisten. Bo Svenson und Maturszak werden die ganze Zeit wie psychopathische Vollpfosten gezeigt, deren Erfolg nur solange bestehen wird, wie sie einen Touchdown machen können, doch am Ende, recht nebenbei inszeniert, zeigt sich, dass die beiden schon lange auch Geschäftsmänner sind, ihren Marktwert kennen, Verträge abschließen, die sie auch nach dem Sport zu reichen Männern macht, wahrscheinlich sogar noch reicher und sie mitleidig auf Nolte blicken, der aus ihrer Sicht einfach nichts kapiert hat. Bei der „Hure Seth“ war ich dann echt geschockt und fand deshalb das Schlussbild eines der stimmigsten und eindrucksvollsten, welches ich je sah und einen Film so unglaublich vollendend beendend: Seth, „Hure“, Verräter, Doppel-Agent, Schleimer, Chef von allem und glaubend über den Dingen stehend – den er ist ja nicht so eine miese Anzug-Ratte, sondern einer vom Team, ein echter Kumpel und Vertrauensmann, aber gleichzeitig, weil er für die Bosse manipuliert, spioniert und eiskalt jeden ans Messer liefert, denn er ist ja keiner von diesen tumben, schwitzenden Sportdeppen, sondern natürlich auch ein Macher auf der Ebene des Managements – wirft Nolte den Ball zu, wie früher und Nolte, ich hatte den Eindruck, dass eigentlich ihm das Spiel trotz seines Zynismuses immer noch am wichtigsten erscheint und er damit ganz allein steht, muss um Seth zu zeigen, dass er nicht mehr mitspielt, durch eine unschöne Geste des „Stinkers“ oder Foulers, der das Spiel bewusst sabotiert, Kante zeigen: Er lässt den Ball abtropfen. Mir ist schon klar, dass es hier um Empfindungen geht, nicht dass Du annimmst, ich wolle Dich hier von irgendwas überzeugen, aber ich hatte das Bedürfnis Dir etwas über diese schönen Gefühle mitzuteilen, die mir Kotcheff als Regisseur noch mal ein gutes Stück näher gebracht haben.

  2. Oliver sagt:

    Auf so einer eher unreflektierten Ebene mochte ich den Film auch: die Figuren, die Nüchternheit, den Look, die Musik. Und er hat auch schöne Momente: Wie Nolte diesen kindlichen Hüpfer inklusive Jauchzer loslässt, als ihm gesagt wird, dass er von Anfang an spielen darf. Aber insgesamt hat mir der Film nichts Neues erzählt und in seiner Enge irgendwie enttäuscht. Szenen wie die mit dem leeren Grundstück oder mit dem Konflikt zwischen Nolte und seiner Flamme, die ihm den Sport ausreden will, fand ich sehr klischeehaft, genau wie seine Rede am Ende. Da finde ich etwa die Lösung mit dem finalen Striptease in SLAPSHOT sehr viel eleganter, offener und vielschichtiger. Aber natürlich ist NORTH DALLAS FORTY kein schlechter Film. Ich schaue mir den wahrscheinlich irgendwann nochmal an, vielleicht reden wir dann noch einmal.

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